Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Heimat: Kein Ort, sondern ein Gefühl

Thema des Tages Heimat: Kein Ort, sondern ein Gefühl

Dem Thema Heimat in all seinen Facetten widmen die Schaumburger Nachrichten von heute an eine ganze Serie. Bis Ende des Jahres werden in lockerer Folge Geschichten, Hintergründe, Portraits und Interviews erscheinen, die das SN-Motto „Heimat erleben“ und das Schaumburger Land von allen Seiten beleuchten.

Voriger Artikel
Schwerelos
Nächster Artikel
Zerbrechliche Schätze

Es ist dieser Moment, wenn ich von der Bundesstraße abbiege und an der alten Holzscheune vorbei auf den Hof meiner Eltern fahre. Dann weiß ich, dass ich zu Hause bin. Dort riecht es wie früher: nach Sommer, Getreidefeldern und ein bisschen nach Pferd. Dort kann ich den Alltag abschütteln. Dort bekomme ich ein Stück Kindheit zurück. Aber es funktioniert auch andersrum. Wenn ich in Hannover über die Limmer Straße laufe und am Küchengarten Kaffee trinke. Oder wenn ich Jahre nach meinem Studium zurück nach Dresden komme, auf das grandiose Elbpanorama schaue und mich über den sächsischen Gruß der Konsum-Kassiererin freue. Dann denke ich: Endlich wieder daheim!
Heimat ist schwer zu definieren. Heimat ist für jeden Menschen etwas ganz Individuelles. Für mich ist Heimat, wenn ich die Wohnungstür aufschließe und meine Tochter in meine Arme rennt. Wenn die Frau vom Kiosk nebenan wortlos die richtige Sorte Schokolade auf den Tresen legt. Und wenn ich mit meinem Mann unser Zelt auf einem kroatischen Campingplatz aufbaue.
„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“, singt Herbert Grönemeyer und meint damit die Tatsache, dass Heimat nie einfach nur Kulisse ist. Ein Ort oder eine Region wird nicht zur Heimat, nur weil man dort aufgewachsen ist. Ein Ort wird erst zur Heimat, wenn man sich aktiv mit ihm und seinen Menschen auseinandersetzt. Heimat ist der Sportverein, die Eckkneipe und die Kantine. Heimat ist der Krater in Bad Nenndorf, die Wassermühle in Krebshagen und die Hüttenstraße in Stadthagen. Heimat ist überall dort, wo man sich verstanden und zugehörig fühlt, wo Leute sind, die man mag und von denen man gemocht wird. Und Heimat ist Erinnerung. Diese Mischung aus Geräuschen, Gerüchen und Geschmäckern, die sich tief ins Unterbewusstsein eingebrannt haben. Der Geruch von frisch gebackenen Keksen, der Geschmack von Omas Hochzeitssuppe und das Gute-Nacht-Lied aus der Kindheit. Der Ort oder die Zeit, die maßgeblich die eigene Mentalität, die Weltauffassung geprägt hat.
In den sechziger und siebziger Jahren war das noch ganz anders. Damals war Heimat kitschig, spießig und rückwärtsgewandt. Im Wort Heimat schwang ein Hauch nationalen Pathos’ mit. Heute ist Heimat wieder salonfähig, weil in ihr das Grundbedürfnis der Menschen nach Beständigkeit und Vetrautheit in einer globalisierten Welt steckt.
Und Heimat ist Sehnsucht. „Ich weiß erst, was Heimat für mich bedeutet, seit ich sie vor ein paar Monaten verlassen habe“, erklärt Wiebke Knüttel. Die 18-Jährige aus Bad Nenndorf lebt noch bis September in Südafrika und arbeitet dort für das Projekt „weltwärts“. Es sind die kleinen Dinge, die sie zu Hause gar nicht wahrgenommen hat, die Wiebke in Johannesburg vermisst. Gutes deutsches Essen, eine sichere Wasser- und Stromversorgung. Die Möglichkeit, bei Dunkelheit allein mit dem Rad unterwegs zu sein. Der Schriftsteller Bernhard Schlink hat dieses Gefühl in einem Aufsatz so umschrieben: „Das eigentliche Heimatgefühl ist Heimweh.“
Klar, ihr fehlen ihre Familie und ihre Freunde, sagt Wiebke. Richtiges Heimweh „mit In-der-Ecke-sitzen, Zurückwollen und Weinen“ hat sie aber nicht. Dafür habe sie schnell ein neues soziales Umfeld gefunden und die vielen neuen Eindrücke als aufregend und abenteuerlich empfunden.
Sich in der Fremde nicht fremd fühlen: Mit ihrer Fähigkeit, sich dort wohlzufühlen, wo sie ist, kommt die junge Frau dem Wesen von Heimat ganz nahe. Wiebke ist lebendes Beispiel dafür, dass man Heimat in sich selbst trägt. Denn Heimat kann man sich machen. Überall.

Auch unsere Leser haben sich Gedanken darüber gemacht, was Heimat für sie bedeutet:

Eine SN-Leserin unter dem Spitznamen Petra Hm via Facebook: „Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum. Wie gute Luft, die man atmet und für selbstverständlich hält. Erst wenn beides fehlt, erkennt man ihren Wert.“

Tilman Holthöfer via Facebook: „Heimat ist da, wo ich groß geworden bin, da wo ich Scheiße gebaut habe als Kind, do wo ich mich wohl fühle.“

Eine SN-Leserin mit dem Spitznamen Sol Vig Oceanis via Facebook: „Heimat ist, wenn man plötzlich in der Ferne ein SHG-Kennzeichen sieht und es einem sofort ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.“

Eine SN-Leserin mit dem Spitznamen Schnödi Brinschipessa Pöö via Facebook: „Heimat ist ein Baum, Luft und Wiesen. Menschen, die einem am Herzen liegen. Ein Ort mit Erinnerungen.“

Eine SN-Leserin unter dem Spitznamen Andromeda Nebel via Facebook: „Heimat ist da, wo mein Herz zur Ruhe kommt, wo meine Familie und meine Freunde sind.

Chantal Angelis via Facebook: „Heimat ist dort, wo meine Liebsten sind: Mit meinem Mann und unserer Tochter an meiner Seite fühle ich mich angekommen.“

+++Nachgefragt+++

Carl-Hans Hauptmeyer, Historiker und emeritierter Professor für Regional- und
Lokalgeschichte an der Leibniz-Universität Hannover.
Seine Habilitationsschrift widmete sich dem Absolutismus und dem Souveränitätsproblem am Beispiel der Grafschaft Schaumburg beziehungsweise Schaumburg-Lippe.

Kann man Heimat definieren?
Traditionell wurde Heimat mit dem Ort in Verbindung gebracht, an dem ein Mensch seine Kindheit und Jugend verlebte. Heute wird Heimat eher als Region verstanden, in der ein Mensch gern ist und sich wohlfühlt. Im Laufe des Lebens kann ein Mensch mehrfach ein Heimatgefühl entwickeln. Stets geht es um aktuell empfundene Identität.
Braucht jeder Mensch eine Heimat?
Seit es Menschen gibt, leben sie in Horden. Vor einem bestimmten Ort ist die Gruppe der wichtigste Bezugspunkt, heute also Freude, Familie, Verein. In diesem Sinne braucht jeder Mensch Heimat, und zwar als eine soziale Beziehung, nicht zwingend als eine ortsgebundene.
Vor 40 Jahren wurde Heimat als provinziell und spießig abgetan, heute bekennt man sich wieder zu dem Ort, an dem man sich heimisch fühlt. Warum?
In der Mitte der Siebziger Jahre wurde die Zukunftseuphorie immer brüchiger. Energie- und Umweltprobleme wurden diskutiert, gesichtslos modernisierte Städte und Dörfer zunehmend als hässlich empfunden. Kritik gegen Globalisierung fördert seither die Besinnung auf das Lokale und Regionale. Uns wurde wieder bewusst: Zukunft braucht Herkunft. Das hält bis heute an, zumal Industrialisierung 4.0 oder das Internet der Dinge neue Lokalität in der vernetzten Welt ermöglichen.

Von Katharina Grimpe

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr