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Ich sehe was, was du nicht siehst

Thema des Tages Ich sehe was, was du nicht siehst

Wagners „Rheingold“ besteht aus braunen und gelben Röhren – das war für Matthias Waldeck klar. Bis er feststellte, dass seine Mitmenschen die Welt anders wahrnehmen. Waldeck ist Synästhetiker: Sein Gehirn verknüpft Wahrnehmungsbereiche, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Lange hatte das Phänomen den Ruch der Einbildung, nun können Forscher die Ursachen erklären – und zeigen, wie bereichernd es sein kann.

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Es gibt Menschen, für die ist das T orangefarben, Geigentöne sehen aus wie rote Kreise, Spinat schmeckt blau-silbern – oder gelb gestrichene Wände klingen in C-Dur. Die Wissenschaft bezeichnet dieses Phänomen als Synästhesie, als sogenannte Mitwahrnehmung: Wird ein Sinnesorgan gereizt, wird im Gehirn ein anderer Bereich der Wahrnehmung mitgereizt – auf dem Weg vom Auge zum entsprechenden Gehirnlappen nimmt der Sinnesreiz gewissermaßen eine Abkürzung, etwa über das Geschmackszentrum. Bekannt ist dieses Phänomen seit rund 300 Jahren, sich seinen Ursachen zu nähern und es damit auch vom Ruch der Einbildung zu befreien, ist Forschern erst in letzter Zeit gelungen.
 Demnach handelt es sich um ein „Binding“-Problem: Binding ist die Fähigkeit des Gehirns, Reize so zu koppeln, dass ein einheitliches Ganzes entsteht. Die Gehirne von Synästhetikern sind zu „Hyperbinding“ in der Lage – sie verfügen über mehr Kopplungen als üblich. Die Nervenverbindungen ähneln dabei denen von Säuglingen: Babys nehmen Hör-, Seh- und Berührungsreize als ein Gemisch wahr. Erst mit etwa drei Lebensmonaten werden die verschiedenen Reize unterschieden und die neuronalen Verbindungen verschwinden. Bei Synästhetikern allerdings bleiben sie bestehen – und ermöglichen somit beispielsweise das Farbenhören, die häufigste Form der Synästhesie.
 „Synästhetiker haben eine völlig andere Wahrnehmung. Sie sind aber nicht krank, sondern völlig normal“, erklärt Markus Zedler, Mitglied des Synästhesie-Forschungs-Teams der Medizinischen Hochschule Hannover. Noch Mitte der 1970er Jahre ging man davon aus, dass es im Schnitt unter zwei Millionen Menschen einen Synästhetiker gebe; neuere Forschungen schätzen das Verhältnis auf 1:200 bis 1:1000. Etwa 85 Prozent sind Frauen. Als Persönlichkeitsmerkmal hat Zedler bei Synästhetikern unter anderem eine „verstärkte Intuition“ festgestellt: sie hätten eine Art Vorahnung, „nicht im parapsychologischen Sinn, sondern als Wissen um Dinge, noch bevor sie analysiert sind“. Zudem seien viele Synästhetiker ausgesprochen kreativ, oft ist das Phänomen auch an eine Hochbegabung gekoppelt.

+++Interview+++

Matthias Waldeck kann Farben hören: Im Interview erklärt er, wie er seine Umwelt wahrnimmt – und wie für ihn Lachen aussieht

Matthias Waldeck

Quelle:

Matthias, wie nimmst du deine Umwelt wahr?
Alles, was ich höre, wird automatisch in eine dreidimensionale Form und in eine Farbe umgewandelt. Auf einer Art innerem Monitor, der mich wie eine Kugel umgibt, visualisiere ich jedes Geräusch, das ich wahrnehme. Wird das Geräusch hinter mir erzeugt, dann „sehe“ ich es auch hinter mir – Synästhetiker reden oft von „sehen“, obwohl es eigentlich eher ein Empfinden ist. Dabei habe ich hinten natürlich keine Augen.
Sehen unterschiedliche Geräusche unterschiedlich aus?
So ist es. Wobei man sagen muss: Jeder Synästhetiker hat sein eigenes „Lexikon“ – wenn zehn „Farbenhörern“ dasselbe Musikstück vorgespielt wird, dann würde jeder dieses Stück farblich anders beschreiben. Bei mir ist das so: Blechblasinstrumente nehme ich gelb wahr, einen langen Trompetenton etwa als gelbe Röhre. Je höher der Ton, desto höher, schmaler und heller die Röhre: Die Tuba zum Beispiel erzeugt eine breitere, dunklere Röhre als die Trompete. Geigenklänge sehe ich als dünne, braune Wollfäden, den Kontrabass als sehr breiten, dunklen Faden. Flötentöne sind hell- bis dunkelrote Röhren mit metallener Oberfläche, Schlaginstrumente sind silbrig-glänzend.
Und wie ist es mit Wörtern? Welche Formen und Farben erzeugen bei dir menschliche Stimmen?
Alles das, was ich denke, spreche und höre, setze ich automatisch in ein Textlaufband um, wie bei einer Nachrichtensendung. Wenn du sprichst, ist das Band genau vor deinem Mund – sprechen mehrere Leute gleichzeitig, sehe ich verschiedene Laufbänder aus unterschiedlichen Richtungen. Wenn ich nicht lesen kann, was jemand sagt, dann verstehe ich ihn auch nicht.
Eine Farbe erzeugt meine Stimme also nicht?
Doch, ich sehe die Wörter, die du sprichst, in deiner Stimmfarbe.
Welche ist denn meine Stimmfarbe?
Das ist leider alles Grau.
Das klingt ja nicht so toll.
Das sagt jeder. Aber wenn du singen würdest, würde dieses Grau etwas Farbe bekommen und aufgeraut werden. Je weicher die Stimme, desto glatter wird die Oberfläche der Buchstaben: Louis Armstrongs Stimme nehme ich gelblich-grau und sehr stark aufgeraut wahr, Joe Cocker klingt in der Mitte leicht rosa und an den Rändern grau ausgefranst.
Gibt es auch heute noch Dinge, die du an dir, an deiner Begabung, neu entdeckst?
Ja, ständig. Eines meiner Bilder ist erst vor kurzem entstanden: „Husten über abtauender Schneelandschaft“. Da war ich bei Tauwetter unterwegs, und plötzlich hustete jemand. Ich habe schon tausend Leute tausendmal husten gehört, aber dieses Husten war so charakteristisch, das hatte ich in dieser Form noch nie so gehört. Es stand fast plastisch vor mir.
Wie sieht denn Lachen für dich aus?
Wenn jemand lacht, sehe ich vor seinem Gesicht ein „Hahahahaha“.
Im Ernst? (lacht)
Bei dir ist es eher ein „Hihihihihi“.

Wann hast du gemerkt, dass du die Dinge anders wahrnimmst als die meisten deiner Mitmenschen?
Das ist vor 40 Jahren im Musikunterricht entdeckt worden. Wir haben die Oper „Das Rheingold“ von Richard Wagner gehört, das Vorspiel, und sollten unseren Höreindruck wiedergeben. Als ich drankam, erzählte ich etwas von braunen und gelben Linien, die sich an der Tafel vorbei zum Fenster ziehen – und alle guckten mich groß an. Ich war damals völlig überrascht, dass meine Mitschüler die Farben nicht sehen konnten! Für mich war das selbstverständlich. Diese Schwierigkeit beschäftigt vor allem junge Synästhetiker oft: Sie haben das Gefühl, nicht ganz normal zu sein.
Ist es möglich, dass deine Synästhesie eines Tages verschwindet?
Ja, das kann sein, durch einen Schlaganfall zum Beispiel. Dann müsste ich mich völlig neu orientieren. Das geht bei so einfachen Dingen los: Wenn ich im Radio ein bekanntes Lied höre, zum Beispiel „Let it be“ von den Beatles, sehe ich ein bestimmtes Bild. Es ist immer dasselbe Bild. Wenn aber jemand „Let it be“ auf der Gitarre spielt, ohne dazu zu singen, kann es passieren, dass ich das Lied nicht erkenne, weil das Bild ein anderes ist. Es sieht anders aus, ich kann es im Gedächtnis nicht abrufen.
+ Mit seiner Synästhesie setzt sich Matthias Waldeck in Bildern und Collagen auseinander: Die Ausstellung „Töne – Strukturen – Collagen“ ist bis zum 14. April in der Hamelner Praxis am Posthof zu sehen: montags bis freitags von 7.30 bis 18 Uhr.

+++Info+++ 

Künstler und Kreative

Obwohl die Synästhesieforschung noch recht jung ist und erste Feststellungsverfahren erst Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, wird eine Synästhesie heute auch bei einigen historischen Persönlichkeiten vermutet. Erstaunlich viele von ihnen taten sich durch besonders kreative Leistungen hervor. Der russische Maler Wassily Kandinsky (Jahrgang 1866) etwa soll Tönen geometrische Formen zugeordnet haben, Gelb beispielsweise empfand er als sehr „spitz“. Viele seiner Bilder – wie das oben abgebildete „Macchia nera I“ aus dem Jahr 1912 – versuchte er zu komponieren wie Musik: Er verglich die Harmonie von Farben mit der Harmonie von Klängen. Komponist Franz Liszt (Jahrgang 1811) soll bei einer Orchesterprobe in Weimar darum gebeten haben, seine Musiker „ein bisschen blauer“ zu spielen, und „das tiefe Violett (...) nicht so rosa!“ – „Die Düfte, die Farben, die Klänge der Welt – sie antworten einander“, heißt es bei dem französischen Schriftsteller Charles Baudelaire (Jahrgang 1821). Zudem wies er darauf hin, dass sich seine synästhetische Begabung nach dem Genuss von Marihuana rasant steigerte. Überdurchschnittliche Kreativität in einem anderen Bereich legte der vermutliche Synästhetiker Nikola Tesla (Jahrgang 1856) an den Tag: Er erfand den Wechselstrom, der heute in jedem Haushalt Glühbirnen und Staubsauger versorgt. 

Von Wiebke Westphal

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