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Soonbog Fleischer kommt 1970 als Krankenschwester nach Deutschland Ihre Heimat ist hier

Sie war gerade mal 20 Jahre alt, als sie als Krankenschwester im Mai 1970 aus Südkorea nach Berlin kam.

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Soonbog Fleischer, eine echte Kulturbotschafterin für Südkorea in Deutschland. 

Quelle: pr.

Thema des Tages. Dank eines Staatsvertrages zwischen dem asiatischen Land und der Bundesrepublik Deutschland hatte sich das damals noch bettelarme Südkorea bereit erklärt, als Gegenleistung für einen Kredit in Deutschland dringend benötigte Grubenarbeiter und gelernte Krankenschwestern zu schicken. „Wir mussten uns jeweils für drei Jahre verpflichten“, erinnert sich Soonbog Kim, wie sie damals hieß.

Längst trägt sie den Familiennamen Fleischer, denn aus den drei Jahren sind sehr viel mehr geworden und „Soony“, wie ihre Freunde sie nennen, ist zwar mit ganzer Seele noch immer Koreanerin, aber ihre wirkliche Heimat hat sie in Diedersen bei Hameln gefunden, obwohl sie während ihrer Zeit in Berlin eigentlich immer zurück nach Korea wollte.

„Dabei haben wir in Deutschland viel besser verdient als in Südkorea – ungefähr das Fünffache dessen, was unsere Landsleute daheim bekamen. Heute ist das umgekehrt. Heute verdient eine Krankenschwester in Südkorea doppelt sie viel wie eine in Deutschland.“ Allein 20 000 südkoreanische Krankenschwestern arbeiteten in den 1970er Jahren in Deutschland und Tausende Grubenarbeiter.

Heute sind es nach Darstellung von Soonbog Fleischer immerhin noch 10 300 Krankenschwestern, die in deutschen Kliniken mit dafür sorgen, dass es hier in den Krankenhäusern zu keinem Pflegenotstand kommt. Fremdenfeindlichkeit habe sie in Deutschland nie erlebt, auch nicht den Vorwurf, „dass wir deutschen Arbeitskräften die Arbeitsplätze wegnehmen“.
Ihren Ehemann Rolf hat Soonbog erst nach zehn Jahren in Berlin kennengelernt, wo er damals Medizin studierte. „Da hat es zwischen uns gefunkt und wir haben schon nach einem Jahr geheiratet.“ Zwei Kinder hat sie in Deutschland zur Welt gebracht und ist sehr stolz darauf, dass beide es bis zu akademischen Ehren gebracht haben: Sohn Olaf ist promovierter Hand- und Schönheitschirurg, Tochter Tanja eine promovierte Veterinärin.

Als sie in Berlin angekommen sei, habe sie kein Wort Deutsch gesprochen. „Aber das machte nichts“, erzählt sie, „wir waren fleißige, freundliche Krankenschwestern, von denen die Patienten geschwärmt haben und im Gespräch mit ihnen haben wir die Sprache erlernt.“ Viele von ihnen seien in Deutschland geblieben, obwohl damals die meisten bei ihrer Verpflichtung gar nicht gewusst hätten, wo die Bundesrepublik überhaupt liegt.

Längst aber ist Soonbog Fleischer so etwas wie eine inoffizielle Kulturbotschafterin ihres Landes und wurde auf Empfehlung des südkoreanischen Konsuls in Hamburg zur Delegierten der Südkoreaner in Deutschland im Nationalen Wiedervereinigungskomitee des geteilten Landes ernannt, denn auch die Südkoreaner haben den großen Wunsch, die Teilung ihres Landes, so wie in Deutschland, zu beenden und im nördlichen Teil ihrer Heimat wieder menschenwürdige Verhältnisse einzuführen.
Vorsitzende dieses Komitees ist übrigens Präsidentin Park Geun Hae, die erste bedeutende Politikerin Südkoreas, der bescheinigt wird, der Wiedervereinigung mit Nordkorea höchste Priorität auf ihrer politischen Agenda zu verleihen, denn in der Vergangenheit galt das Hauptaugenmerk der Führung in der Hauptstadt Seoul der wirtschaftlichen Entwicklung und dem industriellen Fortschritt – tatsächlich ist das kleine Land heute ein wirtschaftlicher Riese.

„In dem Komitee werden mit Blick auf die deutschen Erfahrungen mit der Wiedervereinigung Lösungen erarbeitet, um darauf vorbereitet zu sein, wenn die Grenze eines Tages fällt“, schildert sie die Arbeit der europäischen Delegierten, die im vergangenen Jahr auf Einladung von Bundestagspräsident Norbert Lammert im Reichstag in Berlin tagten, aber auch Sitzungstermine in ganz Europa haben. Auch diese Tätigkeit von Soonbog Fleischer ist ehrenamtlich – selbst die Flugtickets für die Reisen zu den Tagungen des Komitees zahlt sie aus eigener Tasche.
Doch hegt sie keine große Hoffnung, dass es schon bald zur Wiedervereinigung der verfeindeten Staaten kommen könnte.

„Ich sehe nicht, dass da schnell etwas daraus wird“, zeigt sie wenig Optimismus. Noch vor dem Mauerfall hatte Willy Brandt im Herbst 1989 die Hoffnung geäußert, die Teilung Koreas könne schneller enden als die in Deutschland – er wurde eines Besseren belehrt. Als große Ehre schätzt sie die Tatsache ein, dass sie im September mit rund 500 anderen Delegierten von Staatspräsidentin Park zu einem Empfang in den Präsidentenpalast in Seoul eingeladen war.

In Nordkorea selbst war „Soony“ noch nie, „obwohl ich mit meinem deutschen Pass dorthin reisen könnte“. Aber allein der Gedanke, sich einer Dauerbespitzelung und -bewachung während einer Nordkorea-Reise auszusetzen, weckt sichtlichen Widerwillen bei Soonbog Fleischer. Dafür fliegt sie mindestens einmal pro Jahr in ihre alte Heimat und lässt den Kontakt zu ihrer nahe der nordkoreanischen Grenze gelegenen Provinz Gangwondo nicht abreißen.

Zwei Jahre hat sie allein daran gearbeitet, eine originalkoreanische Wassermühle für das Mühlenmuseum in Gifhorn aus der Provinz nach Deutschland zu holen. Auf ihr Betreiben hin ließ der Gouverneur von Gangwondo, vergleichbar mit den deutschen Ministerpräsidenten, den Nachbau in Südkorea herstellen. Per Schiff wurde das Modell nach Deutschland gebracht und schließlich in Anwesenheit des koreanischen Konsuls im Museum der Öffentlichkeit übergeben. Es war eine Aktion, die sich der Gouverneur rund 500 000 Euro kosten ließ.

Das Organisieren muss eine der Stärken von Soonbog Fleischer sein, denn was sie anpackt, führt sie auch zum Erfolg. Als der Jahrtausend-Tsunami vor zehn Jahren die Küstenstaaten Südostasiens verwüstete und auch auf Sri Lanka seine Schreckensspur hinterließ, organisierte sie zur Unterstützung des Hamelner Hilfsvereins Interhelp ein koreanisches Trommelkonzert im Theater Hameln und verkaufte selbst 500 Eintrittskarten an Freunde und Bekannte, um den Bau von Häusern auf Sri Lanka zu unterstützen.
Dass „Soony“ zur Delegierten in dem Komitee ernannt wurde, verdankt sie vermutlich ihrem viele Jahre andauernden Engagement vor allem für die kulturellen Belange Südkoreas in Deutschland. Jahrelang war sie die zweite Vorsitzende des koreanisch-deutschen Vereins in Bonn, sechs Jahre erste Vorsitzende der Regionalgruppe Niedersachsen mit Sitz in Hannover. Zehn Jahre lang gab Soonbog Fleischer Kurse an der Volkshochschule in Hameln und weihte die Seminarteilnehmer in die Geheimnisse der koreanischen Kochkunst ein, sechs Jahre lehrte sie zudem Ikebana, die japanische Kunst des Arrangierens von Blumen.

„Wenn Soony gebraucht und gerufen wird, dann kommt sie“, schildert eine Freundin ihr unermüdliches Engagement. Als zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 rund 5000 Koreaner nach Deutschland gekommen waren, begleitete sie im Anschluss an die WM eine Woche lang schwerbehinderte südkoreanische Sportler durch Deutschland, die zur WM der Geistigbehinderten hierher gekommen waren.

„Das war meine beste Arbeit überhaupt“, kommentiert sie die Aktion, die von ihr organisiert worden war, bei der sie gekocht hatte und alles mit einem Besuch der ganzen Gruppe, mit Betreuern und Trainern immerhin 50 Leute, in Diedersen zu einem guten Ende brachte.

Im vergangenen Dezember wurde Soonbog Fleischer für ihre großen Verdienste um die koreanische Kultur im südkoreanischen Konsulat in Hamburg mit dem Präsidenten-Orden von Südkorea ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat.  Wolfhard F. Truchseß

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