Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Im Kampf gegen den Brustkrebs

Thema des Tages Im Kampf gegen den Brustkrebs

Insbesondere Frauen im Alter zwischen 50 und 69 erkranken häufig an Brustkrebs. Inzwischen gibt es flächendeckend ein Mammographie-Screening-Programm. Untersuchungen werden von Radiologien – oft im sogenannten „Mammo-Mobil“ durchgeführt. Die Fachärztin Regine Rathmann sagt, nach zehn Jahren habe man festgestellt: Tumore werden in viel früheren und besser behandelbaren Stadien entdeckt.

Voriger Artikel
Das große Aufräumen
Nächster Artikel
Wenn’s weiß wird

Mammographie-Screening: Mehr als die Hälfte aller Frauen zwischen 50 und 69 lassen sich vorsorglich untersuchen. 

Quelle: dpa

Seit zehn Jahren läuft das Programm Mammographie-Screening in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont. Regine Rathmann ist Fachärztin für Radiologie und für das Screening im Raum Hannover und Umgebung zuständig ist, nimmt diesen runden Geburtstag zum Anlass, Résumé zu ziehen.
 Angetreten seien die Initiatoren des Screening-Programms vor zehn Jahren mit dem Anspruch, durch verbesserte Früherkennung die Sterblichkeit bei Brustkrebserkrankungen zu senken. Und heute könne man so langsam die Auswertung des bisher Erreichten beginnen und überprüfen, ob man sich dem ursprünglichen Ziel genähert habe, sagt die Radiologin.
 Dabei lasse sich zwar zum Hauptthema Mortalitätssenkung aktuell noch keine Angabe machen. „Da werden sehr komplexe Daten über einen langen Zeitraum benötigt“, erklärt Rathmann, „und wir erwarten erste aussagekräftige Ergebnisse im Jahr 2019.“
 Doch sie freue sich, auf anderen Ebenen schon positive Entwicklungen vorstellen zu können. „Wir verzeichnen eine deutliche Abnahme bei der Entdeckung von größeren Tumoren, von invasiven Tumoren, die eine Tendenz zur Metastasenbildung in sich tragen, und bei Tumoren, die schon metastasiert haben. Während diese in den ersten Untersuchungsdurchgängen noch häufig gefunden wurden, sind sie in den Folgeuntersuchungen seltener geworden“, erklärt die Fachärztin.
 Ein Zahlenbeispiel: In einer Studie, die Brustkrebserkrankungen in den Jahren 2000 bis 2005 untersucht hat, wurden laut Rathmann noch 93 Prozent der Erkrankungen dem Typus „invasiv“ zugeordnet. „Wir fanden bei unserem Screening 2011 nur noch 79 Prozent invasiver Karzinome“, erläutert die Ärztin. Ähnliche Entwicklungen habe es in diesen Jahren bei der Größe der Tumoren und beim Lymphknotenbefall gegeben. Rathmann wertet das als Erfolg.
 „Zusammenfassend kann man sagen, dass wir heute die Tumoren in früheren, besser behandelbaren Stadien entdecken. Für die Patientinnen ist das ein riesiger Fortschritt. Denn es werden in der Folge nur kleinere Eingriffe notwendig, was wiederum die Lebensqualität der Erkrankten enorm verbessert“, sagt sie. Bei ganz kleinen Tumoren reiche manchmal schon die Biopsie (Gewebeprobeentnahme zur Bestimmung von Gut- oder Bösartigkeit des Tumors) als Behandlung.
 Inzwischen gibt es bundesweit knapp hundert Screeningeinheiten, Facharztteams aus Radiologen, die allen Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre eine kostenlose und qualitativ hochwertige Mammographie anbieten.
 So wie Regine Rathmann die Untersuchungen für Patientinnen in und um Hannover und im Landkreis Schaumburg anbietet, gibt es zusammengefasst für die Bereiche Hameln-Pyrmont Hildesheim, Holzminden, Northeim, Osterode und Göttingen eine ebensolche Screeningeinheit. Nach eigenen Angaben hat diese in den vergangenen zehn Jahren nach Erstellung von 275 000 Mammographien 1750 Brustkrebsdiagnosen gestellt. Das entspreche einer Entdeckungsrate von 0,64 Prozent, gemessen an den durchgeführten Untersuchungen.
 Dass überhaupt auch sehr kleine Veränderungen im Gewebe der Brust erkannt und genau lokalisiert werden können, hat mehrere Gründe. Zum einen kommt den Patientinnen beim Mammographie-Screening die Erfahrung der untersuchenden Ärztinnen zugute. Es macht schon einen Unterschied, ob ein Arzt in seiner Praxis gelegentlich Röntgenbilder wegen eines Brustkrebsverdachtes auswerten muss, oder ob man, wie Rathmann und ihr Screening-Team, tagtäglich mit diesem bildgebenden Verfahren beschäftigt ist. Gerade beim Auffinden von kleinen und kleinsten Veränderungen („Wachsam werde ich immer, wenn die auffälligen Stellen nicht glatt und rund sind, sonder so auslaufende ‚Füßchen‘ entwickeln“) hilft ein geschultes Auge ganz ungemein.
 Als ebenso hilfreich hat sich eine neue Technik erwiesen. Wenn die Ärztinnen sich trotz bester digitaler Röntgenaufnahmen, die sich zur Detailansicht auch ohne großen Qualitätsverlust vergrößern lassen, nicht sicher sind, ob ein echter Befund vorliegt, dann bitten sie manche Patientinnen, in ihre stationäre Praxis zu kommen. Dort steht ein Apparat für Tomosynthese, der Schichtbilder des Brustgewebes herstellen kann.
 Der Vorteil dieser Technik: War der Tumor im ursprünglichen Röntgenbild nur als kleiner heller Fleck zu erkennen, zeigt das tomosynthetische Schichtbild den Fremdkörper deutlich und plastisch. Er sieht ein bisschen aus wie ein Geröllbrocken in einer Mondlandschaft. Nachteil der Methode: Sie bringt die doppelte Belastung an radioaktiven Strahlen für die Patientin mit sich. Und ein weiterer Nachteil ist, dass die Kosten des Verfahrens noch nicht von den Krankenkassen übernommen werden.
 „Wir bieten die Tomosynthese unseren Patientinnen jedoch trotzdem kostenfrei an, einfach weil wir dieses Verfahren zur Diagnose in manchen Fällen so sehr zu schätzen gelernt haben“, berichtet Rathmann. Dabei müssen die radiologischen Praxen, die die Lizenz zur Screening-Ausübung bekommen haben, genauso wirtschaftlich vorgehen wie jede andere Praxis auch. Finanzielle Grundlage sind die Erstattungen der Untersuchungsgebühren durch die Krankenkassen. Rathmann betont, dass die am Programm beteiligten Ärzteteams einer ständigen Qualitätskontrolle unterliegen. Das finge bei ganz praktischen Dingen wie einem Patientinnenfragebogen an, wo diese ihre Behandlung im „Mamma-Mobil“, dem Röntgenlabor auf Rädern, bewerten würden.
 Freundlichkeit, Beratung, Wartezeiten und ähnliches könne hier kommentiert werden. Als positives Feedback interpretiert die Radiologin die Zahlen der „Wiederholungstäterinnen“.
 Wer einmal zur Untersuchung da war, kommt mit beinahe 90-prozentiger Sicherheit auch zum nächsten Termin zwei Jahre später. Besonders streng wird bei den Qualitätskontrollen auf zwei Zahlen geachtet, die in ihrer Kombination zu einer Gratwanderung für die Screening Teams führen. „Einerseits wird von uns erwartet, dass wir jährlich dreimal so viele Krebserkrankungen entdecken, wie sie bisher offiziell in der Region dokumentiert wurden. Dreimal höher als die regionale Hintergrundinzidenz heißt das Ziel dann fachlich korrekt“, erklärt Rathmann. „Auf der anderen Seite gibt es die Anforderung, nicht zu viele Verdachtsfälle zur Abklärung zu schicken.“
 Gerade an dieser Stelle hätten sich im Vorfeld viele Diskussionen entzündet. „Kann es richtig und gesund sein, Tausende von Frauen mit vagen Verdachtsmomenten in große Ängste zu versetzen, nur damit statistisch ein paar mehr Brustkrebsfälle entdeckt werden?“ – so lautete eine Frage, die in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert worden ist.
 Für die untersuchenden Mammographie-Screening-Praxen sind deshalb prozentuale Vorgaben entwickelt worden, in deren Rahmen sich ihre Abklärungsrate bewegen muss. „Das zwingt uns, konzentriert und konsequent unsere Fähigkeiten zur Interpretation der Röntgenbilder anzuwenden und weiter zu entwickeln“, erklärt die Ärztin. Zur Bewertung würden zudem immer zwei Fachärzte zusammenarbeiten. „Und außerdem liegt es uns sowieso fern, leichtfertig mit dem Krankheitsverdacht umzugehen und Patientinnen ohne wirklich erkennbare Anzeichen zu weiteren Untersuchungen wie Ultraschall, Tastuntersuchung oder Tomosynthese zu schicken.“
 Manches Ziel, das die Entwickler des Screening-Programms noch vor Augen hatten, musste mit Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen doch ein wenig zurückgenommen werden. Das gilt vor allem bei den Teilnehmerzahlen. Echte Krieger im Kampf gegen den Brustkrebs hätten wahrscheinlich am liebsten alle Frauen, die rein statistisch gefährdet sind, zur Untersuchung verdonnert.  Schon etwas gemäßigter lautete das Ziel im Jahr 2005, man strebe an, dass 70 Prozent der eingeladenen Frauen auch wirklich zur Untersuchung erscheinen sollten. Heute sei man schon mit einer Teilnahmequote von 50 bis 60 Prozent zufrieden, räumt Rathmann ein. „Auf Gesetzgeberseite hat es in den letzten Jahren eine Entwicklung zur Stärkung der Patientenrechte gegeben. Freiwilligkeit bei medizinischen Maßnahmen und Behandlungen werde zurecht groß geschrieben.
 Das für Hameln-Pyrmont zuständige Screening-Team gibt an, bei der Teilnahmequote alle Erwartungen erfüllt zu haben. Mit einer Teilnahmerate von 63 Prozent liege der Bereich Hameln und Südniedersachsen deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 55 Prozent.
 Mit der Resonanz auf das Screening ist auch Regine Rathmann sehr zufrieden. „Generell wird das Programm im ländlichen Raum besser angenommen als in den großen Städten“, berichtet die Radiologin.
 Verbesserungen könnte es noch bei der Auswahl der Plätze für das Mamma-Mobil geben. „Direkt auf dem Marktplatz vor aller Augen ins Mamma-Mobil zu steigen, ist vielen Frauen unangenehm. Zu abgeschiedene Plätze passen aber auch nicht. Und wir sind auf Starkstrom und Vernetzung angewiesen. Eigentlich stehen wir an Krankenhäusern am besten. Da stimmt auch die Infrastruktur“, stellt sie fest.
 Rathmann erinnert sich noch an einen besonders schrecklichen Standort ihres Mamma-Mobils. „Einmal standen wir direkt am Friedhof. Das war echt schlimm. Das geht gar nicht.“ Denn eigentlich soll, wenn es nach Rathmann geht, das Mamma-Mobil mit Leben, Lebensqualität und Lebensverlängerung assoziiert werden. Was die Lebensverlängerung bei Brustkrebserkrankungen angeht, schaut sie schon ganz gespannt in die Zukunft. Und sie ist sicher nicht die Einzige, die die für 2019 versprochenen Ergebnisse der Forschung kaum erwarten kann.

Von Claudia Masthoff

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr