Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
Im Notfall ohne Rezept

Die "Pille danach" Im Notfall ohne Rezept

Seit dem 16. März ist die „Pille danach“ rezeptfrei erhältlich. Doch wer sie im Ernstfall in einer Apotheke kaufen möchte, könnte eine böse Überraschung erleben: Apotheker und Frauenärzte äußern erhebliche Vorbehalte gegen die Rezeptfreiheit. Und im Zweifelsfall verweigern Apotheker auch die Herausgabe der Nofallverhütung.

Voriger Artikel
Totgesagte leben länger
Nächster Artikel
Energiesparlampe, Halogenbeleuchtung oder LED?

Nicht jede Frau bekommt in heimischen Apotheken die „Pille danach“ ausgehändigt – obwohl sie rezeptfrei ist.

Quelle: dpa

Thema des Tages. Ja, die beiden Frauen waren schon ziemlich sauer“, sagt der Rintelner Apotheker Klaus Bellwinkel. Er spricht von zwei Kundinnen, die am Wochenende in die b33-Apotheke kamen, um sich während der Notdienstzeit die „Pille danach“ zu besorgen. Die beiden gingen davon aus, dass sie dieses Notfall-Medikament zur Verhütung einer Schwangerschaft umstandslos erhalten würden, jetzt, da die Rezeptpflicht dafür aufgehoben wurde.

Offensichtlich aber gibt es Gründe, die Präparate doch nicht auszuhändigen. Bellwinkel jedenfalls legte beiden Frauen nahe, stattdessen zum Frauenarzt zu gehen. Die „Pille danach“ verkaufte er ihnen nicht.

Der Ärger der beiden abgewiesenen Frauen ist nachvollziehbar. Sinn der Rezeptfreiheit von „Pillen danach“ ist unter anderem, dass man nach einem Verhütungsunfall zu Zeiten, in denen Arztpraxen geschlossen haben, eben keine langen Wege gehen muss, um an das benötigte Präparat zur Verhinderung einer ungewollten Schwangerschaft zu kommen. Jede zusätzliche Stunde, die man ungenutzt verstreichen lässt, erhöht die Gefahr, dass Same und Eizelle im Frauenkörper zueinanderfinden.

Die „Pille danach“ verschiebt den Eisprung nach hinten. Innerhalb von 24 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr verhindert sie eine Schwangerschaft mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 100 Prozent. Einen Tag später sinkt dieser Wert bereits auf etwa 85 Prozent und nimmt dann weiter kontinuierlich ab.

Trotzdem haben Apotheker wie Bellwinkel ihre Gründe dafür, die „Pille danach“ im Einzelfall nicht zu verkaufen. Präparate wie „Ellaone“ und „Pidana“ dürfen nur nach einem relativ ausführlichen Beratungsgespräch abgegeben werden. Dabei geht es vor allem um Daten zum Regelzyklus und zum Körpergewicht, von denen abhängt, ob die „Pille danach“ überhaupt wirken kann.

Auch Medikamente, die aktuell eingenommen werden, spielen eine Rolle bei der Wirksamkeit der Verhütungspille. „Solche hoch dosierten Hormonpräparate sollten nicht leichtfertig vergeben werden“, sagt Bellwinkel. Nicht umsonst liege es im verantwortungsvollen Ermessen des Apothekers, ob er die „Pille danach“ herausgibt oder eben nicht.

Er ist nicht der Einzige, der die Rezeptfreiheit dieses Notfall-Medikamentes so kritisch sieht. Rintelner und Hamelner Kollegen äußern ähnliche Bedenken. Susanne Steinbeck, Inhaberin der Post-Apotheke in Rinteln etwa meint, dass vor allem junge Frauen in Zukunft wohl häufiger auf eine vernünftige Verhütung verzichten würden.

„Bisher wurde die ‚Pille danach‘ nur sehr selten nachgefragt“, sagt sie. „Aber nun ist die Hemmschwelle gesunken. Es gab schon im Vorfeld der neuen Regelung jede Menge Nachfragen von Frauen, die das Präparat auf Vorrat kaufen wollten.“

Nicolas Schäfer, Inhaber der Neuen Apotheke am Markt und der Echtern-Apotheke in Stadthagen erklärt hingegen, dass die Nachfrage nach der Notfall-Pille nicht gestiegen ist. „In Stadthagen ist das kein großes Thema. Wir hatten bisher zwei bis drei Fälle pro Monat.“

Steinbeck befürchtet, dass unerkannte Geschlechtskrankheiten zunehmen könnten, sei es, weil man beim Sex auf das Kondom verzichte und dafür auf die „Pille danach“ vertraue, sei es insgesamt, weil die eilig in der Apotheke besorgte Pille einen Besuch in der frauenärztlichen Praxis und genauere Untersuchungen ersetze.

Brigitte Wowra von der Engel-Apotheke betont, dass die Ärzte wissen sollten, welche Hormonpräparate ihre Patientinnen zu sich nehmen. „Außerdem: Wie soll ein nachlässiges Verhütungsverhalten sich verändern, wenn man bei einem Unfall einfach nur schnell eine Pille einnimmt?“

Die Hamelner Gynäkologin Birgit Brauns meint, dass die „Pille danach“ ebenso vom Arzt verschrieben werden solle wie die „normale“ Pille: „Sicher, die ‚Pille danach‘ einzunehmen, ist besser, als eine Abtreibung vorzunehmen. Aber es gibt nun mal einen hohen Beratungsbedarf, allein schon deshalb, weil diese Hormonpräparate den Regelzyklus durcheinanderbringen können. Viele wissen nicht, dass nach der Einnahme von ‚Ellaone‘ oder ‚Pidana‘ die eigentliche Pille nicht mehr wirkt.“

Nun gibt es allerdings handfeste Argumente, mit denen sich die Bedenken von Apothekern und Ärzten gegen die Freigabe der „Pille danach“ relativieren lassen. Das Bedeutsamste von allen: Die „Pille danach“ hat ja – bis auf wenige, sehr seltene Ausnahmen – gerade keine schwerwiegenden Nebenwirkungen. Sie beeinträchtigt auch nicht eine zukünftige Fruchtbarkeit. Eine bereits bestehende Schwangerschaft kann sie nicht gefährden.

Das jedenfalls schreibt aktuell der Bundesverband von „Pro Familia“, der Deutschen Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung, auf seiner Internetseite und bezieht sich dabei auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

So können die Vorbehalte von Apothekern schon verwundern. Warum geben sie die verlangten Präparate nach einem beratenden Gespräch nicht einfach aus, wie sie es bei anderen Medikamenten tun – Schmerzmitteln etwa oder Mitteln gegen Allergien, die ebenfalls mit Müdigkeit oder Übelkeit einhergehen können? Stattdessen, so scheint es, setzen viele von ihnen genau das fort, was an der Rezeptpflicht für die „Pille danach“ kritisiert worden war: Eine Vermischung von moralischen und rein sachlichen Aspekten, die dazu führt, Kunden, die sich ohnehin in einer mit Angst und Sorge besetzten Situation befinden, zusätzlich zu verunsichern oder gar zu beschämen.

Zu diesen Dingen befragt, meint Apotheker Andreas Beißner, Inhaber der Löwenapotheke in Hessisch-Oldendorf und stellvertretender Bezirksapotheker für Hameln: „Ja, es sollte bei den Kundengesprächen wirklich nur um die Sachebene gehen. Dass das anscheinend nicht immer der Fall ist, lässt sich auch damit erklären, dass wir Apotheker ziemlich überrumpelt wurden mit der neuen Regelung.

Manche haben ja noch nicht mal die rezeptfreien Präparate auf Lager.“ Er erinnert an die sechziger Jahre, als das Verhütungsmittel Pille auf den Markt kam und zunächst nur an verheiratete Frauen abgegeben werden durfte. „Es hat zehn, fünfzehn Jahre gedauert, bis die Verhütung durch die Pille zur Selbstverständlichkeit wurde.“

Die „Pille danach“ werde immer noch mit dem Stichwort „Abtreibungs-Pille“ assoziiert. „Das war sie zunächst auch“, sagt er. „Deshalb ja die ganzen Grundsatzdiskussionen darüber, in welchen Fällen sie überhaupt eingesetzt werden dürfe, unabhängig davon, ob es dadurch gesundheitliche Probleme geben könnte.“ Längst aber drehe es sich bei der „Pille danach“ um eine alternative Verhütungsmethode, die einzusetzen vom ethischen Standpunkt aus nicht anders einzuschätzen sei als die regelmäßig eingenommene Pille.

Die eigentliche Gefahr bei der „Pille danach“ bestehe darin, dass sie eine falsche Sicherheit in Bezug auf eine mögliche ungewollte Schwangerschaft vorspiegeln könne. „Wer ganz sichergehen will, sollte unbedingt auch nach Einnahme der ‚Pille danach‘ zum Arzt gehen oder zumindest einen Schwangerschaftstest machen“, so Beißner. Prinzipiell aber läge es im Ermessen der jeweiligen Frauen, ob sie das Medikament nach der eingehenden Beratung durch den Apotheker einnehmen wollen oder nicht.

„An der Beratung, auch am Nachfragen, wie der ‚Unfall‘ geschehen konnte, daran führt kein Weg vorbei, dazu sind wir auch verpflichtet. Es sollte aber schlicht eine Entscheidungshilfe sein und keine Bevormundung.“

Alle befragten Apotheker, auch Gynäkologin Birgit Brauns, sprachen sich entschieden dagegen aus, die „Pille danach“ aus der Hand zu geben, wenn jemand sie auf Vorrat kaufen möchte, quasi als Notfall-Päckchen für den Nachttisch, auf das man im Fall des Falles unkompliziert zugreifen könnte. „Dafür sind diese Präparate einfach nicht vorgesehen“, meint auch Andreas Beißner. „Sie sind eben keine ‚normalen Verhütungsmittel‘, die Kondom oder die Pille ersetzen könnten.“

„Ellaone“ oder „Pidana“ als regelmäßiges Verhütungsmittel anstelle anderer Methoden zu gebrauchen, wäre allerdings schon aus Kostengründen eine eher abwegige Idee. Sie im Notfall aber so schnell wie möglich parat zu haben, dafür spricht schon ein Umstand, der bereits in 1995 vom Arzt und Journalisten Hans Harald Bräutigam angesprochen wurde: Selbst kunstgerecht vorgenommene Schwangerschaftsabbrüche seien weitaus risikoreicher, als die „Pille danach“. cok, Foto: dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr