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Im gelobten Land

Thema des Tages Im gelobten Land

Eigentlich ist es ein Wunder, dass es sie noch gibt, die Jesiden, dieses kleine kurdische Volk. Seit ihr Name im 12. Jahrhundert erstmals schriftlich erwähnt wurde, waren sie ungezählte Male von Verfolgung, ja Auslöschung bedroht.

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Der in Hameln lebende jesidische Schriftsteller und Gastronom Newaf Miro weist auf die Verfolgung der Jesiden im arabischen Raum hin. Er spricht von einem Exodus.

Quelle: wal

Von Cornelia Kurth. Ihre spezielle Religion, die den Anlass für die Verfolgung gab und gibt, ist zugleich der Grund, warum sie überhaupt noch als Gemeinschaft bestehen. „Das ist bei uns fast so wie im Judentum“, sagt der in Hameln lebende jesidische Schriftsteller und Gastronom Newaf Miro. „Und was im Moment geschieht, ist ein ‚Exodus‘, die große Flucht vor der Vernichtung.“

So mörderisch verfolgt die Terrororganisation Islamischer Staat alle jesidischen Kurden, so unversöhnlich zeigen sich radikale Moslems von jeher gegenüber dem Jesidentum, dass ihnen nicht-islamische europäische Länder und besonders Deutschland wie das „gelobte Land“ erscheinen. Newaf Miro, der 1987 als Teenager mit seiner Familie aus der Türkei kam – zusammen mit Tausenden anderen jesidischen Kurden, die dort nicht mehr friedlich leben konnten – sieht Deutschland als das Land der Dichter und Denker, wo Jesiden endlich die Freiheit haben, ihr Leben so zu führen, wie sie es wünschen.

Aber wie führt man ein freies Leben, wenn man, wie die meisten aktuell vor dem IS fliehenden Jesiden, aus abgelegenen Dörfern im Nord-Irak und in Nord-Syrien stammt? Wie bewahrt man eine Volkszugehörigkeit, wenn es in ganz Deutschland höchstens 60000 Jesiden gibt (genauere Zahlen gibt es nicht); und wie erhält man eine Religion am Leben, die in modernen Augen sehr urtümlich, einfach und etwas fantastisch wirkt?

 Eigentlich wird auf Bildung verzichtet

Newaf Miro war schon als Junge neugierig und aufmüpfig. Anders als die meisten älteren Jesiden lernte er lesen und schreiben und zwang seine kleinen Brüder, es ihm nachzutun. Seiner Mutter machte das Angst, denn traditionell gehörte es zum Jesidentum, auf Bildung zu verzichten. Sie sah ja, wohin das führte. „Ich sagte ihr, dass sie, meine Mutter, für mich viel wichtiger sei als Gott“, erzählt er. „Da weinte sie sehr und vor Trauer redete sie eine Woche lang nicht mit mir.“ Er aber ist sich sicher, dass gerade die Bildung, die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Religionen dazu beitragen kann, die eigene Identität zu wahren.

Was das Jesidentum mit dem Judentum verbindet, ist die enge Bindung zwischen ethnischer und religiöser Zugehörigkeit. Im Judentum muss die Mutter Jüdin sein, damit man selbst als Jude zählt; bei den Jesiden geht die „Endogamie“ noch einen Schritt weiter: Beide Eltern müssen jesidisch sein, und wer einen nicht jesidischen Menschen heiratet, wird automatisch aus der Gemeinschaft verstoßen. Diese Heiratspolitik schweißte die Menschen zusammen, machte sie aber andererseits als religiöse und ethnische Außenseiter angreifbar. Jetzt, nach dem „Exodus“, wird es wohl kaum möglich sein, weiterhin nur untereinander zu heiraten.

Hinzu kommt, dass es nur wenig schriftliche überlieferte Zeugnisse der jesidischen Religion gibt, geschweige denn die Möglichkeit, etwa jesidische Theologie studieren zu können. Auch miteinander über religiöse Dinge zu sprechen, ist nicht ganz einfach. Man feiert zwar eine Reihe von Festen, betet und befolgt einige wenige Glaubens-Regeln. Doch tiefer gehende Gespräche scheitern oft daran, dass viele Jesiden sich in ihrer eigenen Religion nicht mehr gut auskennen. Das Wissen darüber wurde immer von den Kasten geistiger Führer weitergegeben, deren Amt erblich ist. Diese Kastenstrukturen sind weitgehend zerstört, seit im Jahr 2003 nach dem Ende des Krieges im Irak die grausame Verfolgung durch Islamisten begann.

 Jesiden wird Teufelsanbetung unterstellt

Trotzdem kann man sich aufgrund von Überlieferungen dem eigenen Glauben wieder annähern, oder dem, was Newaf Miro „Jesidische Philosophie“ nennt. Dazu gehört, sich klarzumachen, warum gerade der radikale Islam das Jesidentum so erbarmungslos verfolgt. Zwar glauben religiöse Jesiden ebenso wie Moslems, Christen und Juden an einen einzigen Gott, den Schöpfergott „Ezda“, von dessen Namen sich wahrscheinlich die jesidische Selbstbezeichnung „Ezidi“ ableitet. In einer ihrer Schriften heißt es, sie seien die Kinder eines Zwillingspaars, das Adam ohne Evas Zutun zeugte. Letzteres allein, also die Vorstellung, eine Art auserwähltes Volk zu sein, war schon nicht ganz ungefährlich. Doch der eigentliche Verfolgungsgrund besteht darin, dass den Jesiden unterstellt wird, sie seien Teufelsanbeter.

Das liegt an dem höchsten der sieben Engel im Jesidentum, Tausi Melek, was so viel heißt wie „Gottes Engel“. Tausi Melek, symbolisiert durch einen Pfau, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem islamischen Teufel Iblis, dem einst gefallenen Engel. Beide verweigerten sich der Überlieferung nach dem Gottesbefehl, sich vor Adam niederzuwerfen. Während aber Iblis von da an erklärter Feind und Verführer der Menschen wurde, bat Tausi Melek Gott um Verzeihung und wurde von ihm, der sich aus der Schöpfung zurückzog, als Stellvertreter und Ansprechpartner für die Menschen eingesetzt. Im Jesidentum gibt es also gar keinen Teufel, auch keine Hölle, kein Höllenfeuer, keine böse Macht, die den Menschen zu sich hinabziehen will. Es hat schon etwas zusätzlich Tragisches, für das Gegenteil dessen, was man glaubt, verfolgt zu werden.

Die „jesidische Philosophie“, von der Newaf Miro spricht, diese Lebensphilosophie basiert unter anderem auf der Idee, dass Gut und Böse allein im Menschen selbst begründet liegen. Jeder Einzelne habe für sich zu verantworten, wie er sein Leben führt. „Gott hat uns den Verstand gegeben, genau zu diesem Zweck“, erklärt Newaf Miro. „Wir sollen ihn frei nutzen, so wie Tausi Melek es wagte, sich gegen Gottes Befehl zu entscheiden. Wegen seiner Eigenständigkeit wurde er zu Gottes Stellvertreter.“

 Eine Magie in der Religion

So lässt sich aus dem Jesidentum, meint der Schriftsteller, eine beinahe buddhistisch anmutende Grundhaltung ableiten. Nicht durch Androhung von Höllenstrafe, sondern durch Reinkarnation entwickle sich der Mensch weiter. Missionierung Andersgläubiger sei schon deshalb abwegig, weil kein Mensch gezwungen werden darf, sich einer Sache zu unterwerfen, hinter der er nicht mit seinem ganzen Wesen steht. Daraus auch ergibt sich der Respekt, den Jesiden vor anderen Lebensauffassungen haben. Miro erinnert sich gut daran, wie er als Kind immer wieder von muslimischen Kinder beschimpft wurde. Als er dann seiner Großmutter erzählte, er habe sich gewehrt und seinerseits auf den Islam geschimpft, wurde diese sehr böse auf ihn. Sowas dürfe man nicht tun, auf keinen Fall.

Ob man außerhalb eines jesidischen Dorfes tatsächlich weiter an einem erblichen Kastentum festhalten kann und an den überlieferten Legenden über die sieben Engel Gottes, die die Welt formten, welche Gott aus einer Perle erschuf; ob man immer weiter daran glaubt, dass Melek Tausi im 11. Jahrhundert als Scheich Adi ibn Mustafir zum Menschen wurde, um die Jesiden in ihrem Glauben zu bestärken, und ob weiter tradiert werden wird, dass jeder Mensch auf dem Weg durch seine Reinkarnationen von einem Jenseits-Geschwister begleitet wird, dem man immer wieder begegnen wird – das alles ist fraglich. Vermutlich selbst dann, wenn jesidische Wissenschaftler verstärkt die alten Schriften sammeln und auswerten, um die eigene Geschichte nicht verlorengehen zu lassen.

„Man kann sich schon fragen, ob und warum das Jesidentum bestehen bleiben sollte“, sagt Newaf Miro. „Was mich betrifft, so habe ich meine Zugehörigkeit zu den Jesiden oft einfach wie eine Behinderung empfunden, als einen großen Nachteil, und als eine Beschränkung, aus der ich mich befreien wollte.“ Inzwischen aber sehe er eine Magie in dieser Religion, die einen Blick auf die Menschen, die Welt und Gott enthalte, der unsterblich sei. „Wir tragen unsere Wurzeln weiter, auch wenn die Pflanze, die daraus erwächst, sich den Umständen entsprechend verändert.“ Termin:

Die Jesiden seien „hungrig“, sagt er weiter, absolut begierig, Wissen zu sammeln und sich selbst und anderen zu erklären, wo sie herkommen und wer sie eigentlich sind. „In Deutschland leben wir in einer modernen Gesellschaft und gewinnen so automatisch einen Abstand zu den Traditionen. „Aber wir dürfen die schrecklichen Bilder der Verfolgung nicht verdrängen. Man muss darüber reden. Sonst wird man selbst zum Instrument der Vernichtung.“ Durch seine zahlreichen Romane trägt er seinen Teil dazu bei, die Geschichte der Jesiden zu bewahren. Bisher gibt es sie leider nur in kurdischer Sprache. Aber wer weiß, vielleicht wird sich auch das ändern.Am Donnerstag, 1. September, um 19.30 Uhr, hält der Menschenrechtler Hakim-Fehmi Ibrahim im Rintelner Johannis-Kirchzentrum einen Vortrag über die jesidische Lebensphilosophie.

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