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Insekten der Superlative

Thema des Tages Insekten der Superlative

Es gibt sie noch im Schaumburger Land – die kleinen Wunder am Wegesrand. Mit ein bisschen Glück können Naturliebhaber in eine häufig übersehene und oft unbekannte, gleichwohl faszinierende Welt eintauchen: Die Welt der Libellen.

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Sie führen ein kurzes, aber ereignisreiches Leben – die meisten von ihnen nur wenige Wochen, einige ein paar Monate. Ihr genetisches Programm, das sich mehr als 250 Millionen Jahre entwickelt und perfektioniert hat, bestimmt dabei den Ablauf: Die Entwicklung der Larve im Wasser, die Geburt der sogenannten Imago – also des eigentlichen Insekts –, die Reifezeit, die Partnersuche, die Paarung und schließlich die Eiablage. All das dient einzig und allein dem Ziel, die Art zu erhalten und den genetischen Code weiterzugeben.
Was aber passiert genau? Am Beispiel der Geburt und des Lebens der Vierfleck-Libelle (Libellula quadrimaculata), die noch häufig im Schaumburger Land anzutreffen ist und die oft an Gartenteichen vorkommt, wird hier ein Einblick gegeben in das Leben dieser Insekten der Superlative. Der Ort des Geschehens ist ein eher flacher Teich, häufig bewachsen mit Binsen, Schwertlilien, Schilf und Rohrkolben.

Kräftezehrend: Kopf, Augen und Brust schieben sich aus dem Larvenpanzer.

Ein Doppelleben

Wie alle Libellen führt auch der Vierfleck ein Doppelleben. Denn den weit größeren Teil seines Lebens verbringt er nicht über, sondern unter Wasser. Je nach Wassertemperatur und Nahrungsangebot lebt die Larve der Libelle ein oder zwei Jahre räuberisch im Wasser. Weil sie wächst, häutet sie sich in dieser Zeit bis zu zehnmal. Dann aber ist es soweit: Sie klettert an einem senkrechten Halm empor und das Wunder der Geburt beginnt. Aus dem eher hässlichen Entlein Larve wird eine wunderschöne Libelle.
Wenn die Larve eine für sie optimale Höhe über dem Wasser erreicht hat, verankert sie ihre Krallen so fest im Pflanzengewebe, dass auch ein Windstoß sie nicht abschütteln kann. Nach einer Weile platzt die Larvenhaut auf dem Rücken auf. Kopf, Augen und Brust schieben sich aus dem Larvenpanzer – die Libelle hält dabei immer dabei wieder inne, denn die Geburt ist kräftezehrend. Schließlich hat sie in mühsamer Arbeit den mit Flugmuskeln vollgepackten Thorax aus dem Larvenkörper befreit. Ihr schwerer Oberkörper kippt nach unten, die jetzt noch weichen Häute geben ihr zu wenig Halt. Genau wie die Häute sind auch die Beine nicht ausgehärtet und können die Libelle noch nicht halten.
Der entscheidende Moment folgt nach einer Ruhephase. Mit einem schnellen Schwung bewegt sie den Oberkörper nach oben und klammert sich am Halm oder ihrer jetzt leeren Larvenhülle fest. Jetzt kann sie den Unterkörper aus der Hülle ziehen und mit dem wichtigsten Schritt beginnen: dem Entfalten der Flügel. Blutpumpen erhöhen den Druck der Körperflüssigkeit in den Flügeln, dieser Vorgang geht langsam vonstatten, bis die Flügel schließlich in voller Pracht gespannt sind.

Endlich Platz: Wenn ihr Panzer am Rücken aufplatzt, beginnt die anstrengende Geburt.

Gefahrvolle Geburt

Während des gesamten Vorgangs, der beim Vierfleck ungefähr drei Stunden dauert, sind Libellen völlig hilflos ihren Fressfeinden ausgeliefert. So kommt es vor, dass Amseln und Spatzen regelmäßig die Teiche absuchen und die frisch geschlüpften, wehrlosen Libellen „abernten“, um sie anschließend an ihre Brut zu verfüttern. Gerade diejenigen Vierfleck-Libellen, die schon im Mai schlüpfen, tun dies in der für sie gefährlichsten Zeit. Nicht wenige enden vor ihrem ersten Flug in den Mägen hungriger Amsel- und Spatzenjungen.
Selbst mit ausgehärteten Flügeln sind sie noch nicht völlig sicher. So kommt es durchaus vor, dass Spatzen die Libellen bei ihrem ersten, noch unbeholfenen Flug in der Luft fangen.
Haben die Insekten all diese Gefahren überstanden, leben sie zunächst fernab der Gewässer nach der Devise „fressen und nicht gefressen werden“ so lange, bis sie geschlechtsreif sind. Sie haben sich dabei zu pfeilschnellen Jägern entwickelt, die einertseit in Sekundenbruchteilen ihre Flugrichtung ändern und andererseit wie ein Hubschrauber in der Luft auf der Stelle verharren können. Sie fangen ihre Beute ausschließlich im Fliegen, wobei es für alles, was sie einmal mit dem Fangkorb ihrer sechs Beine gegriffen haben, kaum ein Entkommen gibt. Selbst (kleinere) Artgenossen verschmähen sie nicht.

Konkurrenzkampf

Schließlich beginnt der Kampf um die Weibchen. Die Männchen kommen vor den Weibchen an den Gewässern an und kämpfen um die besten Beobachtungsplätze: Wer ein Weibchen zuerst sieht, erobert sie zuerst. Das Weibchen wird angeflogen, das Männchen landet auf ihrem Rücken, die Beine umfassen den Brustabschnitt, der Hinterleib krümmt sich nach vorn, und die Zangen am Körperende packen zu: die Paarung kann beginnen. Sie dauert bei den verschiedenen Libellenarten unterschiedlich lange. Beim Vierfleck spielt sich die ganze Aktion in der Luft ab und ist bereits nach wenigen Sekunden vorüber. Ganz anders ist es bei den Gemeinen Pechlibellen: sie landen als Paarungsrad auf Halmen oder Blättern und lassen sich drei bis fünf Stunden Zeit.

Der Rest folgt: Dann ist der Unterkörper dran und die Flügel beginnen, sich zu entfalten

Tanz der Libellen

Auch die Ablage der Eier variiert von Art zu Art. So wirft der Vierfleck seine Eier aus dem Flug ins Wasser, was aussieht wie ein Tanz. Andere Libellen besitzen wiederum Legestacheln und bohren Pflanzenstengel an. Übrigens: auch wenn einige Libellenarten diese Legestacheln haben und früher im Volksmund als „Teufelsnadeln“ bekannt waren, sind sie für Menschen völlig ungefährlich. Sie können nicht stechen.
Jeder Besitzer eines Gartenteiches kann mit etwas Geduld diese faszinierenden Schauspiele selbst miterleben. So sind an einem naturbelassenen Gartenteich (ohne Fischbesatz) mitten in Stadthagen Jahr für Jahr zehn bis zwölf unterschiedliche Arten von der Kleinlibelle bis hin zu Großlibellen zu beobachten.

Fotos und Text von Horst Rautenhaus

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