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Intelligente Netze, schlaue Zähler

Thema des Tages Intelligente Netze, schlaue Zähler

Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ist am 2. September das Gesetz über die Digitalisierung der Energiewende in Kraft getreten. Auf dem 5. Energiesymposium der Hochschule Weserbergland (HSW) im Rahmen der Umwelttage Weserbergland war das Gesetz eines der ausführlich behandelten Themen.

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Weniger Stromverbrauch und damit auch weniger Umweltbelastungen – mit den neuen „intelligenten Stromzählern“ sind große Hoffnungen verbunden.

Quelle: dpa

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums soll mit dem Gesetz das Startsignal für Smart Grid, Smart Meter und Smart Home in Deutschland gegeben und so die digitale Infrastruktur für eine erfolgreiche Verbindung von mehr als 1,5 Millionen Stromerzeugern und großen Verbrauchern ermöglicht werden.

Prinzipiell schreibt das Gesetz nach Darstellung von Martin Kloppenberg, dem Bereichsleiter des Messwesens bei der Westfalen Weser Netz GmbH, vor, dass alle Verbraucher, die jährlich mehr als 6000 Kilowattstunden (kWh) Strom verbrauchen und alle Erzeuger, die mehr als sieben Kilowatt (kW) erzeugen, mit einem neuen intelligenten Zähler, einem Smart Meter, ausgestattet werden. Bei einem Jahresverbrauch von mehr als 10 000 kWh sollen die Verbrauchsdaten im Viertelstundentakt an eine Gatekeeper genannte Datensammelstelle gesendet und damit sowohl grobe Verbrauchsprofile erstellt als auch die Gesamtverbrauchsmenge zur Abrechnung dokumentiert werden.

Der Zähleraustausch soll 2032 abgeschlossen sein

Bereits vom kommenden Jahr an sollen alle Verbraucher, die jährlich mehr als 10 000 kWh verbrauchen – das sind vor allem gewerbliche Kunden – und alle Erzeuger, die mehr als 15 Kilowatt Strom erzeugen, mit diesen Geräten ausgestattet werden. Die Jahreskosten von 130 Euro bis 200 Euro für die neuen, als intelligent bezeichneten Messstellen haben die Verbraucher und die Stromerzeuger zu tragen. Für Verbraucher, die zwischen 6000 und 10 000 kWh verbrauchen und Stromerzeuger, die mehr als sieben kW Strom produzieren, soll der Zähleraustausch ab 2020 zum Preis von maximal 100 Euro erfolgen.

Spätestens im Jahr 2032 soll der Zähleraustausch abgeschlossen sein. Ob auch Verbraucher, die weniger als 6000 kWh an Strom verbrauchen, mit den neuen Messstellen ausgestattet werden, kann der Messstellenbetreiber entscheiden. Die Preise dafür liegen je nach Verbrauchsmenge pro Jahr zwischen 23 Euro und maximal 60 Euro. Widerspruch gegen den Austausch der Zähler ist nicht möglich. Auf der Seite des Bundeswirtschaftsministeriums heißt es dazu: „Wie aktuell bei herkömmlichen Stromzählern ist auch der Einbau von intelligenten Messsystemen zu dulden.“

Nach Angabe von Susanne Treptow, Geschäftsführerin der Stadtwerke Hameln, lässt sich das Unternehmen gerade einen Plan für das als „Rollout“ bezeichnete Auswechseln der Zähler ihrer Kunden erstellen. Welcher Zählertyp eingeführt werde und welches Unternehmen als Gatekeeper fungieren werde, stehe noch nicht fest, betonte Treptow. „Das werden wir bis zum Frühjahr 2017 entschieden haben. Ich rechne damit, dass wir in der zweiten Jahreshälfte mit dem Austausch der Zähler beginnen werden.“

Zunächst keine Vorteile erkennbar

Welchen Sinn der Austausch der Zähler machen soll, vermochten die Experten auf dem Energiesymposium nicht zu benennen. „Der Kunde hat davon zunächst keinen Vorteil“, erklärte Kloppenberg ebenso wie Reinhold Kassing, der Geschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen in Niedersachsen und Bremen. „An den Verbrauchsprofilen sind wohl hauptsächlich Unternehmen wie die Telekom interessiert, um Werbung noch zielgenauer platzieren zu können.“ Dass damit die durch die fluktuierende Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie instabilen Stromnetze sicherer gemacht werden könnten, vermochten die Fachleute nicht zu bestätigen.

Stadtwerke-Geschäftsführerin Treptow will mit dem Austausch der Zähler mittelfristig auch die Nutzung variabler Tarife anbieten, da bei einem Überschuss von Strom im Netz der Preis an der Strombörse sinke. „Konkret heißt das zum Beispiel, dass wir bei starker Sonneneinstrahlung unsere Kunden darüber informieren, dass es sich am nächsten Mittag lohnen wird, die Waschmaschine anzustellen, um einen zu erwartenden niedrigeren Strompreis zu nutzen“, erklärt Treptow. Da kämen auf ein Unternehmen wie die Stadtwerke ganz neue Aufgaben zu.

Mit den intelligenten Messsystemen soll nach Darstellung des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) die sichere und standardisierte Kommunikation in den Energienetzen der Zukunft ermöglicht werden. Ein Energieversorgungssystem, bei dem in erster Linie wetterabhängig erzeugter Strom aus erneuerbaren Energien verbraucht werde, müsse flexibel reagieren können. Daher benötige es Informationen über Erzeugungs- und Verbrauchssituationen. Eine Energieversorgung, die noch stärker marktwirtschaftlich organisiert sei, müsse Marktsignale an Verbraucher und Erzeuger transportieren können. Beides zu tun, sei Aufgabe intelligenter Energienetze mit intelligenten Messsystemen als Kommunikationseinheiten.

Wind und Wetter spielen eine Rolle

Deutschland ist nach Ansicht des BMWi bei der Energiewende auf einem guten Weg: Im ersten Halbjahr 2015 wurde knapp ein Drittel des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien erzeugt. Das Problem dabei: Wie viel Strom sich aus Wind- und Sonnenenergie gewinnen lässt, hängt stark von der Wetterlage und auch der Tageszeit ab. Da der Anteil der Erneuerbaren an der Stromversorgung weiter steigen wird und darüber hinaus immer mehr Stromverbraucher zugleich auch Produzenten sind, soll das Digitalisierungsgesetz dafür sorgen, dass die Stromerzeugung, der Verbrauch und die Stromnetze intelligent miteinander verknüpft werden.

Eine Hauptrolle sollen dabei die neuen intelligenten Messsysteme spielen, die Stromerzeugung, Stromverbrauch und Informationen über das Stromnetz erfassen und veranschaulichen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Stromzählern können intelligente Messsysteme nach Ansicht des BMWi insbesondere zwei wichtige Funktionen übernehmen: Nutzen für private Verbraucher bieten und den Wettbewerb in der Strombelieferung beflügeln.

Im Haushalt sollen intelligente Messsysteme transparent machen, wann und wo wie viel Strom verbraucht wird – und dazu motivieren, effizient mit Energie umzugehen. Eine Verbesserung des Wettbewerbs erwartet sich die Politik durch eine differenziertere Messung und Abrechnung der verbrauchten Energie, weil intelligente Messsysteme die Chance böten individuelle und variable Tarife an den Markt zu bringen und die Verbraucher mit niedrigen Preisen dafür zu belohnen, dass sie Strom zu Zeiten nutzen, wenn das Angebot im Stromnetz hoch ist.

Weil der Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromerzeugung steigt – und mit ihm die Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage – sollen mit intelligenten Messsystemen Stromerzeuger wie die Solaranlage auf dem Dach, aber auch Verbraucher wie Elektroautos, Wärmepumpen und Nachtspeicherheizungen, besser in ein intelligentes Stromnetz eingebunden werden, um Stromangebot und -nachfrage in Einklang zu bringen und nachhaltig – so die Hoffnung des Bundeswirtschaftsministeriums – zu einer Senkung des Energieverbrauchs beitragen zu können.

Die Erfahrung der Vergangenheit zeige, dass schwankende Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ein Kommunikationsnetz benötige, das Erzeugung, Verbrauch und Stromnetz miteinander verknüpft. Denn das Stromnetz müsse zur Integration der Erneuerbaren stets ausreichend Kapazitäten zum Ausgleich bereithalten. Das gehe nur, wenn Erzeugungsanlagen und flexible Lasten eine sichere standardisierte Kommunikationsverbindung nutzen können.

Datenschutz – ein Problem?

Die Verbraucher sollen davon in vielfacher Hinsicht profitieren: Zum einen wird ihnen eine präzise Visualisierung ihres Verbrauchsverhaltens versprochen. Das soll sie zu energiesparendem Verhalten motivieren. Zum anderen können Verbraucher Stromlieferverträge abschließen, die besser zu ihrem individuellen Verbrauchsverhalten passen und schon deshalb günstiger sein sollen. Auch Tarife mit wirtschaftlichen Anreizen zu Verbrauchsverlagerungen – sogenannte variable Tarife – sollen möglich werden. Außerdem machten intelligente Messsysteme eine Vor-Ort-Ablesung entbehrlich und sorgten so für eine Kostensenkung bei den Stromlieferanten.

Als ein Problem bei den Gatekeepern wird die Datensicherheit angesehen. Um ein einheitliches und sehr hohes Sicherheitsniveau zu gewährleisten, erklärt das neue Gesetz Schutzprofile und technische Richtlinien für intelligente Messsysteme zur Gewährleistung von Datenschutz, Datensicherheit und Interoperabilität für verbindlich. Sie wurden im Auftrag des BMWi vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gemeinsam mit Branchenvertretern unter enger Einbindung des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, der Bundesnetzagentur und der Physikalisch-Technischen-Bundesanstalt erarbeitet. Mit einem Siegel des BSI sollen nur solche Systeme ausgezeichnet werden, welche die sehr hohen Datenschutz- und Datensicherheitsanforderungen nachweislich erfüllen.

Noch sind die Smart Meter nur für die Stromablesung gedacht. Mit dem Messstellenbetriebsgesetz soll aber eine Technologie eingeführt werden, die in Zukunft auch für die Ablesung und Abrechnung von Gas-, Heiz- und Fernwärmeverbrauch geeignet sein soll.

Von Wolfhard F. Truchseß

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