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Irrfahrt von Schlesien nach Schaumburg

Thema des Tages Irrfahrt von Schlesien nach Schaumburg

Die heutigen Schaumburger Werner und Siegfried Eckert und Dieter Zapke haben eines gemeinsam: 1946, vor 70 Jahren, wurden sie aus ihrem Heimatort vertrieben und in einem Zug mit 54 Viehwagen auf eine lange Irrfahrt geschickt. Das Ziel der Reise: Obernkirchen.

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Drei gebürtige Buchwälder aus dem Kreis Neumarkt in Niederschlesien: Werner Eckert (von links) aus Rinteln, Siegfried Eckert aus Möllenbeck und Dieter Zapke aus Helpsen.

Quelle: cok

Alle drei wurden im selben Dorf geboren. Ihr Geburtsort ist Buchwald, ein Örtchen aus dem Kreis Neumarkt in Schlesien. Im Gespräch mit dieser Zeitung haben die Männer, die heute in
Rinteln, Möllenbeck und Helpsen leben, ihre Geschichte erzählt.

RINTELN. Nur einmal stehen dem 82-jährigen Werner Eckert die Tränen in den Augen. Seine Erzählung über Flucht und Vertreibung ist lang. Es ist nicht nur seine Geschichte, sondern die von etwa 20 000 Menschen aus seiner Heimat, dem Kreis Neumarkt in Schlesien, die 1946 aus ihrem Heimatort vertrieben worden sind.

70 Jahre ist es nun her, dass der damals 12-Jährige aus dem Viehwaggon blickte, der ihn Richtung Westen brachte. An eine Situation erinnert er sich noch genau. Eine Frau fuhr auf ihrem Fahrrad vorbei und winkte ihm zu. „Ich konnte das gar nicht fassen“, sagt Werner Eckert. „Sie war so freundlich, und sie hatte ein Fahrrad. Das bedeutete: Niemand hatte es ihr weggenommen.“

Ankunft in Obernkirchen im Juni 1964

Einen ähnlichen Eindruck vergaß auch nie die Mutter vom damals siebenjährigen Dietrich Zappke, der, wie Werner Eckart, im Juni 1946 nach einer langen Fahrt in Obernkirchen landete – zusammen mit Tausenden anderen Vertriebenen. „Hier ist das Paradies“, so empfand sie es.

Gardinen an den Fenstern, alles sauber und unzerstört und es gab was zu Essen für die Ankömmlinge. Die Schlesier, die während des Zweiten Weltkrieges in ihrer ländlichen Gegend nur wenig vom unmittelbaren Kriegsgeschehen mitbekommen hatten, sie erreichte das Grauen erst kurz vor Kriegsende. Ihre gesamte bisherige Existenz wurde zerstört.

Es begann, als die Russen im frühen Winter 1945 die Oder überquerten und die Bewohner all der kleinen Dörfer überstürzt Richtung Tschechoslowakei flohen, mit Handwagen und kleinem Gepäck. Werner Eckerts Familie konnte bei Bekannten in Grenznähe bleiben, die Familie von Dietrich Zappke kam bei einem Bauern unter.

Als der Krieg am 8. Mai 1945 zu Ende war, hatten sie alle die naive Hoffnung, sie könnten jetzt in ihr altes Leben zurückkehren. Sie wollten warten, dass die Väter aus dem Krieg zurückkehren und weiter Schlesier sein. Was für ein Irrtum, wie sich noch herausstellen sollte. Das Dorf von Dietrich Zappke war von den Russen fast gänzlich zerstört worden. Im Bauernhof von Werner Eckert haben sich Polen niedergelassen.

Was die beiden und auch sonst niemand der Betroffenen damals noch nicht wissen konnten: Schlesien würde für immer zu Polen gehören, in den Dörfern würden in Zukunft überwiegend zwangsumgesiedelte Polen leben, die von den Russen aus Galizien vertrieben worden waren.

Angedeutet hatte sich diese radikale Änderung allerdings schon. Die deutschen Kinder durften nicht mehr zur Schule gehen. Viele Polen – überwiegend diejenigen, die schon immer in Schlesien gelebt hatten – eigneten sich den Besitz der Deutschen an Essensmarken gab es keine, die Menschen ernährten sich aus versteckten Kartoffel- und Rübenmieten. Schon bevor die Ausweisung der Deutschen Hals über Kopf im Juni 1946 angeordnet wurde, „war es eigentlich kein Leben mehr“, sagen Zappke und Eckert.

Wohin die Menschenmassen mit dem Wenigen, was ihnen geblieben war, in den unendlichen Waggonreihen der täglich abfahrenden Güterzüge gebracht werden würden – sie hatten keine Ahnung. „Wenn ich polnische Uniformen sehe, dann graust es mich noch immer“, sagt Werner Eckert. Er saß zusammen mit 2000 anderen Schlesiern aus der Neumarktgegend in einem Zug mit 55 Viehwaggons.

Viele Wertgegenstände wurden unterwegs konfisziert. Doch eine einzige kleine Genugtuung blieb Eckert, weil es ihm gelungen war, den Familienschmuck noch schnell irgendwo im Haus zu verstecken. „Es waren eigentlich nur Erinnerungsstücke, aber ich wollte sie unbedingt behalten“, sagt er. Schließlich merkten die Vertriebenen, dass sie nicht Richtung Osten, sondern, glücklicherweise, Richtung Westen fuhren.

Kurz nachdem Werner Eckert die winkende Frau auf dem Fahrrad gesehen hatte, erreichte ihr Zug Hannover, und zum ersten Mal sah er, was der Krieg woanders angerichtet hatte: totale Zerstörung. Hier hatten die Engländer das Sagen. „Und ich wollte unbedingt Engländer sehen“, erzählt Werner Eckart. „Ich dachte, die müssen ja einfach toll sein, wenn sie uns Deutsche besiegt haben.“

In einem Flüchtlingslager in Uelzen, das alle Schlesier durchliefen, wurden sie entlaust („Dabei hatten wir gar keine Läuse“) und registriert, um dann über Stadthagen in Obernkirchen anzukommen. „Oh, ich weiß noch, wie ich mich fühlte, als die herausgeputzten Einheimischen uns empfingen, und wir waren so abgemagert und ungewaschen“, erinnert sich Eckert.
Alles in allem aber war die Aufnahme der Vertriebenen gut organisiert, wie er rückblickend sagt. Die Menschen schliefen vorläufig in der Turnhalle, in Gaststätten, in der Liethhalle und in der damaligen Admiral-Scheer-Schule und wurden dann auch nach Rinteln und Möllenbeck verteilt.

Während Dietrich Zappke in Obernkirchen blieb, dort zur Schule ging und mit Mutter, Tante und Bruder in einem Zimmer lebte, verschlug es Werner Eckert und seine Familie nach Rinteln. Dort übernachteten die Vertriebenen im ehemaligen Gasthaus „Zum Löwen“, im Ratskellersaal, der Turnhalle und den Klassenräumen des Gymnasiums Ernestinum, bevor sie in Rintelner Häuser einquartiert wurden.

Lange Zeit lebten die Eckerts in einem zunächst ganz leeren Zimmer einer Wohnung in der Mühlenstraße, bis sie dann in ehemaligen Betten des Lazaretts schlafen konnten. „Zu Anfang haben wir uns Stroh von den Bauern erbettelt, um damit leere Säcke als Unterlage zu füllen“, so Werner Eckert. Nette Nachbarn schenkten ihnen Möbelstücke und ein Federbett. „Es war sehr kalt, da überall die Fensterscheiben durch die Sprengung der Weserbrücke kaputt gegangen waren“, beschreibt Eckert. Es sei nicht immer leicht gewesen, mit den Rintelnern klarzukommen, in deren Wohnung er plötzlich lebte und deren Bad und Küche er mitbenutzte, ohne dass sie gefragt worden wären.

Zappke machte eine Maurerlehre

Dietrich Zappke und Werner Eckert schafften es als Kinder damals aber relativ schnell, sich dem neuen Leben anzupassen. Eckert gewann schnell Freunde und begann dann eine Bäckerlehre. „Ich wollte unbedingt einen Beruf, der mir immer genug zu Essen verschaffen würde“, sagt er. Dietrich Zappke ging schließlich aufs Gymnasium in Bückeburg, von Warber aus, wo seine Familie bis 1951 noch zu fünft in einem einzigen Raum lebte. Er machte eine Maurerlehre, wurde Bauingenieur.

Was übrigens den von Werner Eckert versteckten Familienschmuck betrifft, so hat er ihn tatsächlich wiedererlangt: In den Siebzigern besuchte er die Polen , die in den ehemaligen Eckert-Bauernhof eingezogen waren. Der Besitzer wollte erst verhandeln, doch Werner Eckert hatte Damenstrümpfe, Kaffee und Ölsardinen mitgenommen und erhielt schließlich die Erlaubnis, den Schmuck aus dem Versteck auf dem Dachboden zu holen. Dieser lagert jetzt in einem Bankschließfach. „Den lass ich mir von niemandem weggenehmen.“

Von Cornelia Kurth

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