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Jenseits abstrakter Politikwissenschaft

Thema des Tages / Spurensuche Jenseits abstrakter Politikwissenschaft

Stolpersteine zum Gedenken an Verfolgte des Nationalsozialismus sollen in Rehburg-Loccum erstmals am 4. Oktober verlegt werden – nur ein Projekt unter vielen ähnlichen in Städten und Gemeinden Deutschlands. Rund 30 Rehburg-Loccumer arbeiten daran, die Lebensläufe der Verfolgten nachzuvollziehen und außerdem die NS-Geschichte ihrer Stadt aufzuarbeiten.

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Fritz Erich Anhelm engagiert sich im Stolperstein-Projekt.

Quelle: ade

In Rehburg-Loccum kommt dabei dem Kloster Loccum eine spezielle Rolle zu, die manchmal auch die lokale Ebene verlässt. Hatte nämlich die Stadt Rehburg über Jahrhunderte eine jüdische Gemeinde, so haben anscheinend in den mehr als 850 Jahren, in denen das Kloster Loccum besteht, niemals Juden in Loccum oder dessen Stiftsbezirk gelebt.

 Der Politologe und ehemalige Direktor der Evangelischen Akademie Loccum, Dr. Fritz Erich Anhelm, ist einer derjenigen, die sich in dem Stolperstein-Projekt engagieren – unter anderem mit einem Beitrag für dessen Website, in dem er auf Spurensuche nach jüdischer Geschichte in Loccum, im Kloster und im Stiftsbezirk gegangen ist. Sein Beitrag kann unter dem Punkt „Geschichtliches“ auf der Website www.stolpersteine-rehburg-loccum.de gelesen werden. Weshalb er dieses Thema aufgegriffen hat, weshalb er lokale Erinnerungsarbeit für wichtig hält und welche Rolle Loccum und die Landeskirche darin spielen, haben wir im Gespräch mit ihm wissen wollen.

Herr Anhelm, was ist für Sie der Auslöser gewesen, „Loccum und die Juden“ zum Thema eines Aufsatzes innerhalb des Stolperstein-Projekts zu machen, obwohl es doch offensichtlich niemals Juden in Loccum gab?

 In meiner Arbeit an der Akademie und auch schon vorher habe ich mich eher politikwissenschaftlich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Als nun der Anstoß kam, die Stolpersteine zu verlegen, bin ich zu der ersten Veranstaltung gegangen und war beeindruckt, wie viele Menschen dort zusammen kamen und sich engagierten.

 Dabei habe ich festgestellt, dass in diesem Projekt Loccum, Kloster und Stiftsbezirk gar nicht vorkamen – obwohl sie ja zusammengenommen den größeren Teil der Stadt Rehburg-Loccum ausmachen – und dort auch keine Stolpersteine verlegt würden. Das habe ich gelegentlich angesprochen. Es gab immer die Auskunft, dass in Loccum und im Stiftsbezirk nie Juden gewohnt hätten, und von daher dieser Teil der Stadt nicht betroffen sei.

 Nun kannte ich die Predigt von Wolfram Braselmann (Pastor in Münchehagen, Predigt hinterlegt unter www.stolpersteine-rehburg-loccum.de, Anmerkung der Redaktion), die er zum 70. Jahrestag der Pogromnacht gehalten hat. Dort werden Beispiele für Kontakte von Münchehägern zu Juden in der Region beschrieben. Ich kannte auch einige historische Darstellungen zum Kloster und zu Loccum, in denen das Verhältnis zu Juden erwähnt wird. Meine Überlegung war, dass es nicht so sein müsse, Loccum, das Kloster und den Stiftsbezirk in diesem Projekt als weißen Fleck stehen zu lassen. Und so fing ich an, zu sammeln, was zu finden war.

Sind Sie bei Ihren Recherchen auf Hinweise gestoßen, die Sie besonders berührt oder auch erschüttert haben?

 Ja, die gab es. Manches hat mich sehr nachdenklich gemacht.

 Da ist zum einen die Frage, wie gerade Loccum, ein Ort, der doch traditionell eher sozialdemokratisch orientiert war, in so wenigen Jahren in den Sog des Nationalsozialismus geriet. Noch bei den Wahlen 1933 kam die NSDAP nicht über 50 Prozent. Was sich da 1930 bis 1935 entwickelte, hat der damalige Stiftsprediger Janssen einen „weltanschaulichen Kampf genannt, den Loccum stärker als andere Gemeinden zu spüren bekommen habe“. Wie wir wissen, ist dieser Kampf wie überall in Deutschland auch in Loccum verloren worden.

 Das erschreckt mich und ist für mich ein Grund, diese Stolperstein-Verlegung nicht nur als Akt der Erinnerung, sondern auch der Sensibilisierung zu sehen.

 Das gilt ebenso für die NS-Begeisterung der Vikare aus dem Loccumer Predigerseminar, die nicht erst 1933 begann, sondern schon 1930 mit der Forderung an den Abt Marahrens, die geschäftliche Beziehung zu dem jüdischen Schlachter Hammerschlag in Rehburg zu beenden. Dafür gab es zwei Begründungen: die eine, dass das Dorf Loccum gegen diese Beziehung sei und die andere, dass der Tannenberg-Bund – eine „völkische“ nationalsozialistische Vereinigung in Seelenfeld – der Geschäftsbeziehung wegen gegen das Kloster vorgehen könne. In dieser Begründung spiegelt sich viel von dem, was sich in den Köpfen abgespielt hat.

 Und dann gibt es das, was eher unter der Überschrift „tief berührt“ steht. In diesem Stolperstein-Projekt geht es eben nicht um abstrakte Begrifflichkeit auf der Ebene der Politikwissenschaft, sondern hier kommen Menschen ins Spiel. Die Opfer. Die Opfer, die Nachbarn waren. Dank der Nachforschungen der Stolpersteingruppe lernten wir ihr Leben und ihr Leiden kennen, werden die Opfer als Persönlichkeiten deutlich, bekommt man Einblick in die Familiengeschichten. Wie sie gelebt haben und welche Rolle sie in den Orten gespielt haben. Ich empfinde da eine riesige Lücke zwischen einer eher abstrakten Beschäftigung mit dem Holocaust und dieser Erinnerungsarbeit.

Haben Sie Beispiele dafür?

 Nun, da ist etwa das Gedicht, das der Rehburger Bürgermeister Meßwarb über seinen jüdischen Mitbürger Jakob Löwenstein geschrieben hat. Das steckt voller Bewunderung für jemanden, der sein Leben meistert und darüber weise geworden ist. Auch er stand in Beziehungen zum Kloster und zum Ort. Mit 79 Jahren wurde er deportiert und ermordet. Oder die Schilderungen von Jose Hammerschlag, der gerade hier war, Sohn eines Rehburger Juden, der geflohen ist. Er erzählt, dass ein Vertreter des Klosters an einem Abend Anfang 1937 zum Sabbat-Beginn bei der Familie Hammerschlag im Esszimmer stand, um die 200 Jahre lang bestehenden Geschäftsbeziehungen wegen „der Vorschriften von oben“ aufzukündigen. Dabei habe er gesagt, er hoffe, dass das alles bald vorbei sei. Trotzdem habe der Großvater Salomon Hammerschlag daraus die Konsequenz gezogen, mit seiner Familie nach Argentinien auszuwandern.

 In solchen Lebensgeschichten liegt die eigentliche Bedeutung dieses Projektes. Wie hat sich denn über die Jahrhunderte das Verhältnis des Klosters zu den Juden ausgedrückt?

 Wenn man länger in der Geschichte zurückgeht, gibt es Beispiele, aus denen das Bemühen um jüdische Kultur und Religion sichtbar wird. Wie zum Beispiel der wohl seinerzeit einzigartige „Christlich-Jüdische Dialog“ zwischen dem Abt Molan und dem Rabbiner Simson 1674 und 1704 auch vor dem Kurfürsten.

 Andererseits gibt es eine Grundhaltung, die sowohl das Kloster als auch den Stiftsbezirk bestimmt hat und die da heißt: Es wird nicht zugelassen, dass sich jüdische Familien hier niederlassen.

Galt das denn auch für das Dorf Loccum, für die Menschen außerhalb des Klosters?

 Was den Ort angeht, taucht in der Petition der Gemeinde an das Kloster nach der Revolution in Loccum 1848 ein Beschluss des Gemeinderats auf, der einem jüdischen Handelsmann aus Rehburg den Zuzug nach Loccum verweigert. Auch hier bestätigt sich die Praxis, dass im Bereich des Stiftsbezirks keine Juden wohnen sollten. Wo das seinen Anfang nahm, lässt sich nicht feststellen. Ich glaube auch nicht, dass es sich nur an einzelnen Personen festmachen lässt. Es war ein allgemein akzeptiertes „Gesetz“, das man über viele Jahrhunderte nicht in Frage stellte.

Inwieweit hatte die Kirchenpolitik der Landeskirche und des Klosters denn Einfluss aufeinander – etwa im Hinblick darauf, dass Marahrens zugleich Abt und Landesbischof war?

 Von der Politik des Landesbischofs war im Kloster und im Predigerseminar manches zu spüren. Das konnte ich nur kurz darstellen. Über die Rolle von Marahrens gibt es eine kontroverse Diskussion in der Landeskirche. Unbestreitbar hat er öffentlich den Nationalsozialismus gestützt. Dafür musste auch die lutherische Theologie herhalten. Eine Abgrenzung gab es jedoch gegen den Versuch der Gleichschaltung durch die „Deutschen Christen“ und ihre quasireligiöse völkische Ideologie. Als sich ab 1936 die NS-Politik deutlich gegen Kloster und Landeskirche richtete, ging es dann um die Verteidigung der eigenen Existenz. Gerade da wurden auch noch letzte theologische Grundsätze aufgegeben.

Und danach? Wie geht die Landeskirche heute mit ihrem Verhalten in der NS-Zeit und insbesondere auch gegenüber den Juden um?

 Was die Schuldfrage angeht, hat die Landeskirche Hannovers 75 Jahre nach der Pogromnacht eine, wie ich finde, späte, aber deutliche Konsequenz gezogen. Sie hat am 29. November 2013 in ihre Verfassung einen neuen Abschnitt als Artikel4 aufgenommen. Da heißt es: „Im Wissen um die Schuld unserer Kirche gegenüber Juden und Judentum sucht die Landeskirche nach Versöhnung. Sie fördert die Begegnung mit Juden.“ Das wurde durch Landesbischof Ralf Meister angestoßen. Nach der Verabschiedung hat er gesagt, dies sei ein klarer Auftrag, gegen jede Form von Antisemitismus und Antijudaismus in unserer Gesellschaft aufzustehen und konkret zu handeln.

Ist das einer der Gründe, weshalb die Stolperstein-Initiative Landesbischof Ralf Meister und Landesrabbiner Jonah Sievers zu einer Diskussion eingeladen hat?

 Ja, in dem Zusammenhang sehe ich auch unsere Veranstaltung am 3. Dezember mit dem Landesbischof und dem Landesrabbiner. Nicht nur, um über die Verfassungsänderung zu reden, sondern besonders darüber, wie wir heute über die Geschichte der Verfolgung von Juden in Deutschland reden müssen und können – und zwar so, dass die Menschen dabei nicht vergessen werden, und die Geschichte durch die Erinnerung an sie in uns wach bleibt.

 Ich denke auch, dass die klare Positionierung der Landeskirche von den Gemeinden vor Ort mitgetragen werden kann. Und dass solche Initiativen wie unser Stolperstein-Projekt helfen können, dass die Versöhnungsarbeit praktisch geschieht.

 Interview: Beate Ney-Janßen

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