Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Juckt’s schon?

Thema des Tages Juckt’s schon?

Der Floh ist nur wenige Millimeter groß, und doch hat er unzählige Menschen um den Schlaf gebracht, sogar getötet. Im Deutschen Medizinhistorischen Museum gibt es jetzt sogar eine Ausstellung rund um den Plagegeist. Wer erst einmal Flöhe in der Wohnung hat, wird sie so schnell nicht wieder los. Und vor allem im Sommer fühlen sie sich wohl.

Voriger Artikel
Lust auf Land
Nächster Artikel
Verloren in der Welt der Zahlen
Quelle: dpa

Hätte ich es nicht verraten sollen? Meine beiden Freundinnen jedenfalls tauschen bedenkliche Blicke aus, nachdem sie es erfahren haben, und fühlen sich plötzlich sichtlich unwohl auf meinem Sofa. Ich habe einen Floh oder jedenfalls hatte ich einen. Die übel juckenden Stiche an meinen Beinen in Form der typischen „Flohstraße“ sind der Beweis. Wo kam der Floh her? Und vor allem: Wo ist er jetzt und wen wird er als Nächstes beißen?
 Man weiß aus Fossilienfunden, dass es Flöhe schon seit der Kreidezeit gibt, seit über 130 Millionen Jahren also. Zwei Funde, die etwa 64 Millionen Jahre alt sind, zeigen Flöhe, die sich in nichts von heute lebenden Flöhen unterscheiden. Eine uralte Insektenart also, die allen Versuchen sie auszurotten, getrotzt hat. Blutsauger. Parasiten. Ihre Körper sind eigenartig flach und damit bestens geeignet, ihren Weg durch den Haar-Dschungel eines Warmblüters zu finden. Und anders als es bei den meisten anderen Insekten der Fall ist, die man recht einfach zerquetschen kann, trägt der Floh eine starke Chitin-Rüstung, die jede Menge Druck aushält. Zecken, Wanzen, Läuse kann man zerquetschen, den Floh dagegen sollte man am besten ertränken, um sicherzugehen, dass er kein Unwesen mehr treiben kann.
 Mein Floh hat sich seit Tagen nicht mehr bemerkbar gemacht. Heißt das, ich und diejenigen, die mich besuchen, sind außer Gefahr? „Da würde ich mir nicht so sicher sein“, meint dazu Ralf Schmidt, in der Hamelner Firma Klimasch ein IHK-geprüfter Schädlingsbekämpfer. Was er mir über das Leben und Überleben von Flöhen erklärt, klingt faszinierend und gruselig zugleich. Flöhe sind hungrig, erfahre ich. Wenn sie Gelegenheit dazu haben, nehmen sie täglich ihre Blutmahlzeit. Andererseits aber sind sie durchaus in der Lage, den Hungerkünstler zu spielen und bis zu zwei Monate ohne Nahrung auszukommen. Außerdem, und das ist es, was einen kribbelig machen kann: Ihr Lebenszyklus ist so ausgeklügelt, dass sie immer wieder Überlebens-Schlupflöcher finden.
 Hat ein Flohweibchen erst mal Blut gesaugt, legt es wenig später an die dreißig Eier ab. Beim Katzenfloh – und der ist es fast immer, von dem auch Menschen und andere Warmblüter befallen werden – geschieht das nach 24 bis 48 Stunden. Die Eier, kaum sichtbar, sind glatt und fallen daher meistens von ihrem Wirt ab. Nach vier bis fünf Tagen schlüpfen die Larven. Diese madenähnlichen, behaarten, vier Millimeter langen Wesen ernähren sich am liebsten vom Kot ihrer Eltern, der unverdautes Blut enthält. Sie kommen aber auch sehr gut mit allerlei anderen organischen Stoffen klar, mit Hautschuppen etwa, Haaren und dem, was sonst so in ungesaugten Polstern, unter Betten und zwischen Teppichgewebe zu finden ist. Diese Speisekarte macht sie relativ unabhängig von Mensch und Tier, sodass die Larve, versteckt in Bodenritzen und anderen dunklen Ecken, sich dreimal häuten, zur Puppe und dann zum Floh werden kann. Bei Zimmertemperatur schlüpfen die Jungflöhe bereits nach ein bis zwei Wochen aus dem Kokon, doch können sie ein Jahr und länger auf günstige Schlüpfbedingungen warten. Haben sie dann Glück und ihre Geschwister befinden sich in der Nähe, kann die Paarung losgehen. Und dann heißt es, auf einen Blutlieferanten zu hoffen, um nach der dafür unabdingbaren Blutmahlzeit die nächste Flohgeneration auf den Weg zu schicken. Theoretisch also, das höre ich aus all dem heraus, könnte mein Floh schon dafür gesorgt haben, dass seine Nachkommen es sich bei mir gemütlich machen.
 Tatsache ist, dass Ralf Schmidt und seine Kollegen immer wieder in Wohnungen gerufen werden, wo sich eine wahre Flohplage entwickelt hat. Flohweibchen legen unter idealen Bedingungen Hunderte von Eiern, nämlich dann, wenn sie immer wieder einen Wirt finden, der sie mit dem nötigen Blut versorgt. Die Larven-Kokons entlassen ihren kleinen Floh erst dann, wenn bestimmte Anzeichen ihnen vermitteln, dass er mit wenigen Sprüngen einen Warmblüter findet.
 „Haben Sie Haustiere?“, fragt der Schädlingsbekämpfer, und das ist eine tröstliche Frage. Ich besitze weder Hund noch Katze, weder Kaninchen, Vogel noch Hamster und Konsorten. Die großen Flohplagen, bei denen nur noch die große Bekämpfung hilft, entstehen eigentlich nur dort, wo viele Haustiere leben und niemand sich um die regelmäßige Entflohung gekümmert hat.
 Das meint auch der Rintelner Tierarzt Theodosis Orphanos. Er geht davon aus, dass mein Floh nur aus Versehen auf mir gelandet ist, sei es, dass er aus einem Vogelnest hüpfte, sei es, dass er von einem Hund oder einer Katze aus meinte, ich könne ihm gelegen kommen und Garant für seine Zukunft sein. „Höchstwahrscheinlich hat er sie schon längst wieder verlassen, mit einem Sprung hin zum geeigneteren Wirt“, sagt er. „Alles in allem sind nämlich stark behaarte Wesen das, was Flöhe wünschen und brauchen.“ Die beste Auskunft für mich: Da es mindestens 24, eher 48 Stunden, dauert, bis ein Floh nach dem Stich die Eier ablegt, und da er das immer nur in einem Fell oder in Körperhaaren tut, kam er bei mir, die ich täglich dusche, gar nicht erst dazu.
 Trotzdem sollten auch Menschen, die keine Haustiere haben, schnell reagieren, wenn sie Flohstiche entdeckt haben. Die sicherste Methode besteht darin, alle Kleidungsstücke über der Badewanne auszuziehen und auszuschütteln. Springt dann ein Floh herum, macht man ihm mit Wasser den Garaus. Sicherheitshalber wäre auch die Bettwäsche auf mindestens 60 Grad zu waschen, und wer ganz vorsichtig ist, saugt seine Wohnung samt Sofapolstern sorgfältig ab und wirft dann den Staubsaugerbeutel weg. Hätte man nämlich Larven eingesaugt, fänden sie im Staubbeutel eine übervolle Speisekammer vor, und angeblich können sie tatsächlich aus dem Beutel herauskrabbeln.
 Besitzer von Haustieren, vornehmlich von Hunden und Katzen, sie sollten im eigenen Interesse sehr aufmerksam sein, wenn ihr Tier sich unruhig kratzt und beißt. „Ich weiß von zwei Fällen, wo Leute umgezogen sind, weil ihre Wohnung von Flöhen verseucht war“, sagt der Tierarzt. So weit muss es allerdings nicht kommen. Vorsichtige Haustierbesitzer folgen dem ärztlichen Rat und versorgen ihr Tier vorbeugend mit einem sogenannten „Spot-On“-Präparat, dass in der sommerlichen Flohsaison alle vier Wochen erneut gegeben werden sollte. Diese Präparate verhindern, dass die Tiere überhaupt von einem Floh angesprungen werden. Leben bereits Flöhe im Tierfell –{FSPACE}man erkennt das an den Kotspuren, die sich, mit Wasser benetzt, rot färben – dann kommt zur Anti-Flohbehandlung eine sorgfältig auszuführende Putzarbeit auf Frauchen oder Herrchen zu. Auf jeden sichtbaren Floh kommt eine ganze Flohfamilie aus Eiern, Larven und Puppen. Die befinden sich überall dort, wo das Haustier sich häufig aufhält, rund um seinen Schlafplatz, aber eben auch gern auf dem Sofa, im Teppich, im Auto und bei manchen Menschen auch im Bett.
 In schlimmen Fällen bieten Tierärzte „Nebelbomben“ an, ein Langzeit-Insektizid, das helfen soll, die in der Wohnung verteilten Larven zu töten. Schädlingsbekämpfer Ralf Schmidt rät davon eher ab. Sie seien auch für den Menschen nicht gesund und würden gerade da, wo Larven sich am liebsten herumtreiben, nicht gut hingelangen, in Fußboden- oder Polsterritzen. Sollten Haustierbesitzer der Plage gar nicht Herr werden können, dann muss vielleicht wirklich der Schädlingsbekämpfer kommen.

Von Cornelia Kurth

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr