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Kattners Lehren

Thema des Tages Kattners Lehren

Wie lernen angehende Pastoren eigentlich, gute Predigten und zu verfassen? Wie gelingt es ihnen, nicht dieselben Fehler zu machen, die sie bei ihren älteren Kollegen kritisieren? Wie schaffen sie es, ihre Zuhörer sowohl intelektuell als auch emotional anzusprechen. Ein Besuch bei Heinz Kattner im Predigerseminar Loccum.

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Während des Studiums spielt die „Homiletik“, die „Predigtlehre“, für angehende Pastoren eine eher untergeordnete Rolle. Jedenfalls wenn es um das konkrete Verfassen von Predigttexten geht. Da ergeht es den Theologiestudenten nicht viel anders als Lehramtsanwärtern, die erst im Referendariat so richtig mit den Ansprüchen des Unterrichtens konfrontiert werden. Bei den Theologen ist es das Vikariat, die beiden praktischen Ausbildungsjahre in Kirchengemeinden, in denen sie erstmals wirklich andere Menschen mit der Botschaft Gottes ansprechen.
Im Predigerseminar von Loccum können die Vikare der Landeskirche Hannover Heinz Kattner begegnen. Die Pastorinnen Tina Willms und Friederike Grote aus Hameln und Sabine Schiermeyer aus Rinteln etwa lernten ihn während ihrer Ausbildung kennen. Einhellig sagen sie, dass sie selten an einen Lehrer gerieten, der ihnen so hilfreich zur Seite stehen konnte auf dem Weg, eine gute Predigerin zu werden. „Man muss Kritik am Text und Kritik an der Persönlichkeit trennen können“, sagt Willms, die inzwischen – durchaus Heinz Kattner geschuldet – Schriftstellerin geworden ist. „Genau das, eine den Menschen wertschätzende Kritik, das war so lehrreich.“
Ein Besuch in Loccum während eines Seminars von Kattner mit insgesamt 18 angehenden Pastoren kann vermitteln, wie er es macht: „Eine Predigt zu schreiben, ist etwas Intimes“, sagt er. „Sie verrät Intimeres über den Verfasser als manches persönliche Gespräch.“ Umso erstaunlicher, dass Kattners Schüler, alle um die dreißig Jahre alt, gar keine Scheu davor haben, dass eine Reporterin dabei ist, wenn sie sich einzeln von ihrem Lehrer eine Rückmeldung abholen. Ihre Aufgabe bestand darin, einen kurzen Andachtstext zum Thema Advent zu schreiben. Eine Art Kolumne also, die den Leser nicht nur auf der Verstandes-, sondern auch auf der Gefühlsebene ansprechen, die berührend, aber nicht kitschig sein, die klug, doch nicht gelehrt daherkommen soll, kurz, die „andächtig“ machen will.
„Das ist eine durchaus hohe Kunst“, sagt Kattner. 68 Jahre alt ist der Theologe, Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Dozent, seit 35 tätig in der Aus- und Fortbildung von jungen Theologen, denen er nahebringen will, bei ihren Predigten nicht in das berüchtigte „Salbadern“ zu verfallen. Einer seiner wichtigsten Ratschläge: „Seien Sie sie selbst!“ Die größte Verführung bestehe nämlich darin, in eine anonyme Kanzelsprache zu verfallen („Gott lädt uns ein, Gott will uns Mut machen“), oder in das Gegenteil einer unnachvollziehbar blumigen Sprache („Ihr Atem tänzelt in der Kälte wie eine Ballerina“).
Da treten sie also nacheinander ein in das holzgetäfelte „Drei-Kaiser-Zimmer“ des Predigerseminars im Kloster Loccum, die Vikare. Es sind so unterschiedliche Menschen mit so unterschiedlichen Texten, auf die Kattner sich einlässt. Der eine beugt sich vertraulich und selbstsicher zum Lehrer vor, die andere hält sich eher steif und auf Abstand bedacht auf ihrem Stuhl. Manche treten mit fröhlichem Lächeln ein, andere strahlen aus, dass sie sich der Qualität ihres Textes bewusst sind. Obwohl auf jeden eine Kritik zukommt, spürt man, dass die jungen Theologen Vertrauen haben zum Alten. Jeder wird sich nach seinem Gespräch herzlich bedanken, jeder wird etwas dazugelernt haben, niemand verlässt den Raum in gekränkter Stimmung.
„Eigentlich gehört das Predigen zur Substanz der Ausbildung“, sagt Kattner. „Doch in Wirklichkeit wird kaum über die einzelnen Predigttexte gesprochen. Predigten zu kritisieren ist vergleichbar damit, ein Gedicht zu kritisieren. Den Betroffenen kommt es schnell so vor, als richte sich die Kritik am Text zugleich gegen ihre Person.“
Vorsichtig formuliert er den Anspruch, den die Vikare an sich selbst und ihre Andacht stellen. „Sie sind so eine Stimmungs-Person, nicht wahr?“, sagt er etwa zur 28-jährigen Henrike Luers, die sofort bestätigt: „Ja! Ich mache beim Schreiben auch immer Musik an.“ Er kennt sie aus den vorherigen Seminartagen und er kennt jedes einzelne Wort ihres Textes, in dem sie gegensätzliche winterliche Stimmungen einfängt. Sie will ihre Leser in diese Stimmungen hineinziehen, damit ihre Schlusspointe um so tiefer wirken möge.
Ihre Pointe ist gut – ein Vergleich von Herbstblättern mit „Alltagsblättern“, die man beiseite schiebt, um eine „Lichtung“ zu entdecken. Doch ob Ausdrücke wie „wohlige Wärme“ oder „das Leben ist von Schnee bedeckt“ ein echtes Stimmungsbild entstehen lassen? Kann ein Ort funkeln, wie Luers es schreibt? Die Vikarin muss lachen, so offensichtlich ist, dass sie sich bei ihren Beschreibungen auf genau solche Phrasen eingelassen hat, mit denen man die Gefühle, die man wecken will, geradezu abtötet.
Doch was ein guter Lehrer ist, der wischt einen kritisierten Text nicht mit einer Handbewegung fort. Hier und da ein Adjektiv streichen, aus dem schneebedeckten Leben ein „überall liegt Schnee“ machen, und schon regt Luers Andacht die Phantasie des Lesers an und wird zu einem echten Stimmungsbild.
„Man kann nur etwas verändern, wenn man würdigt, was da ist“, sagt Heinz Kattner. So macht er es auch beim Text von Julian Wyrwa. Beim Gang über einen Adventsmarkt entdeckt das „Andachts-Ich“ eine Weihnachtskrippe, deren Geruch nach Holz und Stroh ihn an die Krippe zu Bethlehem erinnert. Wie kann sowas unter der geplanten Überschrift „Geruch unserer Zeit“ für die Leser nachvollziehbar werden? Im ruhigen Gespräch hin und her wird der Text von überhöhenden Metaphern befreit, ohne ihm den „altmodischen Duktus“ zu nehmen, der nun mal zur Persönlichkeit des Vikars gehört.
Kristin Köhler erzählt in ihrer Andacht von einem Mann, der grübelnd wach liegt, weil er weiß, dass nicht er der Vater des Kindes ist, mit dem seine Frau schwanger geht. Auch hier fällt es leicht, aus dem insgesamt sehr gradlinigen Text die eine oder andere „Soap“-Formulierung zu entfernen („Sie zog mich in ihren Bann“), um dann eine in Kattners Augen geradezu vorbildliche Stärke zu betonen: Köhle hat darauf verzichtet, die offensichtliche Analogie zum Verhältnis von Maria und Josef zu ziehen. „Weder Leser noch Zuhörer wollen ja bevormundet werden“, sagt er.
Er sieht es so: Ein Pastor muss nicht belehren, er muss auch nicht jedes Wort, das er sagt, auf Gottes Wort beziehen oder sich als Missionar betätigen. Wer diesen Anspruch fallen lässt und einfach versucht, die Menschen mit Wahrnehmungen, Geschichten und Erfahrungen zu berühren, die in sich die christlichen Werte beleben, der läuft auch nicht Gefahr, in das „Salbadern“ oder in „Kirchsprech“ zu verfallen. Die Andacht von Ralf Altebockwinkel kann das schön bestätigen.
Der war sich zunächst so unsicher über die Angemessenheit seines Text gewesen, weil er fürchtete, er sei mehr eine bloße Erzählung als eine Andacht. Bei einem Besuch in den USA lernte er den Brauch kennen, einem ahnungslosen Menschen vor Weihnachten zwölf Tage lang per Klingelstreich immer ein kleines Geschenk vor die Tür zu legen. Sein Freund und er wählten dafür, weil es ihnen lustig vorkam, eine skurrile alte Frau aus. Am Weihnachtstag sprach die Frau sie an, erzählte vom Tod ihres Mannes und wie glücklich sie die Aufmerksamkeiten gemacht hätten. „Da begriff ich erstmals wirklich den Sinn von Weihnachtsgeschenken“, heißt es in der Andacht.

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