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Thema des Tages / Verkehrsberuhigung Kein Ruhekissen

Wie lässt sich das Verkehrstempo in den Orten drosseln? Viele Autos, Lastwagen und Motorräder, die in einen Ort fahren, sind zu schnell – das behaupten jedenfalls in zahlreichen Orten die Anwohner, die ohne technische Hilfsmittel Geschwindigkeiten „fühlen“.

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Berliner Kissen, wie sie von der Industrie angeboten werden: Die Kunststoffteile werden vor Kreuzungen oder Ortseinfahrten auf die Straße geschraubt – und sorgen dafür, dass Autofahrer abbremsen.

Quelle: tol/Archiv

Von Ulrike Truchsess und Dietrich Lange.

In der Tat haben schon mal Radarüberwachungen gezeigt, dass viele Autofahrer am Ortsschild schneller als 50 Stundenkilometer sind. Deshalb fordern viele Kommunalpolitiker – wie gerade im Sünteltal oder in Hilligsfeld – bauliche Maßnahmen, um zu schnelle Autofahrer auszubremsen.

 Fährt man auf Hameln, Rinteln, Bückeburg oder Springe zu, so gibt es überall große Einfallstraßen – mehrspurige Bundesstraßen, auf denen die zulässige Geschwindigkeit von Tempo 100 auf 70 und dann 50 heruntergedrosselt wird. In den Tempo-50-Zonen der Orte bringen Ampeln den rollenden Verkehr zwischenzeitlich zum Stoppen. Dennoch: Oft wird der Ruf laut, das Tempo am Ortseingang oder in einem Stadtteil für den Autoverkehr zu reduzieren – sei es nun durch Verkehrsinseln, durch sogenannte Berliner Kissen, durch Radarfallen, Zebrastreifen oder Ampeln. Doch wie sinnvoll sind die Maßnahmen und wer entscheidet, was zielführend ist?

 Die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr mit Sitz in Hameln ist für die übergeordneten Straßen zuständig, sprich Bundes- und Landes-, aber auch Kreisstraßen. Gefragt, wann die Landesbehörde entscheidet, ob sie an Ortseingängen Berliner Kissen auf den Asphalt schrauben lässt, winkt sie ab. Denn das seien „reine Verkehrsberuhigungsmaßnahmen, die greifen auf übergeordneten Straßen nicht“, sagt Sprecherin Uta Weiner-Kohl. Die Berliner Kissen würden nur bei Gemeindestraßen eingesetzt. Die Landesbehörde ist allerdings als übergeordnete Behörde beim Bau von Verkehrsinseln an Ortseingängen gefragt – denn dabei handelt es sich nach deutscher Behördenauffassung „um eine verkehrsdämpfende Maßnahme“. Und das sei ja nun mal etwas ganz anderes als eine Verkehrsberuhigung.

 Aber: Eine Auswertung über die Effizienz von geschwindigkeitsdämpfenden Maßnahmen gibt es bei der Landesbehörde nicht. Optisch vermitteln die Verkehrsinseln am Ortseingang dem Autofahrer, dass jetzt eine Ortseinfahrt erfolge. Weiner-Kohl: „Das soll dem Verkehrsteilnehmer deutlich sagen, hier gilt es, die Geschwindigkeit anzupassen.“ Der Leiter der Abteilung Verkehrsplanung und Straßenwesen der Stadt Hameln, Erhard Linke, erläutert, dass Verkehrsinseln immer den Sinn hätten, bei breiten Straßen eine Gliederung vorzunehmen, um eine Kleinräumigkeit zu erzeugen. Berliner Kissen, die auf die Straße aufgeschraubt werden und vor denen abgebremst wird, seien von den Anliegern nicht gewollt, weil das Abbremsen Geräusche erzeuge.

 Die Berliner Kissen „sind durch ihre Bauhöhe von sechs Zentimetern für alle Fahrzeuge sicher zu überfahren. Aufgrund der Außenbreite der Aufpflasterung von 180 Zentimetern können Busse und Fahrzeuge mit einem größeren Achsabstand ungehindert über das Berliner Kissen fahren“, heißt es auf der Homepage eines deutschen Herstellers dieser Straßenkissen – die rund 2000 Euro pro Stück kosten. Doch genau das, was dort angepriesen wird, ist sowohl bei Straßenplanern als auch bei Bürgern umstritten. „Wenn diese Fahrzeuge nicht ausgebremst werden, dann sind die Kissen unwirksam“, lautet beispielsweise das Urteil von Linke. Da hilft auch nicht das Argument der Hersteller, dass diese Kissen ausschließlich aus vulkanisiertem Gummi bestehen und geräuscharm beim Überfahren seien, denn gebremst und Gas gegeben wird vor und nach dem Kissen.

 Das Lautstärkeproblem bestätigt Jörg Schröder, Erster Stadtrat aus Rinteln. „Wir haben schon alles diskutiert, alle erhoffen sich Beruhigung, aber diejenigen, die in unmittelbarer Nähe der Kissen wohnen, fühlen sich vom Scheppern beim Überfahren der Welle belästigt, und Autofahrer finden die Kissen eh nicht gut.“ Der langjährige frühere Rintelner Tiefbauamtsleiter Helmut Leppin hat folgende Erfahrungen gesammelt: Mitte der siebziger Jahre wurden in einer Kurve der Rintelner Ostertorstraße halbrunde, etwa 50 Zentimeter lange Gumminoppen aufgenagelt, um das Abdrängen von Radfahrern zu verhindern. Sie wurden aber überfahren, lösten sich ab, mussten nachgenagelt werden und werden jetzt nach und nach beseitigt. Leppins Fazit: nicht bewährt. Durchaus bewährt hätten sich dagegen sogenannte Pflanztore, zwischen denen die Fahrbahn verengt wird und die zusätzlich auch noch mit einem Berliner Kissen ausgestattet sind. Dasselbe gelte auch für einseitige Pflanznasen. Als „wirksam“ bezeichnet Leppin die Berliner Kissen: Alle Autofahrer bremsen, weil sie Sorge um Ölwannen und Frontspoiler haben.

 Insbesondere kurze Schwellen können beim Überfahren zu Schäden am Fahrzeug führen. Die Folge sind Schadenersatzforderungen. Linke: „Es gab schon mal Ärger mit dem Fahrer eines tiefergelegten Fahrzeuges.“ Auch komme es immer wieder zu schlimmen Stürzen von Radfahrern, wenn die Bremsschwellen etwa in der Dunkelheit nicht oder zu spät erkannt würden.

 Schauen wir mal zu den europäischen Nachbarn: Dort läuft es teilweise ganz anders. In Belgien und den Niederlanden gehören die Berliner Kissen ebenso zum ganz normalen Straßenbild wie Bodenwellen. Der Verkehrsplaner der Stadt Enschede, Jeroen Lieverdink, bestätigt: „Es gibt viele Kissen bei uns in Enschede, hauptsächlich in Wohnstraßen bei Tempo 30 und weniger werden die Kissen gern eingebaut.“ Bei Straßen mit Tempo 45 sind die Kissen in den Niederlanden höher als bei Straßen für Tempo 30. Bei Ortsausgangsstraßen werden in den Niederlanden gern Kreisel zur Temporeduzierung gebaut, wie der Verkehrsplaner berichtet.

 Für den Bau einer Verkehrsinsel wie im Sünteltal kalkuliert Linke übrigens rund 25000 Euro. In Hilligsfeld entstehen doppelt so hohe Kosten, weil die Spur rechts ausgeschwenkt wird. Linke spricht in diesem Fall von einer „passiven Auslenkung“ oder auch „Ausbremsung des Verkehrsteilnehmers“. Wer das Tempo da nicht reduziert, muss damit rechnen, dass sein Fahrzeug ins Schleudern gerät.

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