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Keine Angst vorm „bösen Wolf“

Experten geben Entwarnung Keine Angst vorm „bösen Wolf“

Der Wolf ist zurück. Und er sorgt für jede Menge Redebedarf. Fast täglich vermelden die Medien neue Aspekte der – teils sehr emotional – geführten Debatte über seine Ausbreitung in Niedersachsen. Im Schaumburger Land ist bisher noch kein Wolf gesichtet worden, erklärt Jürgen Müller. Er ist einer von zwei Wolfberatern im Landkreis, und wünscht sich mehr Sachlichkeit in der Diskussion über das Raubtier.

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Wölfe im Anmarsch. Ob sie über kurz oder lang auch durch die Schaumburger Wälder streifen? Das weiß nur der Wolf, erklärt Jürgen Müller. dpa

Das Oppenweher Moor ist Lebensraum zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. Nun ist das Naturschutzgebiet im Kreis Minden-Lübbecke um eine Art reicher: Ein Wolf hat dort im Dezember ein Schaf gerissen, ein DNA-Test verschaffte Gewissheit. Unklar ist noch, ob das vermutlich aus Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen eingewanderte Tier das Gebiet lediglich durchstreift oder ob es sich dauerhaft dort niederlässt.
Das Oppenweher Moor ist nicht weit weg. Knapp 50 Kilometer Luftlinie trennen das Hochmoor vom Landkreis Schaumburg. Eine Distanz, die ein Wolf problemlos in einer Nacht zurücklegen kann. Kommt das Raubtier auch ins Schaumburger Land? „Ob und wann der Wolf nach Schaumburg wandert, weiß nur der Wolf“, sagt Jürgen Müller. Fakt ist: Bisher gibt es dafür keine Hinweise.
Müller muss es wissen. Der 31-jährige Zootierpfleger der Wildtierstation Sachsenhagen ist einer von zwei Wolfsberatern im Landkreis, die im November 2014 vom niedersächsischen Umweltministerium ernannt worden sind. Seit 2009 beruft das Ministerium die ehrenamtlichen Wolfsberater, aktuell sind es landesweit mehr als 100 speziell geschulte Experten – alle auf die Situation vorbereitet, wenn der erste Wolf in ihrem Gebiet aufkreuzt. Denn, so heißt es auf der Homepage des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN): „Grundsätzlich können in allen Landesteilen und zu jeder Zeit Wölfe auftauchen.“
2007 sind in Niedersachsen die ersten Wölfe nachgewiesen worden. 2012 konnte der erste Nachwuchs eines Rudels bei Munster bestätigt werden. Aktuell gibt es landesweit fünf Wolfsrudel – in Munster, Bergen, Gartow und Eschede sowie auf dem Schießplatz Rheinmetall in Unterlüß. Zwei Wolfspaare (ohne Nachwuchs) leben in Cuxhaven und Fuhrberg, eine standorttreue Fähe hat ihr Revier auf dem Schießplatz Nordhorn nahe der Ems. Das geht aus den Daten der Landesjägerschaft Niedersachsen hervor, die mit dem sogenannten Wolfsmonitoring, also der systematischen wissenschaftlichen Beobachtung der Raubtiere, beauftragt ist.
Ein Wolf in Schaumburg? Wolfsberater Müller hält das für möglich. Gleichzeitig betont der Tierpfleger: „Der Wolf ist für Menschen ganz sicher ungefährlich. Der Mensch gehört nicht zu seinem Beutespektrum.“ Dennoch ist das Rotkäppchen-Syndrom längst nicht überwunden. Dass der Wolf ein schlechtes Image hat, zeigt die emotionale Debatte, die meist überall dort geführt wird, wo das Raubtier zum ersten Mal nachgewiesen wird. Was die Naturschützer freut, verängstigt vor allem die Schafhalter, die Angst um ihre Tiere haben. Und auch Anwohner sorgen sich um ihre Sicherheit. Jüngstes Beispiel ist ein Fall im Landkreis Vechta, wo ein in der Nähe eines Waldkindergartens gesichteter Wolf für Aufregung sorgte.
Die Angst vor dem „bösen Wolf“ kann Müller nachvollziehen. Seit dem Mittelalter würden Wölfe verteufelt und als Konkurrent angesehen. Das von Volksmärchen verbreitete Bild der hinterlistigen Bestie sei tief im deutschen Gemüt eingegraben. „Der Wolf ist ein Raubtier und dazu kein kleines. Wenn man nichts über ihn und seine Gewohnheiten weiß, ist die Angst verständlich“, betont der Wolfsberater. Sie resultiere aber allein aus dem Mythos des gefährlichen Märchentieres und nicht aus dem Verhalten des realen Wildtieres. Deshalb sieht Müller es als eine seiner Hauptaufgaben, die Öffentlichkeit über den Wolf und seine Lebensweise aufzuklären. Und er wünscht sich, dass das Thema Wolf so sachlich wie möglich betrachtet wird.
„Der Wolf meidet den Menschen, er zeigt eine natürliche Scheu. Spaziert ein Mensch durch den Wald, wittert der Wolf ihn und zieht sich zurück.“ Es sei deshalb sehr unwahrscheinlich, dass Spaziergänger überhaupt tagsüber einem Wolf im Wald begegnen. Und wenn es doch einmal dazu kommt? „Ruhe bewahren, durch lautes Reden oder Händeklatschen auf sich aufmerksam machen und langsam weggehen“, empfiehlt der Experte. Selbstverständlich gebe es auch Tiere, die bei Sichtkontakt nicht sofort den Rückzug antreten. „Das sind dann neugierige Jungwölfe, die noch keine Erfahrung mit Menschen gemacht haben.“ Müller ist sich sicher, dass auch diese Tiere keine Gefahr darstellen. „Kein Wolf würde einen Menschen angreifen.“
Dass Wölfe Menschen meiden, bedeutet aber nicht, dass sie menschlichen Strukturen aus dem Weg gehen. So sei es natürliches Verhalten, wenn ein Wolf, meist nachts, an Siedlungen vorbeistreift. Ebenso natürlich sei das Reißen von Nutztieren. Insbesondere Schafe stehen auf seinem Speiseplan. Umso wichtiger ist es, betont Müller, dass Nutztierhalter unterstützt werden – durch Entschädigungszahlungen im Fall von toten und verletzten Schafen und vor allem durch vorbeugende Maßnahmen. „Es gibt gute Konzepte, eine Herde wirksam vor Wölfen zu schützen, zum Beispiel durch Elektro-Zäune oder Herdenschutzhunde“, sagt Müller und verweist auf die „Richtline Wolf“, in der Ausgleichzahlungen für gerissene Nutztiere und Zuschüsse für Neuanschaffungen unter anderem von Schutzzäunen geregelt sind.
In Bezug auf die heimischen Wildtierbestände sieht Müller keinen Grund zur Annahme, das Wild könne durch den Wolf ausgerottet werden. Das Revier eines Rudels sei immer so groß, dass es ausreichend Beute für die Aufzucht der Welpen gebe. Die Größe des Rudels sei von der Verfügbarkeit der Beutetiere abhängig. Verringere sich der Wildtierbestand, werde auch das Wolfsrudel kleiner. Einen Sonderfall nimmt dabei das Muffelwild in Schaumburg ein, dessen Bestand durch Wölfe wohl erheblich dezimiert werden würde. Der Grund: „Mufflons sind künstlich in Schaumburg angesiedelt worden. Ihr Fluchtmechanismus greift hier nicht“, sagt Müller und erklärt, dass die Wildschafe sich in ihrer eigentlichen Heimat auf Sardinien und Korsika mit einem Sprung auf einen Felsen vor Feinden retten. „Das ist in Schaumburg nicht möglich, hier gibt es diese Landschaft nicht.“
Müller ist es wichtig, zu betonen, dass der Wolf nicht etwa von Menschen in Deutschland wieder angesiedelt wurde, sondern von Osteuropa aus eingewandert ist. „Er ist Teil der natürlichen Wildtierbestände in Deutschland und hat aus biologischer Sicht einen Platz im Ökosystem.“ Das einzige, was der Mensch beigetragen hat, sei die Tatsache, dass Wölfe umfassend unter Schutz gestellt sind und in Niedersachsen nicht bejagt werden dürfen. Aufgabe der Gesellschaft sei nun, sich mit dem Wolf auseinanderzusetzen und „zu lernen, mit dem Wildtier umzugehen. Das ist eine große Herausforderung.“ kcg

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Die Wolfsberater in Schaumburg

Jürgen Müller und Florian Brandes von der Wildtierstation Sachsenhagen sind die ehrenamtlichen Wolfsberater für den Landkreis Schaumburg. Ihre Aufgabe ist es, mit Rat und Tat allen interessierten Bürgern sowie Tierhaltern und Jägern zur Seite zu stehen und über den Wolf und seine Lebensweise zu informieren. Außerdem nehmen sie alle Sichtungen oder Spuren in ihrem Einsatzgebiet auf, um Klarheit über Wolfsvorkommen und Wolfsrisse zu erhalten. Damit unterstützen sie die Landesjägerschaft beim Wolfsmonitoring.
Kontakt: Die Schaumburger Wolfsberater sind unter den Telefonnummern (0 57 25) 70 87 30 und (0 57 26) 92 15 47 zu erreichen. kcg

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