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Keine Ethik ohne Religion?

Thema des Tages: Religion als Unterrichtsfach Keine Ethik ohne Religion?

Es gibt ein Schulfach, da haben nicht nur Staat und Kultusministerien mitzureden, sondern auch die Kirchen: Religion. Der Unterricht an Schulen ist im Grundgesetz verankert. Was aber macht das Fach anders als Alternativen wie „Werte und Normen oder Philosophie“?

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Religion ist fester Bestandteil des Stundenplans an den Schulen. Der Unterricht ist im Grundgesetz verankert, die Teilnahme ist für Schüler aber freiwillig.

Quelle: ll

Von Cornelia Kurth

Unter all den Fächern, die an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet werden, ist eines anders als alle anderen: das Fach Religion. Hier nämlich haben nicht nur Staat und Kultusministerien darüber zu bestimmen, was genau unterrichtet wird und wer unterrichten darf, sondern ebenso die großen Kirchen. Kein Lehrer, der nicht hinter den evangelischen oder katholischen Glaubensinhalten steht und von den Kirchen per „Vokation“ dazu berufen wird, kann ein Religionslehrer sein. Der Artikel sieben des Grundgesetzes ist es, der den großen Religionsgemeinschaften das Recht gibt – aller sonstigen Trennung von Staat und Kirche zum Trotz – eine bestimmte Weltanschauung direkt an die Schüler heranzutragen.

 Das hat Konsequenzen. Da kein Kind oder Jugendlicher gezwungen werden kann, gegen seinen Willen oder gegen den Willen der Eltern an diesen Religionsstunden teilzunehmen, findet man nur selten Schüler moslemischen Glaubens im entsprechenden Unterricht. Ob zu Recht oder zu Unrecht, so manche Eltern fürchten, ihre Kinder könnten in einem ihrem Religionsverständnis nicht passenden Sinne beeinflusst werden. An den höheren Schulen Niedersachsens haben Schüler die Wahl zwischen dem Fach Religion und dem neutral ausgerichteten Fach „Werte und Normen“. An den meisten Grundschulen allerdings führt die Nicht-Teilnahme am Religionsunterricht dazu, dass die entsprechenden Kinder irgendwie anderweitig beschäftigt werden und auch nichts von dem Bildungswissen rund um die christliche Religion erfahren.
 „Ja, das ist ein gewisses Problem“, meint dazu Philipp Meyer, Superintendent im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont. „Wir treten auch unbedingt dafür ein, dass es moslemischen Schulunterricht geben soll. Worauf es nämlich ankommt, ist nicht so sehr ein Bildungswissen – das selbstverständlich auch –, sondern eine Möglichkeit für alle, in der Schule nicht nur abfragbare Informationen geboten zu bekommen, sondern eine eigene ethische Position zu entwickeln. Und das geht nur, wenn einem jemand gegenübersteht, der selbst Position bezieht.“

 Theoretisch könnte rein religionswissenschaftlicher Unterricht eine Alternative sein, mit einem Konzept, das erlernbares Hintergrundswissen über die Weltreligionen vermittelt. „Doch das geschähe dann aus einer distanzierten Warte heraus, und ethische Werte kann man nicht aus der Distanz vermitteln.“

 In den meisten Bundesländern ist das Fach Religion tatsächlich ein „ordentliches Lehrfach“, an dem alle Schüler, die der entsprechenden Glaubensrichtung angehören, teilnehmen sollen, und dessen Zensuren nicht weniger Versetzungsrelevanz besitzen als die der anderen Fächer. In Niedersachsen ist es relativ problemlos, sich davon befreien zu lassen und statt dessen das Fach „Werte und Normen“ oder „Philosophie“ zu wählen, während Bayern eine Teilnahme am konfessionsgebundenen Religionsunterricht bis zur Volljährigkeit verpflichtend macht, es sei denn, man trete aus der Kirche aus. Einzig Berlin, Brandenburg und Bremen gehen da Sonderwege. In Berlin etwa hat das Fach Religion den Status einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft und die Zensuren spielen für die Versetzung keine Rolle.

 Kritiker wie der Publizist Alan Posener fragen geradezu sarkastisch nach, wieso der Staat Zensuren vergebende Lehrkräfte bezahlen soll, damit „katholische Schüler wissen, wer unbefleckt empfangen hat; dass evangelische Schüler wissen, ob Christus in Brot und Wein real oder nur symbolisch präsent ist; dass jüdische Schüler wissen, warum sie Heuschrecken essen dürfen, Hasen aber nicht; dass muslimische Schüler wissen, ob Jesus gekreuzigt wurde“. Könne es im Sinne einer Gemeinschaftlichkeit aller Religionen sein, wenn etwas in einem moslemischen Religionsunterricht gelehrt würde, dass „erst der Islam die ,barbarischen und vernunftwidrigen‘ Lehren des Alten Testaments, die ,Widersprüche‘, den ,Aberglauben‘ und die ,zweifelhafte Ethik‘ des Neuen Testaments überwunden habe, wie es in der ’Einführung in die offizielle deutsche Übersetzung des Korans heißt‘?“, merkt er in einem Diskussionstext aus dem Jahr 2009 an.

 Ähnlich problematisch stellt sich oft der evangelische oder katholische Religionsunterricht für Angehörige anderer Glaubensrichtungen dar. Am Rintelner Gymnasium Ernestinum ebenso wie an vielen anderen Schulen, wo die entsprechenden Schülerzahlen erreicht werden, haben Schüler die Wahl zwischen evangelisch und katholisch orientiertem Unterricht. So eine Differenzierung mag – von außen betrachtet – schon eigenartig erscheinen: Soll es wirklich die Aufgabe staatlicher Schulen sein, den Heranwachsenden eine spezielle katholische oder evangelische Ethik zu vermitteln, statt insgesamt dafür zu sorgen, dass ein umfassendes, aber neutral vorgebrachtes Wissen über die Bedeutung der christlichen Tradition in unserer Kultur weitergetragen wird, nicht anders, als es bei Themen etwa des Sozialkunde- oder Geschichtsunterrichtes der Fall ist?

 Rolf Schultz, Fachbereichsleiter für das Fach „Evangelische Religion“ am Ernestinum sieht es so: „Wir missionieren nicht, wir unterrichten keinen ,Glauben‘ – aber dass wir Religionslehrer nicht wertfrei unsere Inhalte vermitteln, ist in meinen Augen genau die Stärke des konfessionsgebundenen Unterrichts.“

 Es gehe nicht darum, den Glauben an sich zu verteidigen, gar Gläubigkeit einzufordern, sondern eine glaubwürdige Instanz darzustellen, an der man sich abarbeiten könne. „Es hat für die Schüler einen großen Wert, wenn sie merken, dass ein Lehrer in Glaubensdingen hinter dem steht, was er unterrichtet“, sagt er. „Was mich betrifft, so meine ich Folgendes, so utopisch es klingen mag: Wenn das evangelische Christentum mehr gelebt würde, dann sähe es in unserer Welt besser aus.“

 Auf dem Lehrplan stehen Fragenkomplexe, die wohl die allermeisten jungen Menschen nicht kalt lassen: „Brauchen wir die Vorstellung eines Schöpfers, um uns in der Welt geborgen fühlen zu können“; oder: „Was ist eigentlich ,Sünde‘, was ,Vergebung‘?“; oder: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ und natürlich: „Wieso lässt Gott das Böse in der Welt zu?“. Das Leben und die Lehre von Jesus Christus gehören ebenso zum Unterrichtsstoff wie eine Auseinandersetzung mit den anderen Weltreligionen.

 „Ich kann die Einwände gegen einen konfessionsgebundenen Religionsunterricht durchaus nachvollziehen“, so Rolf Schultz. „Und es ist ja auch nicht so, dass diejenigen Lehrer, die ,Werte und Normen‘ oder ,Philosophie‘ unterrichten, keine grundsätzlichen ethischen Werte hätten, um deren Vermittlung es ihnen ginge. Natürlich kenne ich all die Diskussionen darüber, ob ein konfessionsgebundener Religionsunterricht nicht außerhalb der Schule in die alleinige Verantwortung der jeweiligen Kirchen gelegt werden sollte.“

Allerdings – und das ist sein großes Argument für den Religionsunterricht, der über reinen Fachunterricht hinausgeht – gerade das, was Kritiker so problematisch fänden, sei der für alle Schüler insgesamt große Gewinn, dass nämlich ein Nachdenken über die eigene Weltanschauung im eigentlichen Mittelpunkt der Unterrichtstunden stehe. „Nehmen wir an, der Religionsunterricht würde gestrichen zugunsten eines grundsätzlich nur fachlich-wissenschaftlichen Unterrichts, dann fiele das einzige Fach aus dem Lehrplan heraus, in dem man über sich selbst und seine eigene Haltung zur Welt spricht, ohne damit das Unterrichtsgeschehen aufzuhalten.“ Gäbe es die Zusammenarbeit von Kirche und Schule nicht mehr, dann, er sei sich sicher, würde auch das Fach „Werte und Normen“ einen viel geringeren Stellenwert erhalten, als es aktuell der Fall sei. Man sähe ja an sonstigen Randfächern, Musik etwa, Kunst, sogar Chemie und Physik, wie bei ihnen gekürzt und gespart werde. Beide Fachbereiche gehörten in gewisser Weise zusammen, indem sie das aktive und geförderte Nachdenken über ,Gott und die Welt‘ in die Schule brächten.

 Superintendent Philipp Meyer ergänzt diesen Blickpunkt zur Verteidigung des Religionsunterrichts nach Grundgesetzartikel 7. „Man muss als Religionslehrer ein gläubiger Mensch sein, und sich zur Religion bekennen, das erwartet und verlangt die Kirche. Aber es ist ja auch so, dass einen Glauben zu finden, oder sich dagegen zu entscheiden, nichts ist, was den Menschen von Außen aufgedrängt wird, sondern etwas, das sie auch von sich aus bewegt. Ein engagierter Religionsunterricht trägt dazu bei, sich eine Meinung und Haltung zu bilden und auch da bilden zu können, wo man außerhalb der Schule keinen Zugang zu solchen Grundgedanken finden würde.“

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