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Kleiderkreisel statt Verschwendung

Thema des Tages Kleiderkreisel statt Verschwendung

Gedacht war es ursprünglich als konsumkritische Initiative: Der „Kleiderkreisel“ ist eine Plattform im Internet, auf der private Nutzer Kleidung anbieten und erwerben können. Eigentlich wollten die Gründerinnen auf den Geld-Transfer verzichten, das ließ sich jedoch nicht umsetzen. Wer allerdings nach Pelzen sucht, ist beim Kleiderkreisel an der falschen Adresse.

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Von Cornelia Kurth

 Mindestens zweimal in der Woche streift die Hamelner Jura-Studentin Christina Kosin über den Flohmarkt. Überwiegend junge Frauen kaufen und verkaufen dort alles, was ihr übervoller Kleiderschrank loswerden will, und oft tauschen sie Kleidung oder Accessoires einfach untereinander aus. Das Angebot ist überwältigend groß. Was für viel beschäftigte Menschen wie Christina Kosin sehr reizvoll dazu kommt: Man kann auf diesem Flohmarkt gemütlich vom PC aus herumstöbern. Er nennt sich „Kleiderkreisel“ und läuft über das Internet. „Ich kaufe da jetzt bestimmt schon 50 Prozent meiner Klamotten ein“, berichtet die 24-jährige Studentin.

 Auch die Angestellte Marina Köster (22, Name geändert) aus Rinteln gehört zu den inzwischen über anderthalb Millionen Mitgliedern, die der Kleiderkreisel nach seiner Gründung im Jahr 2009 durch zwei Berliner Studentinnen deutschlandweit und in Österreich verzeichnet. Sie will ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, denn: „Ich stelle da ja auch Fotos von mir ein, damit man besser erkennt, wie ein Kleidungsstück am Körper aussieht. Aber dabei verdecke ich mein Gesicht. Es ist, finde ich, eine ziemlich persönliche Sache, aller Welt zu zeigen, was man so aus seinem Kleiderschrank aussortiert.“

 Als sie vor einem halben Jahr durch eine Freundin von der Existenz des „Kleiderkreisels“ erfuhr, war sie wie elektrisiert. „Ich habe ganze Nachmittage damit verbracht, meine Kleidung und auch Schmuck, Schuhe – ich besitze Massen von Schuhen –, Taschen und Parfüms, Dinge, die ich doch nie benutze, zu fotografieren und möglichst gut zu beschreiben“, sagt sie. „Der Kleiderkreisel kann glatt zu einem Nebenberuf werden. Ständig sind Nachrichten von interessierten Leuten da, man schreibt sich, verhandelt, und dann müssen ja die Päckchen verpackt und zur Post gebracht werden.“

 Leerer ist ihr Kleiderschrank dadurch nicht geworden: „Auch bei mir kommt bestimmt einmal in der Woche ein Kleiderkreisel-Päckchen an.“

 Den Online-Flohmarkt hat nicht etwa eine Frau erfunden, sondern ein junger Programmierer aus Litauen: Justas Janauskas, der zwei Berliner Studentinnen für die Idee begeisterte, auch in der Bundesrepublik solch eine Secondhand-Plattform aufzuma-

 chen. Längst gibt es weitere Ableger in Großbritannien, den USA, Frankreich und Polen. Weil die Betreiber Werbung auf den Seiten unterbringen – die Nutzung der Plattform ist für die Teilnehmer kostenlos – hat sich das Ganze in nur wenigen Jahren zu einem millionenschweren Unternehmen entwickelt.

 Zu Beginn aber hätten sie gar nicht an das Geldverdienen gedacht, erzählen die Kleiderkreisel-Gründerinnen Sophie Utikal und Susanne Richter in allerlei Interviews. „Kämpfe stilvoll gegen Verschwendung“, sei ihr Motto gewesen. Nicht mehr das Besitzen und Horten, sondern das Benutzen und Teilen als Haltung habe sie angetrieben.

 Am meisten gereizt habe sie eigentlich der Tausch-Gedanke, und ins Laufen kam der deutsche „Kleiderkreisel“ zunächst wirklich dadurch, dass Frauen vor Ort Kontakt aufnahmen, sich mit Koffern und Taschen voller Kleidungsstücke verabredeten und danach glücklich mit neuen Schätzen nach Hause zurückkehrten. Durch Mundpropaganda, über Internet-Blogs und Berichte in den Medien erhielt der Onlineflohmarkt dann in kurzer Zeit so viel Zuspruch, dass aktuell 15 Mitarbeiter angestellt werden konnten.

 Ein direktes Tauschen, von Frau zu Frau, würde auch Marina Köster und Christina Kosin gefallen. „Ich habe eine Freundin in Hannover, die sich regelmäßig mit vier anderen Kleiderkreisel-Frauen trifft“, sagt Köster. „Ich bin total neidisch. Die machen immer eine kleine Party daraus, probieren die Sachen an, geben sich ehrliche Ratschläge. Und sie achten dabei gar nicht darauf, welches nun das wertvollste Stück ist, Hauptsache, jede hat was Schönes gefunden.“

 Christina Kosin würde gern mal auf einen realen Kleiderkreisel-Flohmarkt gehen, wie er zum Beispiel in Berlin öfter stattfindet. Die Interessenten verabreden sich dafür über Seiten wie Facebook. „Es hätte schon was, wenn man die Kleidung vorher mal anprobieren könnte.“ Das geht natürlich nicht beim Online-Flohmarkt. „Manchmal entsprechen Sachen, die ich kaufe, nicht zu 100 Prozent der Beschreibung“, sagt Kosin. „Aber das nehme ich nicht übel, solange es nur kleine Makel sind. Jedenfalls hatte ich noch nie das Gefühl, es sei böse Absicht.“ Was außerdem den Handel einigermaßen regulierte, sei die Möglichkeit, die anderen Teilnehmer nach einer Transaktion zu bewerten. „Man kann unehrlichen Leuten, oder solchen, die nicht mitmachen, wenn man doch was zurückgeben will, eine negative Bewertung geben. Man kommt also mit

 ,bösen Taten‘ nicht so leicht davon. Ich jedenfalls ignoriere Verkäufer mit mehreren schlechten Bewertungen. Es gibt ja wirklich genug Alternativen.“ Ihr sei es allerdings auch schon mal passiert, dass ein Mädchen nicht zufrieden war. „Ich habe ihr sofort das Geld zurücküberwiesen und mich ehrlich entschuldigt, aber sie blieb enttäuscht“, erzählt Kosin. Sie gebe sich immer sehr viel Mühe mit der Beschreibung ihrer Sachen, den Fotos und dem Verpacken. „Der Kleiderkreisel läuft eben auf Privatbasis mit ganz normalen Menschen. Auf Emotionen, Anschuldigungen oder gewisse Zickigkeiten muss man schon gefasst sein, auch wenn ich selbst das nur sehr selten erlebe.“

 Neben den „Verkaufsständen“ der einzelnen Verkäufer besitzt der Online-Flohmarkt auch eine Art Plauderecke, ein Forum, wo man sich schriftlich über alle möglichen Dinge austauscht, besonders gern natürlich über den Kleiderkreisel selbst und was man so erleben kann. Da liest man dann schon von Teilnehmern, die einen Luis-Vuitton-Schal gegen ein Billigketten-T-Shirt tauschen wollen und beleidigt sind, wenn die andere Anbieterin da nicht mitspielen will; von Geizhälsen, die selbst dann noch den Preis runterhandeln wollen, wenn ein gutes Stück gerade mal 5 Euro kostet; oder von solchen, die ohne Gründe anzugeben, ein Geschäft abbrechen, einfach nicht bezahlen oder gemeine negative Bewertungen verteilen. Manche kritisieren, dass ein großer Anteil des Angebotes von Modediscountern stammt, andere beschweren sich darüber, dass die Artikel insgesamt gar nicht besonders günstig zu erstehen seien. „So einer Kritik würde ich aber nicht zustimmen“, betont Christina Kosin. „Das Angebot zu kritisieren, ist ja so, als ob ich bemängele, dass es auf einem Flohmarkt so viel Schrott gibt. Außerdem wird einfach alles angeboten – von ganz billig bis zu richtig exklusiven Sachen. Wenn ich keine Lust auf Discounter-Artikel habe, gebe ich im Suchfilter meine gewünschte Firma an. Es sind nun mal Privatleute, die ihre Sachen einstellen. Ich kann nicht erwarten, dass alle Leute Markenklamotten tragen und sie verkaufen.“

 Zu den Artikel-Preisen sagt Christina Kosin: „Es ist auf jeden Fall um Einiges günstiger als im Laden. Man kann außerdem immer versuchen zu handeln, es sei denn, jemand gibt in seinem Profil ausdrücklich an, dass er das nicht will. Oft merke ich mir einen interessanten Artikel und hoffe, dass er nach einer Weile vielleicht runtergesetzt wird.“ Umgekehrt ist auch sie bereit zu handeln. „Das Wichtigste für mich ist eigentlich, dass ich bei allem ein gutes Gefühl habe. Natürlich gibt es manchmal auch Probleme, aber insgesamt bin ich einfach erfreut, wenn alles gut läuft, wenn ich mit meinen Klamotten gut ankomme und wenn ein Kauf oder Verkauf nett und freundlich abläuft.“

 Wer sich im Angebot vom Kleiderkreisel umsieht – die Suchfilter unterscheiden zwischen Markennamen, Kleidergrößen und Orten – kann auch Herrenmode entdecken, ebenfalls im Grunde alles, was das Herz begehrt. Angeboten werden Hosen, Hemden, Shirts, Jacken, Gürtel und Schuhe – allerdings fast nur von Frauen. „Es gibt auch Männer unter den Anbietern, aber ich selbst habe noch nie mit einem zu tun gehabt“, sagt Marina Köster. Wenn sie für ihren Mann nach Kleidung suchte, waren es bisher immer nur Frauen, die sie verkauften.

 Nicht erlaubt sind auf dieser Plattform professionelle Händler, und ebenfalls verboten ist das Anbieten von echten Pelzen. Ursprünglich wollten die Gründerinnen am liebsten ganz auf den Geld-Transfer verzichten, eine Plattform aufbauen, die man als echte Konsumkritik verstehen sollte. Schnell aber erkannten sie, dass sie ja selbst viel zu leidenschaftlich an Mode interessiert waren, um das durchzuhalten.

 Nicht viel anders ergeht es Christina Kosin. „Konsumkritik kam mir weniger in den Sinn, da ich ja über den Kleiderkreisel immer noch konsumiere und zwar oft fast neue Artikel, nur zu günstigeren Preisen“, sagt sie. „Außerdem kann das bequeme, einfache Onlinekaufen schnell süchtig machen. Ich musste mich auf jeden Fall schon öfters zügeln. Nun denke ich zehnmal drüber nach, ob ich etwas wirklich haben möchte, wirklich brauche. Konsumkritik drücke ich persönlich eher dadurch aus, dass ich Kaputtes nicht gleich wegschmeiße, sondern repariere, dass ich zudem sparsam im Wasserverbrauch bin, und dass ich das Geld zu schätzen weiß und damit nicht verschwenderisch umgehe.“

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