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Klischee und Wirklichkeit

Thema des Tages Klischee und Wirklichkeit

Mein Kind wird mit dem Down-Syndrom geboren – soll ich abtreiben? Viele werdende Mütter entscheiden sich so. Dabei sind „Downies“ ganz normale Kinder, wenn auch in ihrer Entwicklung verzögert. Am Sonnabend ist der Welttag des Down-Syndroms.

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Tamara träumt nicht nur den Traum der Model-Karriere, sondern macht ihn zur traumhaften Wirklichkeit. Jüngst posierte sie für ein Stuttgarter Modeschmuck-Unternehmen.

Quelle: juvelan.wordpress

Von Wolfhard F. Truchseß

Thema des Tages. Downies gehen einem manchmal ganz schön auf die Nerven – so wie andere Kinder auch.“ So lautet die Schlagzeile auf einem Plakat, das ein Porträt der Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts schmückt. „Downies“ – das sind Kinder mit dem Down-Syndrom, die das Chromosom 21 nicht zweimal auf ihrer Doppelhelix haben, sondern dreimal; daher auch der Name Trisomie – „tri“ für dreimal, „somie“ für Chromosom.

Erstmals beschrieben hat der britische Neurologe und Apotheker John Langdon-Down die genetische Abweichung und sie mit dem heute als diskriminierend betrachteten Begriff „Mongolismus“ umschrieben. An diesem Sonnabend, 21. März, ist der Welttag des Down-Syndroms – am 21.3., weil es sich um das 21. Chromosom handelt, und im dritten Monat des Jahres, weil das Chromosom dreimal vorhanden ist.

Zwischen 30 000 und 50 000 Menschen mit dem Down-Syndrom leben in Deutschland. Ihre Zahl aber wird in Zukunft wohl eher abnehmen, denn ein neuartiger Bluttest der Firma LifeCodexx sorgt dafür, dass Kinder mit dieser Abweichung ohne größere Untersuchung im Mutterleib ausfindig gemacht werden können und viele werdende Mütter, die diese Diagnose erhalten, sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden.

Die Rede ist dabei von mehr als 97 Prozent Müttern, die ein Kind mit dem Down-Syndrom nicht austragen sollen. Gemeinsam mit dem Down-Syndrom-Verein Hannover hat deshalb die Hameln-Pyrmonter Elterninitiative „Up mit Down“ eine Öffentlichkeitskampagne für Menschen mit dieser genetischen Besonderheit gestartet.

Sabine Buntrock und ihr Mann Stephan aus Hameln haben sich vor gut fünf Jahren anders entschieden. Sie beklagen heute, dass über Menschen mit Trisomie 21 noch immer „falsche Klischeebilder vom schwachsinnigen Downie verbreitet werden, der stumpf in der Ecke sitzt, dick und ungepflegt ist“.

Dass viele erwachsene Menschen mit dem Down-Syndrom auch heute betreut leben müssen und in der Öffentlichkeit nicht selten dem Klischee entsprechen, führt Sabine Buntrock darauf zurück, dass diese Menschen „früher kein bisschen gefördert wurden und deshalb auf dem geistigen Stand eines Kleinkindes geblieben sind“.

Das hat sich zum Glück geändert. Downies gehen heute sowohl auf Förderschulen als auch auf ganz normale Schulen, schaffen mit richtiger Förderung einen Abschluss an einer Regelschule und ergreifen zunehmend einen Beruf in der freien Wirtschaft. Bestes Beispiel dafür ist der Spanier Pablo Pineda, der, unterstützt durch einen Tutor, eine Regelschule besuchte, erfolgreich Psychopädagogik studierte und mit der Promotion abschloss.

Pineda unterrichtet an einer Schule in Cordoba und hält seit fünf Jahren weltweit Vorträge für die Fundacion Adecco, die sich für die Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen einsetzt. Auch die Japanerin Aya Iwamoto schloss erfolgreich ein Studium der englischen Literatur ab und arbeitet inzwischen als Übersetzerin von Kinderbüchern.

Richtig ist, dass die Entwicklung der Downies verzögert verläuft, was Sabine Buntrock auch für die kognitiven Fähigkeiten ihrer mittlerweile fünfjährigen Tochter Chiara bestätigt. „Aber dafür tanzt sie begeistert in einer inklusiven Tanzgruppe bei Bellabina, steht gern im Mittelpunkt und verbeugt sich nach jedem Auftritt“, schildert die Mutter die lebhafte Teilnahme ihrer Tochter an allen möglichen Aktivitäten.

Und Chiara sei absolut eitel. „Wir haben keine Probleme mit unserer Tochter; Probleme werden von außen an uns herangetragen. Die Kinder, die wir in unseren Down-Gruppen kennen, sind nicht anders als andere Kinder, genauso trotzig und genauso lieb.“

Die Behauptung, das Down-Syndrom trete in unterschiedlicher Schwere auf, weist Sabine Buntrock entschieden zurück. „Downies sind einfach ebenso unterschiedlich wie alle anderen Menschen auch; die einen klüger, musikalischer, fröhlicher oder ernster als die anderen.“ Was sie von Menschen ohne Trisomie 21 unterscheide, sei die Tatsache, dass sie es nach wissenschaftlichen Studien etwa 20-mal schwerer hätten zu lernen.

Auch die Aussage, Downies seien „unglückliche Kinder“ bezeichnet das Ehepaar Buntrock als absoluten Unfug. Dass sie Gemütsschwankungen haben, wie andere Menschen auch, sei doch völlig normal.

Und natürlich will das Ehepaar seine Tochter auf eine normale Grundschule schicken. „Wir haben festgestellt, dass Downies auf einer Grundschule meistens lesen lernen, auf Förderschulen dagegen nicht unbedingt.“ Inklusion, so wie sie das Land plane, hält die Mutter nicht für funktionsfähig, „weil die sonderpädagogische Grundversorgung auch eine Sonderbehandlung ist, die mit Inklusion nichts zu tun hat“.

Wie man es richtig machen könne, zeige eine Grundschule in Hannover-Linden. Dort würden alle Klassen mit Doppelbesetzung unterrichtet, was bestens funktioniere.
 

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