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Knapp beim Ausrücken?

Landkreis / Feuerwehren in Schaumburg Knapp beim Ausrücken?

Eine Serie von Brandstiftungen hält derzeit Stadthagen in Atem. Nirgendwo im Landkreis Schaumburg wird derzeit die Notwendigkeit einer einsatzfähigen Feuerwehr auf eine solch dramatische Weise verdeutlicht wie in der Kreisstadt.

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Jeder Einsatz bedeutet für die ohnehin angespannten Kräfte der Feuerwehren eine Belastung. Die Brandserie in Stadthagen und Umgebung geht dementsprechend an die Substanz.

Quelle: rg

Von Jan Peter Wiborg

Landkreis. Dass jeweils innerhalb von Minuten die Feuerwehr freiwillig vorfährt, wird gerne als selbstverständlich hingenommen. Doch in der Zukunft könnte es im Landkreis Schaumburg vielerorts knapp werden beim Ausrücken. Dabei ist das Stichwort „demografischer Wandel“ nur eines von mehreren Stichworten.

„Wehe, es brennt und keiner kommt.“ – die landesweite Kampagne zur Nachwuchs- und Mitgliedergewinnung für die Niedersächsischen Feuerwehren läuft: Kino-Spots, Radio-Werbungen, Roll-Ups, ein beklebter Bus je Landkreis, ein beklebtes Löschfahrzeug je Gemeinde und die Internet-Seite: www.ja-zur-Feuerwehr.de werben. Der Effekt der noch von der schwarz-gelben Landesregierung initiierten, rund 350 000 Euro teuren Aktion, ist noch ungewiss.

3349 Feuerwehrleute taten in den 108 Feuerwehren und den drei nebenberuflichen Werkfeuerwehren des Landkreises Schaumburg gegen Ende des vergangenen Jahres ihren freiwilligen Dienst. Das waren 64 Einsatzkräfte weniger als im Jahr zuvor, aber auch nur 75 Feuerwehrleute weniger als im Jahr 2007. „Sicherlich noch nicht dramatisch“, kennzeichnete der Kreisbrandmeister Klaus-Peter Grote die Situation während des Kreisfeuerwehrverbandstages, „aber die Tendenz der kommenden Jahre wird rückläufig sein.“

Mitgliederzahl wird weiter zurück gehen

„Schwieriger sei es geworden“, sagt Grote mit Blick auf die Imagekampagne. Für ihn „reichen Flugblätter und Plakate nicht aus“: Er setzt in dieser aus seiner Sicht zunehmenden dringenden Angelegenheit zusätzlich auf die persönliche Ansprache. Sein Blick hatte sich während der jüngsten Kreisfeuerwehrverbandstagung speziell auf die Anforderungen und die Qualifikation von Führungskräften gerichtet: „Die Erfahrungen zeigen, dass sich dieser Prozess des Führungskräfte-Finden und -Ausbilden deutlich optimieren lässt.“

Grote erinnerte an Trainee-Programme von Unternehmen. Allerdings sei es für die Feuerwehr ein noch geeigneterer Weg, sich frühzeitig darüber Gedanken zu machen, wer als Führungskraft in Frage kommt. Unterschiedliche Einsatzführer bei Übungsdiensten gäben erste Aufschlüsse. Möglicherweise sei aus Einsatzdiensten bereits zu erkennen, „wer aus der Mannschaft besonnen, ruhig und koordiniert reagiert“, sagte Grote. Oftmals würden Feuerwehren erst wach, wenn Wahlen für das Führungspersonal anstünden. Das sei verschenkte Zeit.

Frisch ausgebildete Führungskräfte könnten bei Einsätzen als Melder aktiv mitgenommen werden, schlägt Grote vor. Im Anschluss an die Einsätze mache es Sinn, sich einige Minuten Zeit zu nehmen und mit der Führungsmannschaft zu reflektieren.
In allen Etagen der Feuerwehr herrscht nicht gerade der personelle Überfluss. Wer irgendwann einmal Leitungsfunktionen übernehmen will, fängt gewöhnlich als Feuerwehrmann an – und auch an dieser Stelle mangelt es vielerorten im Landkreis bereits an Nachwuchs.

Allein der „demografische Wandel“ greift als Ursache auch für Grote etwas zu kurz. Wegen der gestiegenen, technischen Anforderungen, wegen des höheren Zeitaufwandes für den Feuerwehrdienst und auch – hier und da – wegen der Unlust einiger Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter für das Ehrenamt freizustellen und auch, weil die Arbeitsintensität gestiegen ist, sinken die Mitgliederzahlen für die Feuerwehren.

Einige Feuerwehren hat das in Schaumburg an den Rand ihrer Existenz geführt, einige auch schon darüber hinaus: In diesen Fällen, wie in der Samtgemeinde Niedernwöhren, setzen Grote und auch stellvertretender Abschnittsleiter Nord, Joachim Muth, auf freiwillige, pragmatische Lösungen. „Dann klappt das auch“, sagt Muth, der als Gemeindebrandmeister in der Samtgemeinde Sachsenhagen bereits vor einigen Jahren die Komponentenbildung eingeführt hat. Mehrere Feuerwehren üben bereits gemeinsam und fahren auch gemeinsam Einsätze, heißt das. „Das könnte“, meint Muth, wobei er das ‚könnte’ betont, dazu führen, dass eine freiwillige Fusion schließlich leichter fällt.

Es gibt in den Dörfern keinen Quasi-Automatismus mehr, der in den vergangenen Jahren zumindest die Einsatzstärken der Feuerwehr in der Waage hielt. Das Potenzial derer, die in den aktiven Abteilungen ihren Dienst tun, schöpfen die Feuerwehren des Landkreises fast ausschließlich aus den 88 Jugendfeuerwehren und diese wiederum aus den 61 Kinderfeuerwehren.

Auch passive Unterstützung sinkt

Der Kreisbrandmeister wird nicht müde, dieses bei jeder Gelegenheit fast gebetsmühlenartig zu wiederholen, auch wenn er weiß, dass es keine zwangsläufige Verbindung zwischen Kinderfeuerwehr und dem späteren Engagement in der Erwachsenenfeuerwehr gibt, zu viele andere Interessen – Vereine, Schule und Ausbildung, oft mit Wohnortwechsel – stehen dazwischen. Um Kinder früh zu prägen, und spielerisch für dörflich notwendige Themen wie den gemeinsamen Brand- und Katastrophenschutz zu sensibilisieren, hat das Kreiskommando schon früh auf die flächendeckende Gründung von Kinderfeuerwehren gesetzt.

Fast schon „automatisch“ sind früher Hausbesitzer in den Orten zumindest passives Mitglied der Feuerwehr gewesen, erinnern sich die beiden langjährigen Feuerwehrleute. Mit den – eher niedrigen – Beiträgen sollten Unterstützung und Anerkennung für die freiwillige Ehrenamtsarbeit ausgedrückt werden. Die Kombination Hausbau oder Hauskauf im Ort und die Mitgliedschaft ist nicht mehr zwangsläufig, stellen viele Gemeindebrandmeister fest. Hierbei ist eine Ambivalenz festzustellen: Die Anerkennung für die freiwillige Ehrenarbeit ist hoch, aber die Feuerwehr wird – wenn überhaupt, dann aber häufig fälschlicherweise – als ein Verein unter vielen im Ort wahrgenommen.

Einsatzzahlen 2012:

  • Hilfeleistungseinsätze: 1009 (2011 = 911).
  • Brandeinsätze: 467 (2011 = 437), gegliedert: 121 Entstehungsbrände, 173 Kleinbrände, 110 Mittelbrände und 53 Großbrände.

Einsatzzahlen erstes Halbjahr 2013:

  • Hilfeleistungseinsätze: circa 300.
  • Brandeinsätze: circa 250.

Die mögliche Feuerwehr-Karriere

Mindesteintrittsalter für „Quereinsteiger“ ist 18 Jahre. Nach einer Probezeit von einem Jahr dürfen sie an der Truppmannausbildung I (TMI) teilnehmen. Jugendfeuerwehrmitglieder dürfen ab 16 Jahren an Dienst und Einsätzen sowie an der Truppmannausbildung I teilnehmen. Nach der vierwöchigen TMI-Ausbildung beginnt die zweijährige Truppmannausbildung II (TMII) in den Feuerwehren selbst, 80 Stunden auf zwei Jahre aufgeteilt.

Im Anschluss an die TMI ist die Teilnahme an technischen Lehrgängen an der Feuertechnischen Zentrale möglich. Diese sind der Sprechfunker- und der Atemschutzgeräteträger-Lehrgang. Nach der TMII und, wenn man einen Führerschein besitzt, kann man den Maschinisten-Lehrgang durchführen.
Die Führungslehrgänge beginnen nach absolvierten Truppmannausbildungen I und II und zwei technischen Lehrgängen. Diese finden an der Niedersächsischen Akademie für Brand- und Katastrophenschutz (NABK) in Celle oder in Loy statt:

  • Truppführer-Lehrgang: Dieser umfasst eine Woche, Voraussetzung: TMI und II und zwei technische Lehrgänge.
  • Gruppenführer I und II: Diese dauern jeweils eine Woche. Voraussetzung: Truppführer-Lehrgang. Nach Abschluss ist es möglich, Ortsbrandmeister bei Grundausstattungsfeuerwehren zu werden.
  • Zugführer I und II: Sie dauern jeweils eine Woche. Voraussetzung: Gruppenführer-Lehrgang. Nach deren Abschluss kann man Ortsbrandmeister von Stützpunkt- und Schwerpunktfeuerwehren, Stadt- und Gemeindebrandmeister werden.
  • Führer von Verbänden: Dauer: eine Woche. Voraussetzung: Zugführer-Lehrgang. Grundlage für Stadt- und Gemeindebrandmeister, Abschnittsleiter, Bereitschaftsführer.

Zwischen den zweiteiligen Lehrgängen wie Gruppenführer I und II dürfen nicht mehr als zwei Jahre liegen und der erste Teil muss bestanden sein.

Führerscheine und Ehrenamtskarte

Durch den Europa-Führerschein dürfen mit dem Führerschein der Klasse B nur noch Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen gefahren werden. Deshalb gibt es den „Feuerwehr-Führerschein“ bis 7,49 Tonnen. Einige Feuerwehren im Landkreis organisieren die Abnahme selbst, einige haben Fahrschulen mit der Prüfung beauftragt. Diese Qualifikation ist nur auf Feuerwehrfahrzeuge beschränkt. Auch der Erwerb des Lkw-Führerscheins ist über den Dienst in der Feuerwehr möglich. Zum Beispiel finanziert das Kommando der Feuerwehr der Samtgemeinde Sachsenhagen in jedem Jahr zwei Lkw-Führerscheinausbildungen. Im Gegenzug muss sich der Absolvent verpflichten, fünf Jahre in der Feuerwehr seinen Dienst zu tun. Für Feuerwehrleute, die keine Aufwandsentschädigung beziehen, gibt es die Ehrenamtskarte.

Letzter Ausweg Berufsfeuerwehr

Schon jetzt gibt es in einigen Gemeinden zu manchen Zeiten Schwierigkeiten, die Tagesbereitschaft zu garantieren, wie es im Feuerwehrdeutsch heißt. Falls eine ehrenamtliche Feuerwehr ganz ihren Dienst einstellt, muss zunächst die weitere Einsatzbereitschaft in der jeweiligen Kommune von den anderen Feuerwehren mit abgedeckt werden. Geht das nicht mehr, muss eine Pflichtfeuerwehr gegründet werden, wobei es gesetzlich möglich wäre, bestimmte Einwohner zum Dienst zu verpflichten. Funktioniert das auch nicht, muss eine hauptamtliche Wachbereitschaft oder mit viel Geld eine Berufsfeuerwehr eingerichtet werden.

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