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Kolosse mit Magnetwirkung

Thema des Tages Kolosse mit Magnetwirkung

Immer wenn der längste Tag in die kürzeste Nacht übergeht, werden die Externsteine im Teutoburger-Wald zum Anziehungspunkt für Tausende Pilger und Neugierige. Viele ungelöste Rätsel umwehen die Kultstätte, zahlreich wie Sandkörner entspringen Mythen, Sagen und Geheimnisse den düsteren, bizarr zerklüfteten Externsteinen und geben Historikern, Esoterikern, Astrowissenschaftlern und Touristen Rätsel auf.

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Kultstätte Externsteine – nicht nur zum Mittsommerfest ein Ort mit magischer Anziehungskraft.

Quelle: dpa

Thema des Tages. Vor etwa 70 Millionen Jahren schoben sich ehemals liegende Gesteinsschichten senkrecht bis maximal 47,7 Meter in die Höhe. Wind und Wetter schliffen den massiven Sandstein; schrundig wie die Zähne eines uralten Riesen stechen die 13 Felsen der Externsteine am Rand des Eggegebirges gen Himmel. Bereits Steinzeitmenschen schätzten den Schutz der Kolosse, wie Feuersteinspitzen belegen. Auch die Kelten zogen auf ihrer Eroberungstour zur Eisenzeit hier vorbei und hinterließen Werkzeuge, Schmuck und Festungen im Teutoburger Wald. Von 1912 bis 1935 fuhr sogar die Überlandstraßenbahn von Paderborn nach Detmold zwischen den Felsen hindurch und stoppte dort. Die Gesteinsformationen stehen seit 90 Jahren unter Naturschutz, sie sind Ziel von Hunderttausenden Besuchern.

Steinerne Warnschilder

Woher der Name stammt, ist nicht gesichert. Vom „Elsternfelsen“ sprechen alte Schriftquellen. Die Rabenvögel mit dem keckernden Ruf galten bei den Germanen als Botentiere der Unterweltgöttin Hel und warnten an sagenumwobenen Steinformationen die Lebenden davor, den Pfad der Tugend zu verlassen. Nach altem Glauben symbolisierten Eichen und Nadelhölzer Unsterblichkeit, Teiche galten als Symbol für Weiblichkeit und ewig spendendes Leben. Steine als Tor zur Anderwelt stehen seit jeher für Unvergänglichkeit und die unsterbliche Seele. Das erklärt, warum Höhlen, Bergen aber auch frei stehenden alten Bäumen eine magische Wirkung zugeschrieben wird oder in Kraftorten wie Steinkreisen heilsame Energien fließen sollen.

Wer heute am erst 1836 aufgestauten Wiembecke-Teich zwischen moosbewachsenen Bäumen stehend zu den Externsteinen hinaufschaut, der wundert sich nicht, dass der schaumburg-lippische Theologe und Laienforscher Wilhelm Teudt Mitte der zwanziger Jahre dort eine germanische Kultstätte mit Sonnenwarte entdeckt zu haben glaubte. Seine Thesen, den Standort des vermeintlichen sächsischen Hauptheiligtums Irminsul gefunden zu haben, begeisterten die Nationalsozialisten im Dritten Reich, welche Sonnwendfeiern an den Externsteinen veranstalteten.

Usprung der Steinbilder sind unklar

Unterschiedlich wie Schwarz und Weiß zeigen sich Vorder- und Rückseite der Felsriesen dem Betrachter. Während die rückwärtige Südwest-Flanke mit dem korrodierten dunklen Sandstein natürlich wirkt, präsentiert die vordere, nordöstliche Ansicht helle, von Stein- und Metallwerkzeugen bearbeitete Wände mit düsteren Höhlen, feuchten Kammern und Grotten, welche mit Eisengittern verschlossen sind. Steile Treppen führen zu den Felskuppen, die eine großartige Sicht in die Umgebung bieten. Steinbilder geben Rätsel auf, sind sie heidnischen oder christlichen Ursprungs? Manche erkennen in der Bildgestalt Christus am Kreuz, andere den hängenden germanischen Gott Odin. In dem Ensemble mit den begehbaren Steinsäulen, dem imposanten Felsrelief der Kreuzabnahme aus dem 12. Jahrhundert, der Grotte, einem offenen Felsengrab und der Höhenkammer mit Altarnische sehen Kunsthistoriker eine Abbildung der heiligen Stätten in Jerusalem.

Am höchsten Punkt der Felsen, der Himmelskammer, untersuchen Astrowissenschaftler den dachlosen Raum, der nur über eine Brücke zwischen zwei Felsen zugänglich ist. Sie suchen Beweise für ein zweites Stonehenge, eine germanische Sternwarte, ein Sonnen- und Mondobservatorium aus unbekannter Vorzeit. Tatsächlich fällt immer zur Sommersonnenwende das Licht bei Sonnenaufgang durch das Rundfenster im altarähnlichen Gewölbe. Es markiert einen Kalenderpunkt oben am gegenüberliegenden Türrahmen, der mit jedem Tag auf der Felswand weiterwandert. Wie die Sonne schaut auch der Mond durch das Rundloch in der Kammer, mit den Mondphasen planten unsere Ahnen wichtige Termine wie Volks- oder Gerichtsversammlungen (Thing). Außergewöhnliche Ereignisse wie eine Sonnenfinsternis verbreiteten Schrecken, sie wurden als Vorboten von Not und Elend betrachtet.

Feste zum Sommer

Vorchristliche Menschen kannten keine Kalender. Sie richteten sich nach Tageslänge und Jahreszeiten und fürchteten die mächtigen Götter, die diesen Jahreszyklus regelten. Mit Bräuchen und Ritualen versuchten sie, diese milde zu stimmen, um gute Zeiten für Aussaat, Wachstum und Ernte zu erlangen. Wendepunkten wie der Sommersonnenwende/Mittsommer (21. Juni) kam daher eine sehr große Bedeutung zu. Für gute Ernten und Fruchtbarkeit entzündeten unsere Ahnen lodernde Sonnenfeuer oder ließen brennende Holzräder ins Tal rollen. Die Menschen tanzten ausgelassen um oder sprangen über das brennende Holzfeuer, um die Kraft der Flammen auf sich zu übertragen und sich so mit Göttern und Naturgeistern zu vereinen. Tiere führte man durch das fast abgebrannte Feuer, um Krankheiten fernzuhalten. Mittsommer ist die Zeit der lauen Nächte, des durch die Bäume säuselnden Windes, der den Schleier zur Anderwelt zu heben vermag und empfängliche Menschen mit Feen, Trollen und andere Naturgeistern sprechen lässt. Wer aus Versehen in der Mittsommernacht auf das gelbe Johanniskraut tritt, findet sich unversehens im Feenreich wieder. Auch Kreise aus Steinen, Pilzen oder Bäumen öffnen die Grenze zur Geisterwelt.

Neugierige treffen auf Druiden, Schamanen und Hexen

Von der Heimsuchung des Bösen berichtet die Sage: Der Teufel ärgerte sich über Christen, die einen Gottesdienst abhielten und vor dem Felsbild des hängenden Christus knieten und warf einen Steinblock nach dem Prediger. Der aber hielt ein Kreuz hoch, sodass der Fels ihn verfehlte und auf der Spitze des gegenüberliegenden Felsdomes zu liegen kam, wo er nach Gottes Willen als Wackelstein festgebannt wurde. Rasend vor Wut stürzte sich der Antichrist auf das heilige Grab und schlug seine Klauen hinein. Die mächtigen Felsen wollte er auch umstoßen. Weil er scheiterte, fuhr Satan mit grässlichem Gestank zurück in die Hölle und überließ das Heiligtum den Paderborner Mönchen vom Kloster Abdinghof. Noch heute zeugen der Wackelstein, die Klaue im Grab und das brandschwarze Loch am Teich vom Zorn des Teufels.

Doch was erwartet und spürt der Besucher an diesem umstrittenen Ort? Spirituell veranlagte Menschen und Neuheiden treffen an den Steinen um den 21. Juni auf viele Gleichgesinnte, feiern friedlich gemeinsam, lauschen Musik mit Trommeln, Flöten und Didgeridoos, singen, tanzen, suchen nahe Kraftorte auf. Neugierige treffen auf Druiden, Hexen, Schamanen und lassen sich von der nächtlichen Atmosphäre verzaubern. Aber vielleicht verirren sich auch wieder einige Neonazis auf das Gelände? Jedoch darf seit 2010 zur Sommersonnenwende an den Externsteinen weder gegrillt noch gezeltet, noch offenes Feuer entzündet werden, auch Alkoholkonsum ist verboten. Erlaubt dagegen sind Kerzen, aufgeschichtete Steinhäufchen, Blumen in Astgabeln, Höhlungen und auf den umliegenden Felsen als Geschenke und Opfergaben für das unsichtbare Volk. Von Gabriele Laube

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