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Land in Sicht?

Thema des Tages Land in Sicht?

Wie leben wir? Wo fühlen wir uns zu Hause? Dem Thema Heimat in all seinen Facetten widmen die Schaumburger Nachrichten eine ganze Serie. Teil 5:Die Zukunft der Schaumburger Dörfer. Die Folgen des demografischen Wandels werden in den kleinen Orten im Schaumburger Land besonders deutlich zu spüren sein. Sind die Dörfer noch zu retten?

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Um die Antwort vorweg zu nehmen: Ja, die Dörfer sind zu retten. Die kleinen Orte im Schaumburger Land werden in 20 Jahren nicht ausgestorben sein. Das stellt Peter Dehne nachdrücklich klar. Der in Bad Nenndorf aufgewachsene Professor für Planungsrecht und Baurecht der Hochschule Neubrandenburg beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung von Dörfern und Kleinstädten im ländlichen Raum und hat in Bad Nenndorf über „das Sterben der Schaumburger Dörfer – Realität oder Schwarzmalerei“ informiert. Die Schaumburger seien einfach zu fest in ihrer Heimat verwurzelt, die regionale Identität zu stark ausgeprägt, als dass die Dörfer tatsächlich dem Untergang geweiht wären.
Klar ist aber auch: Schaumburg schrumpft. Seit Beginn des neuen Jahrtausends verliert der Landkreis Einwohner. Keine Gemeinde wird in den nächsten 20 Jahren vom Einwohnerschwund verschont bleiben. Am ausgeprägtesten ist der Trend im Norden: Wölpinghausen verliert 19 Prozent der Einwohner, Wiedensahl 17 Prozent, Pollhagen gar 21 Prozent. So lauten die aktuellen Prognosen. Im Gegensatz dazu steht die vergleichsweise milde Entwicklung in der Samtgemeinde Nenndorf, die von der Nähe zur Autobahn profitiert. Die prognostizierten Verluste liegen dort zwischen drei und sechs Prozent. Zusätzlich verändert sich auch die Altersstruktur, in manchen Orten soll die Zahl der über 65-Jährigen um das Doppelte steigen. Und das hat weitreichende Konsequenzen: Die Zahl der Pflegebedürftigen nimmt zu, während es immer weniger junge Menschen als Pflegende gibt.
„Die Frage, die sich nun stellt, ist doch: Was kann ein einzelner Ort machen, um diese Zahlen zu verändern? Welcher Ort hat die Chance, über die Zuwanderung wieder Einwohner zu gewinnen. Und welche Strategie ist dafür sinnvoll?“, zeigt Dehne auf.
Experten führen eine teils emotionsgeladene Diskussion über die Zukunft schrumpfender Dörfer. Lohnt es sich, die kleinsten Ortschaften zu erhalten und krampfhaft in ihre immer schlechtere Versorgung zu investieren? Oder ist es nicht besser, den Umzug der letzten Bewohner in größere Orte zu unterstützen, das Dorf abzusiedeln, wenn es keine Perspektive mehr hat? Dann gebe es zwar eine konzentriertere Besiedlung in wenigen Dörfern, dafür wären die Einwohner besser versorgt.
Tatsächlich sei das Schicksal kleiner Orte aber keinesfalls besiegelt und schrumpfende Dörfer zum Untergang verdammt, betont der Experte. Obwohl die großen Städte die Motoren für Wachstum sind, gibt es auch in ländlichen Regionen das Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung. Da liegen sterbende Gemeinden mit leerstehenden Läden und verfallenden Wohnhäusern nur zehn Kilometer neben blühenden Dörfern mit Bäcker, Dorfcafé und Hofladen, mit restaurierten Höfen und vollem Kindergarten. Warum kann ein Dorf überleben und das andere nicht?
Für Dehne liegt das am Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft, an guten Ideen, das Leben im Dorf zu gestalten und für alle Altersgruppen lebenswert zu machen. „Entscheidend für den Erfolg einer Dorfentwicklung ist letztlich die Existenz von engagierten und innovativen Persönlichkeiten im Dorf“, erklärt der Forscher. Er meint damit, „Macher“ oder „Kümmerer“, die das Dorfleben in Bewegung halten, Impulse setzen, Visionen verwirklichen und andere mit ihrem Elan anstecken und motivieren, sich ebenfalls zu engagieren. Denn damit es klappt, das Dorf am Leben zu halten, müssen viele Einwohner den sozialen Wandel mitgestalten.
Beispiel gefällig? Dehne nennt das Dorf Klietznick in der Altmark. Die knapp 150 Einwohner hätten nach der Wende das Schicksal selbst in die Hand genommen und das Dorf durch die intakte Gemeinschaft, durch Projekte, Feste und Kultur lebenswert gestaltet 2004 wurde Klietznick als lebenswertester Ort in Deutschland ausgezeichnet. Anderes Beispiel ist der Ort Rothen bei Schwerin, der sich durch die Initiative einer Familie als Künstlerdorf etabliert hat. Oder die drei Sünteldörfer Flegessen, Hasperde und Klein Süntel: Als die Schule geschlossen werden sollte, haben sich die Bürger zusammengeschlossen und über ihre Zukunft nachgedacht. Das Ergebnis sind ein Hofcafé, ein Dorfladen, ein Dorfverein, eine gemeinwohlorientierte Unternehmergesellschaft zur Belebung der Dorfkerne und dadurch der verstärkte Zuzug junger Familien. Selbstgestaltung und Lebensqualität als primärer Entwicklungsmotor mehr noch als Arbeitsplätze und Infrastruktur.
Orte mit innovativen Dorfgemeinschaften gibt es auch in Schaumburg. Wiedenbrügge zum Beispiel. In dem kleinen Ort bei Wölpinghausen gibt es keinen Laden, keinen Bäcker oder Arzt, dafür ein buntes Dorfleben mit zahlreichen Projekten und Veranstaltungen, die auch über die Grenzen der Samtgemeinde Sachsenhagen hinaus Strahlkraft haben. Und trotzdem: Auch in Wiedenbrügge sind die Sorgen groß. Der Nachwuchs fehlt. „Die jungen Leute gehen zum Studieren in die Städte und kehren nicht mehr zurück“, erklärt Jürgen Hentschke, Vorstandsmitglied des Wiedenbrügger Fördervereins. Bisher gebe es keinen Leerstand im Ort, „aber wer weiß, was in 20 Jahren ist“.
Dass es ohne Arbeitsplätze in der Nähe schwer wird, weiß auch Werner Vehling. Seit 40 Jahren kümmert sich Vehling als Bürgermeister um die Belange der Gemeinde Hespe mit knapp 2000 Einwohnern. Und er betont, dass es trotz guter Infrastruktur, Anbindung an den Nahverkehr und intakter Dorfgemeinschaft schwer sei, sich gegen den Bevölkerungsschwund zu wehren. „Wir haben Ärzte, wir haben Kita und Krippe. Was uns fehlt, sind qualifizierte Arbeitsplätze in den Mittelzentren.“ Die Folge: Gut ausgebildete junge Leute wandern ab in die Städte.
Vehling will gegensteuern, die Gemeinde nach dem Motto „Umbau statt Zuwachs“ für die Zukunft rüsten und dabei Kommunalpolitik und Bürger einbinden. Gemeinsam wollen sie Strategien entwickeln, die gleichzeitig ein selbstbestimmtes Leben im Alter ermöglichen und das Dorfleben für junge Familien attraktiv machen.
Damit Initiativen wie die in Hespe Erfolg haben, braucht es einen ganzen Strauß von Maßnahmen, statt nur einzelne Projekte, betont Dehne. „Einzelmaßnahmen alleine werden nicht ausreichen, auch wenn die noch so gut sind.“ Erst die Verknüpfung zu einem Prozess könne die gewünschte Veränderung bringen.
Es gibt Hoffnung für die Schaumburger Dörfer, sagt Dehne. Trotzdem müsse klar sein, dass Dörfer in erster Linie Wohn- und Lebensraum seien, Arbeit, Handel und Ausbildung finde in den größeren Städten statt. „Das muss nicht schlecht sein, ist aber die Realität“, betont der Wissenschaftler und bilanziert: Damit ein Ort trotz Schrumpfung überlebensfähig bleibt, müssten Arbeitsplätze und Versorgung erreichbar sein. Unerlässlich sind die spezielle Lebensqualität im Dorf, die auf dem Engagement der Bewohner basiert. Politik, Wirtschaft und Verwaltung müssen dabei unterstützend wirken und Freiraum für die Gestaltung des Dorflebens geben. „Die Lebensqualität und der Umbau der Daseinsvorsorge werden zum Schlüssel für die Entwicklung im ländlichen Raum.“

Von Katharina Grimpe

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