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Launisch wie eine Diva

Thema des Tages Launisch wie eine Diva

Bis zu viermal am Tag fahren Fredy Glöde und Jürgen Röder mit ihrem Schubverband zwischen den Kiesabbaugebieten Hohenrode oder Großenwieden hin und her. Die Oberweser, sagen beide Kapitäne, ist ein unterschätzter Fluss mit starker Strömung, launisch wie eine Diva. Mal führt sie zu viel, mal zu wenig Wasser.

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Arm in Arm zusammenleben

Jürgen Röder macht den leeren Leichter am Kiesbagger in Großenwieden fest.

Quelle: tol

Die Strömung sei sogar so stark, dass sie den Schubverband je nach Kurve regelrecht ansaugen oder wegdriften lassen könne. Die Oberweser, sagt Fredy Glöde, verzeiht einem Kapitän keinen Fehler, „sonst sitzt er auf der Wiese“. Die „Lavara“, die beide Männer fahren, ist erst im Mai vorigen Jahres in Dienst gestellt worden und mit modernster Technik ausgerüstet: Da hätten „AHE Schaumburger Weserkies“, die Familie Eggersmann und Chef Sascha Wagener ein „super Schubschiff“ bauen lassen – sie sind stolz auf „ihr“ Schiff.

 Heute stimmt alles. 2,18 Meter Wasserstand, sieben Grad Außentemperatur, wenig Wind. Die Regel, scherzt Jürgen Röder, ist einfach: „Ein Schiff fährt da, wo am meisten Wasser ist.“ Es regnet, aber das stört im Steuerhaus nicht.

 6.30 Uhr: Die „Lavara“ legt in Engern ab. Fredy Glöde, der am Steuer sitzt, hat vor sich einen leeren Leichter, den riesigen Ladungsbehälter, der keinen eigenen Antrieb hat. Doch was heißt hier Steuer? Glöde hantiert virtuos mit seinen „Schotteln“ für Strahlruder und Ruderpropeller, mit denen er den Schubverband manövriert: 67 Meter lang, elf Meter breit.

 Vor Glöde ist der mit Schaltern, Knöpfen, Lichtern und Skalen reichlich bestückte Steuerstand – eine Kontrolltechnik, die ihm meldet, was sich auf, um das Schiff und im Schiff gerade tut. Genau vor sich hat er einen Radarschirm, doch eigentlich braucht er ihn nicht, er kennt den Fluss wie seine Westentasche. Kein Wunder, schließlich pendelt Glöde mit seinem Co., Jürgen Röder, jeden Werktag je nach Wetter und Wasserstand bis zu viermal zwischen den Kiesabbaugebieten Großenwieden oder Hohenrode hin und her: bergauf – wie man in der Binnenschifffahrt sagt – mit einem leeren, talwärts mit einem vollen Leichter mit bis zu 620 Tonnen Kies an Bord.

 Heute geht es nach Großenwieden, also gegen die Strömung, und 1100-Diesel-PS schieben den Schubverband an den Ufern entlang. Zwei Schubverbände sind unterwegs, was bedeutet, Glöde muss an einem geeigneten Flussabschnitt „parken“, damit der andere Schubverband, die „Radial“ auf dem schmalen Fluss vorbeifahren kann. Dann heißt es warten. Zeit für eine Tasse Kaffee und Donuts und ein paar Sätze, während Glöde und Röder ihre Schiffsposition keine Sekunde lang aus den Augen lassen. Früher, sagt Glöde, sind auf der Weser Schlepper mit bis zu zwölf Mann Besatzung gefahren. „Mit der heutigen Technik machen wir beide das allein.“

 Die „Radial“ hat passiert, Glöde gibt wieder Gas, 1100 PS wirbeln das trübe Weserwasser auf. Die Power, der Sog, erzählt Röder, sei ein Risiko, dass Kanuten manchmal unterschätzten, die sich zu nahe ans Heck des Schiffs heranwagten.

 Viermal am Tag die gleichen Flusskilometer und das tagein, tagaus: Ist das nicht langweilig? „Wie kommen Sie auf die Idee?“, fragen beide unisono. „Jeder Tag ist anders. Das Wetter, die Weser. Es gibt immer wieder Überraschungen: Da muss etwas repariert werden, mal muss man Kollegen helfen. Auch auf dem Fluss ist immer was los. Rehe und Wildschweine schwimmen von Ufer zu Ufer, im Sommer winken uns Angler zu, Leute, die grillen, Leute auf anderen Booten.“

 Glöde wie Röder sind altgediente „Fahrensleute“. Glöde ist auf dem Frachtschiff seiner Eltern groß geworden, die Kohle aus dem Ruhrgebiet nach Westberlin zu den Kraftwerken transportiert haben. Das sei noch die goldene Zeit für die Binnenschifffahrt gewesen. Glöde hat Schlosser gelernt, wurde dann Kapitän und ist später unter anderem auf einem Hotelschiff gefahren. Für das Unternehmen „AHE Schaumburger Weserkies“ ist er seit sieben Jahren auf dem Fluss. Auch Röder hatte ein eigenes Schiff.

 Die beiden verstehen sich blind – ohne große Worte: „Sechs Meter“, sagt Röder, was heißt: „Du hast noch sechs Meter Platz bis zum Ufer.“

 Glöde und Röder haben gemeinsam den nagelneuen Schubverband, die „Lavara“ und den Leichter „Quadro“, im Mai aus der Slowakei abgeholt und in vier Wochen über 74 Schleusen, Donau, Rhein, das Ijsselmeer und diverse Kanäle nach Engern gefahren. Ein Schubverband, der aufgrund seiner Leistung und seines geringen Tiefganges auch für andere Transporte gefragt ist. Auch lange Fahrten sind kein Problem, an Bord gibt es Schlafplätze, Sanitäranlagen und eine Küche mit allem Drum und Dran.

 Der Schubverband passiert die Wasserschifffahrtsamtsgrenze, wechselt vom Hamelner ins Mindener Revier. Morgendämmerung. Der rundum erleuchtete Kiesbagger in Großenwieden kommt in Sicht. Zuvor muss Fredy Glöde noch seine 67 Meter Schiff um eine haarige 90 Grad Kurve zirkeln, und der Laie an Bord zieht den Hut. Dort, wo unter Wasser eine Buhne lauert, warnt inzwischen eine Boje, die das Wasser- und Schifffahrtamt auf Wunsch der Kapitäne positioniert hat.

 Dass ein Schiff ab einem bestimmten Niedrigwasser nicht mehr fahren kann, ist logisch. Doch auch bei zu viel Wasser wird es riskant, sagt Glöde, vor allem das Treibgut sei gefährlich. „Da kommen ganze Baumstämme mit, und man weiß nicht mehr, wo die Fahrrinne ist.“ Bei 3,20 Metern sei deshalb meist Schluss. Auch so ab Windstärke neun bleibt der Schubverband im Hafen vertäut. Der Wind könnte dann, schildert Glöde, im schlimmsten Fall einen leeren Leichter quer stellen.

 Einfahrt in das Kiesabbaugebiet Großenwieden: Der Kapitän manövriert im Zentimeterbereich, bis der Schubverband mit dem leeren Leichter neben dem Bagger angedockt hat. Am Bug gibt Röder Handzeichen. Die elektrisch gesteuerten Kupplungen am Bagger rasten ein. Dann umrundet Glöde mit dem Schubschiff den Bagger und koppelt einen vollen Leichter an der anderen Seite wieder an.

 Damit der Kapitän bei diesen Manövern einen besseren Überblick hat, lässt sich das gesamte Steuerhaus absenken. Was sich am Heck tut, kann Glöde über eine Kamera auf einem Monitor verfolgen.

 „Talwärts“ geht es dann mit dem Strom schneller: 10,5 Stundenkilometer. Diesmal wartet die „Radial“ mit leerem Leichter an der Einfahrt zum Kiesabbaugebiet Hohenrode. Dann kommt der Hafen Engern in Sicht. Und die Gäste an Bord halten noch einmal den Atem an, als Glöde seinen Schubverband seitwärts an den Anleger schiebt. Er muss kein einziges Mal korrigieren. Und Röder grinst: „So ein Manöver muss man lange üben.“ Dann übernimmt Kai Gödeke an der Verladestelle. Glöde und Röder koppeln einen leeren Leichter an. Und es geht wieder „bergauf“, Richtung Großenwieden. Der Arbeitstag an Bord ist noch lange nicht zu Ende.

 Von Hans Weimann

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