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Leben auf der „roten Meile“

Thema des Tages Leben auf der „roten Meile“

Glasnost und Perestroika haben vor 25 Jahren die Wende gebracht. Aber nicht nur Menschen aus der ehemaligen DDR haben im Westen ein neues Zuhause gesucht und gefunden. Viele deutschstämmige Aussiedler aus der Ex-Sowjetunion sind nach 1989 in Schaumburg heimisch geworden.

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Fotoalben erinnern Ewald und Elene Winter an die Zeit in Kasachstan. 

Quelle: who

Von Werner Hoppe

„Rote Meilen“ werden die Gebiete mancherorts genannt, wo sie ihre Eigenheime errichtet haben. Familie Winter blickt zurück.

So wie die „Einheimischen“ sich nach dem Zweiten Weltkrieg über die rege Eigenheimbautätigkeit der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen wunderten, so staunten sie nach der Wende darüber, dass es viele der deutsch-russischen Migranten in kurzer Zeit zu eigenen Häusern brachten. Die mancherorts als „rote Meilen“ bezeichneten Siedlungen der deutschstämmigen

Aussiedler in Schaumburg lassen sich aber mit einer simplen Formel erklären: „Malochen, selber machen und sparen durch preisgünstigen Materialeinkauf“, sagt Ewald Winter.
Der Wahl-Rintelner, der mit seiner Ehefrau und zwei Kindern im Jahr 1990 aus Kasachstan kam, hat sein Einfamilienhaus an der Kendalstraße 6 ebenfalls großteils in Eigenleistung und mit Unterstützung von Verwandten gebaut – gerade mal acht Jahre, nachdem die junge Familie ihr eigenes Heim in Osteuropa zurückgelassen hatte, um einen totalen Neuanfang in Deutschland zu wagen.

Eigenes Haus und eigener Garten mit dem damit verbundenen selbst bestimmten Leben scheinen für ein Großteil der deutschstämmigen Migranten höchsten Stellenwert zu besitzen. Ein Stellenwert, den die einheimischen Nachbarn schwer nachvollziehen können. Die sichtbare und offenbar schnelle Erfüllung dieses Wunsches nach den eigenen vier Wänden ließ auch Neid aufkommen, wenn die Zuzügler mancherorts in Rekordzeit plötzlich ganze Siedlungen im Do-it-yourself-Verfahren aus dem Boden stampften.

„Die sollen ja kostenlose Kredite und große Unterstützung vom Staat bekommen“, hatten viele der Nachbarn als Gerücht gehört.

Eigenleistung, gegenseitige Hilfe und günstiger Materialeinkauf – das zusammen ist eigentlich das ganze Geheimnis für den Eigenheimbau der Aussiedler, den sich die Nachbarn nicht erklären können, sagt Ewald Winter. Er jedenfalls habe „keine besonderen Vergünstigungen vom Staat bekommen. Bei mehr als drei Kindern gab’s wohl etwas Geld dazu, aber wir haben ja nur zwei – und darum gab’s nichts“.

Um den starken Zug der Migranten aus der Ex-Sowjetunion zum eigenen Haus besser verstehen zu können, hilft es, ihre Herkunft und Familiengeschichten zu betrachten. Diese gleichen sich meist, weil sie von Auswanderung und nicht selten von Vertreibung aus der ursprünglichen Heimat geprägt sind. Die Anlässe dafür waren überwiegend wirtschaftliche Not oder Repressalien aus religiösen Gründen. So löste unter anderem die Bedrückung der Protestanten in katholisch dominierten Regionen Deutschlands große Auswanderungsbewegungen aus.

Winter erklärt, warum er und seine Ehefrau im kasachischen Nagoronoje (beide im Jahr 1965) geboren wurden: Grund war der sowjetische Diktator Stalin. Denn das Leben in selbst bestimmter Freiheit für die Nachkommen der deutschen Pioniere habe geendet, als Josef Stalin zu Anfang des Zweiten Weltkrieges befürchtete, sie könnten mit Hitlers Truppen kollaborieren.

Darum habe der Gewaltherrscher die Deutschen weit nach Osten deportieren lassen.
Die 400-Familien-Siedlung Nagoronoje wurde „Klein Deutschland“ genannt wegen der zu mehr als 80 Prozent deutschen Bevölkerung, erzählt Winter. „Kasachen hatten wir eigentlich keine.“

Dort besuchten die Winters dieselbe Schule, an der Deutsch Mutter- und teilweise auch Unterrichtssprache war. „Wir mussten den Faust lernen“, erinnert er sich. „Unsere Großeltern haben noch Schwäbisch gesprochen, aber bei uns zu Hause wurde schon Hochdeutsch geredet.“ Das habe später das Einleben in Deutschland wesentlich erleichtert.

„In ‚Klein Deutschland‘ waren nicht wir die Ausländer, sondern die wenigen Polen, Ukrainer, Weißrussen und Koreaner – und es gab auch nur eine einzige kasachische Familie, und sogar die hat deutsche Lieder gesungen.“ Deutsch sei auch der Speisezettel gewesen mit Spätzle, Strudel und Knödeln sowie Krepeln (Krapfen) nach schwäbischer Tradition. Pelmeni (Teigtaschen) und Piroggen, Borschtsch nach russischer Art oder Asiatisches, übernommen von heimatvertriebenen Koreanern, seien nach und nach dazu gekommen.

Gleichzeitig machten Winter und seine spätere Ehefrau Elene Bender das Abitur. Nach Schulabschluss und der Heirat im Jahr 1986 siedelten die jungen Eheleute über in die Gebietshauptstadt Koktschetaw. Winter fand einen Job „als Sachbearbeiter auf einer Kolchose mit 40 000 Hektar Land und drei Brigaden“. Seine Ehefrau bekam Arbeit in der Stadt als Buchhalterin sowie später als Nachhilfelehrerin.

Inzwischen hatte er auch seinen zweijährigen Dienst bei der Roten Armee hinter sich und dachte an ein eigenes Haus, das beide im Jahr 1987 in Koktschetaw kaufen konnten. Das Studium als Agrar-Ingenieur, das er begonnen hatte, brach er nach dem zweiten Semester ab. Denn „wir wollten im Zuge von Glasnost und Perestroika nach Deutschland und hatten schon unsere Unterlagen ausgefüllt“.

Mehr als zehn Seiten Formulare sowie Kopien von allen Familiendokumenten waren anzufertigen. Die Originale durften sie eigentlich nicht mitnehmen, „aber ich habe trotzdem fast alle mitgebracht – im Kinderwagen beim Jungen unter der Matratze“. Kasachstan sei eben weder die erste noch zweite Heimat gewesen, macht er deutlich. Und „Oma und Opa wollten schon lange nach Hause – nach Deutschland.“

Rein wirtschaftlich betrachtet sei es seiner eigenen jungen Familie in der damaligen Sowjetunion recht gut gegangen. Aber Ende der achtziger Jahre „ging auf einmal der Strom nach Westen los – wie eine Sturmflut und innerhalb weniger Jahre war alles leer“, berichtet er.

1990 war es so weit. Am 27. Juli bestieg Ewald Winter mit seiner Familie (die Tochter war drei Jahre, der Sohn zehn Monate alt) und den Eltern seiner Ehefrau das Flugzeug in Richtung Deutschland. Nach einer Woche Schlange stehen für das Visum in der deutschen Botschaft in Moskau ging es los. „Weitere zwei Tage später – mit dem Zug hätte es fünf Tage gedauert – waren wir in Deutschland und haben sofort nach der Landung automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen.“

Die Umstellung „ging ganz schnell“, denken Ewald und Elene Winter an die erste Zeit in der neuen alten Heimat zurück. „Wir konnten ja die Sprache schon, nur Amtsdeutsch, das hat länger gedauert.“ Dass die Winters nach Rinteln gekommen sind, war eine bewusste Entscheidung und lag am Geografie-Unterricht in der frühen Schulzeit. Nach Aufenthalten im Grenzdurchgangslager Bramsche und einer Unterkunft in Bad Lauterberg im Harz fand die Familie in der Grundschule Nord in Rinteln eine provisorische Unterkunft. Die nächste Station war eine Übergangswohnung in Goldbeck, bevor die Winters eine Mietwohnung an der Kurt-Schumacher-Straße in Rinteln beziehen konnten.

Gleich nach der Wende „waren Wohnungen ja Mangelware“, erinnert sich Ewald Winter. „Darum habe ich am Wochenende immer schon um 6 Uhr morgens am Kiosk nach Wohnungsangeboten gesucht.“

Die Familie lebte sich schnell ein, der Wunsch nach einem eigenen Haus wie schon in Kasachstan kam auf. Ewald Winter hatte nach einem zehnmonatigen Deutsch-Sprachkurs und einer Berufskraftfahrer-Ausbildung eine Festanstellung in einem großen Fensterbauunternehmen in Porta Westfalica gefunden. Eine gute Grundlage für das Bauvorhaben, wie sich herausstellen sollte.

Denn Winter hat damals die Planung übernommen, ein Großteil der Handwerkerarbeiten selbst ausgeführt – und Verwandte haben geholfen. „Dafür habe ich ihnen mit Theorie und Baustoffeinkauf geholfen, ihre eigenen Häuser zu bauen.“ Damit kommt er darauf zu sprechen, wie viele der Aussiedler aus der vormaligen Sowjetunion relativ schnell zu eigenen Neubauten kamen.

Darüber hinaus habe die unter sowjetischen Wirtschaftsbedingungen erprobte Improvisationsgabe der Aussiedler eine Hauptrolle gespielt. „Viele haben so gebaut“ und sich gegenseitig mit ihren handwerklichen Fähigkeiten ergänzt, fährt er fort. „Wir hatten fast alle Berufe in der Familie und im Bekanntenkreis – ich musste eigentlich nur den Dachstuhl von einer Firma aufstellen lassen.“

Die beiden Kinder der Winters sind inzwischen erwachsen und leben immer noch zu Hause. Ob sie jetzt noch einmal umziehen würden, verneint der 49-Jährige. „Schließlich habe ich unser Haus selber gebaut, und so etwas kriege ich doch nie wieder.“

Auf jeden Fall gebe es inzwischen nicht wenige der deutschstämmigen Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, die bereits wieder ihre Häuser verkauft, die Koffer gepackt und erneut ausgewandert seien. „Nach Kanada, Paraguay, Australien oder sonst wohin.“

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