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Legende von der Schlacht im Süntel

Am Hohenstein besiegte Sachsenherzog Widukind vor 1200 Jahren die Franken Legende von der Schlacht im Süntel

Vor 1200 Jahren besiegte Sachsenherzog Widukind die Franken in einer blutigen Schlacht. Ort des Geschehens soll der „Sundal“-Wald gewesen sein, heute die nordwestlich Hamelns gelegene Gegend Hohenstein/Süntel. Seit knapp 200 Jahren wird die Schlacht von Historikern aufgearbeitet. Dabei immer wieder im Fokus – der Wald. Vom Sehnsuchtsort wurde er dadurch auch zum Inbegriff von Freiheit und nationaler Einheit.

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Aus dem Wald in die Küche

„Der Hohenstein im Sundalgebirge im Schaumburgischen“ – ein mehr als 200 Jahre alter Kupferstich des Bückeburger Hofmalers Anton Wilhelm Strack aus dem Jahre 1809. gp

Quelle: gn

Thema des Tages. Sie kämpfen aus Hass, Gier und Neid, wir verteidigen unsere Götter, unser Leben und unsere Freiheit!“, schrie Sachsenherzog Widukind seinen Männern zu. „Siegen wir, dann sind wir wieder ein freies Volk!“ Dann riss er die Faust hoch und stürmte mit blitzendem Schwert auf die feindlichen Reihen los. Dicht hinter und neben ihm mit wildem Gebrüll seine Kampfgefährten.

Die Erde auf der nebelumwallten Bergkuppe hoch über der Weser bebte. Waffenklirren, Stöhnen und Todesschreie hallten durch den Wald. Die Frauen, Kinder und Alten unten im Tal duckten sich. Dann, nach einer nicht enden wollenden Ewigkeit, schallte lautes Triumphgeheul von der Anhöhe. Die Menschen zu Füßen des Berges lachten und jubelten. Das schier unmöglich Scheinende war geschafft. Die fränkischen Eindringlinge waren besiegt. Das Blut der Gefallenen färbte die Quellbäche rot. Eine kleine Schar feindlicher Überlebender stürzte in panischer Flucht die steilen Berghänge hinunter.

Unten warteten die mit Sensen und Forken bewaffneten Dorfbewohner und trieben die Männer so vor sich her. Wer es bis ans Weserufer schaffte, sprang voller Verzweiflung hinein in die Fluten. Die meisten trieben ab und gingen unter.

So oder so ähnlich wird in heimatkundlichen Beiträgen ein Kriegsgeschehen geschildert, das sich in grauer Vorzeit in der hiesigen Wesergebirgsregion zugetragen hat. Genaues weiß man nicht. Die einzigen Hinweise auf den Waffengang findet man in den „Fränkischen Reichsannalen“ – einer Auflistung und Beschreibung der Vorgänge und Ereignisse im Herrschaftsbereich der Franken während des 8. und 9. Jahrhunderts.

Zu Papier gebracht wurde die chronologische Darstellung von Geschichtsschreibern Karls des Großen. Ein Hauptthema ist der mehr als 30 Jahre andauernde fränkische Eroberungskrieg gegen die Sachsen, der bekanntlich zur völligen Unterwerfung und Christianisierung des vom legendären Herzog Widukind angeführten germanischen Brudervolks führte.

Bevor es so weit war, mussten die militärisch überlegenen Franken mehrmals zur Niederschlagung von Aufständen ausrücken. Bei einem im Jahre 782 gestarteten Befriedungsfeldzug erlitten Karls Truppen schwere Verluste. Ein besonders blutiges Gemetzel spielte sich den Annalen zufolge „in monte, qui dicitur Sundal“, also an oder auf „einem Berg, der Süntel genannt wird“, ab.

Das mittlerweile mehr als 1200 Jahre zurückliegende Kampfgeschehen ist, trotz der knappen Quellenlage, wie nur ganz wenige Ereignisse aus der Frühzeit im Gedächtnis haften geblieben. Das hat nicht zuletzt mit aufgeheiztem Patriotismus und der kultischen Verehrung der Deutschen von Wald und wundersamen Naturerscheinungen zu tun.

Die „Wiederentdeckung“ der Sundal-Schlacht begann nach den Napoleonischen Freiheitskriegen (1813-1815). Völkisch gesinnte Geschichtsforscher und Heimatkundler begannen, das Ereignis als Beispiel und Höhepunkt des urdeutschen Unabhängigkeitsstrebens herauszustellen.

Die erzwungene Christianisierung der germanischen Vorfahren galt nicht länger als Neustart in eine bis dato des Lesens und Schreibens unkundige Wissens- und Kulturgesellschaft, sondern auch und vor allem als Anfang von Lehnsabhängigkeit, Frondienst und Entmündigung durch die Papst-Kirche.
„Deutscher Wald“
als Sehnsuchtsort
Schon in den Jahrzehnten zuvor hatte sich – ausgelöst und befördert durch die Romantik-Epoche – eine geradezu andächtig-weihevolle Verehrung der Natur und des Waldes breitgemacht. Der „Deutsche Wald“ wurde nicht mehr ausschließlich als Weidegrund und nützlicher Holz-, Fleisch- und Kräuterlieferant, sondern als „Sehnsuchtsort“ beschrieben und zum Inbegriff von Freiheit und nationaler Einheit stilisiert.

Der Schriftsteller und Historiker Ernst Moritz Arndt nannte den Wald „eine Überlebensvoraussetzung des deutschen Volkes“. Und „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn schlug eine massive Aufforstung entlang der Reichsgrenzen vor.

Waren nicht auch die Römer unter dem Feldherren Varus und die Franken unter Karl dem Großen in den heiligen Hainen Gottvater Wotans gestoppt und besiegt worden? Einen Höhepunkt erlebten solche Vorstellungen nach 1933. Laut NS-Ideologie war der Wald Heimat, Heiligtum und „rassischer Kraftquell“. „Heute wie einst ist die Natur in Wald und Feld des deutschen Volkes Sehnsucht, Freude und Erholung“ heißt es in der Präambel des 1935 in Kraft gesetzten Reichsnaturschutzgesetzes.

All dies ließ und lässt sich besonders eindrucksvoll am Beispiel des Sundals erklären und nachvollziehen. Die Erforschung und Schilderung der Widukind-Schlacht nahm – „begünstigt“ durch die dürftige Quellenlage – immer fantastischere Züge an. Besonders wilde Geschichten konnte man während der zwanziger und dreißiger Jahre in den Zeitungen der Region nachlesen. Der angesehene Heimatforscher Walter Bartz aus Rinteln gab in einem 1932 veröffentlichen Aufsatz sogar den Wortlaut von Widukinds Kampf-Aufruf im Jahre 782 zum Besten (siehe Eingangszitat).

Kein Wunder, dass es immer wieder Versuche gab, den Ort des glorreichen Sieges möglichst dicht vor die eigene Haustür zu verlegen. Möglich war das aufgrund des ursprünglich weiter gefassten Begriffs „Sundal“. Bis ins späte Mittelalter hinein war damit nämlich nicht nur das heute auf den Landkarten als „Süntel“ bezeichnete Bergmassiv nördlich von Hameln, sondern die komplette Wesergebirgskette einschließlich des jenseits der Porta Westfalica gelegenen Wiehengebirges gemeint.

Das ermutigte vor allem Geschichtsforscher aus dem preußischen Minden, den Widukind-Schlacht-Platz in die Nähe der Westfälischen Pforte zu „holen“. Eindeutige Belege gab und gibt es nicht.
Dachtelfeld potenzeiller
Schlacthort
Für das Gros der Wesertal-Bewohner war und ist ohnehin klar, dass sich das Geschehen – wie eingangs beschrieben – nur und nirgendwo anders als in dem gut 440 Meter hohen Mittelgebirgsstock im niedersächsischen Teil des Weserberglands abgespielt haben kann. Kampfplatz soll das Dachtelfeld, eine großflächige Hochebene, gewesen sein.

In der Tat passt der Süntel perfekt ins historische Ambiente. Die dunklen Wälder, lieblichen Täler, schluchtenartigen Kerben, Höhlen und Wasserfälle üben eine besondere, andernorts nur selten spürbare Atmosphäre und Anziehungskraft aus. Für zusätzliche Faszination sorgen die frühgeschichtlichen Steingräber, geheimnisumwitterten Wallanlagen und wundersam gewachsenen Buchenstämme.

Man erfährt Geschichten von heiligen Hainen, Quellen und Opferstätten. In Überlieferungen wimmelt es nur so von Geistern, Riesen, Elfen und Begegnungen mit wundersamen Tieren und Menschen. Darüber hinaus tragen ungewöhnliche und bedeutungsschwangere Örtlichkeitsnamen zum volkskundlichen Reichtum bei. Und auch ein so markantes Felsmassiv wie den Hohenstein mit seinem Hirschsprung, Grünem Altar oder Teufelskanzel getauften Felsvorsprüngen kann keine andere Gegend vorweisen.

Nicht zuletzt diese von zahllosen Sagen, Legenden und Mythen geprägte Vorgeschichte war – neben der eindrucksvollen und einmaligen Tier- und Pflanzenwelt – der Hauptgrund dafür, dass die Gegend schon in den dreißiger Jahren zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Und in der Tat: weisen nicht Namen wie Blutbach, Totental und Dachtelfeld (von „tachteln“ für schlagen) „selbstredend“ auf das Geschehen im Jahre 782 hin?

Von Wilhelm Gerntrup

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