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Leichte Sprache, schwere Sprache

Landkreis / Thema des Tages Leichte Sprache, schwere Sprache

„Der Bundes-Tag macht nicht nur Gesetze. Er passt auch auf, was die Bundes-Regierung macht. Er kontrolliert also die Bundes-Regierung“ – so steht es auf der Internetseite des Deutschen Bundestags geschrieben. Es ist die Fassung in „Leichter Sprache“, ein Text, der auch für Leser mit geringer sprachlicher Kompetenz verständlich sein soll. Auf vielen Internetseiten gibt es mittlerweile diese Übersetzungsfunktion. Einfach auf den Punkt gebracht, ist damit aber lange noch nichts.

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Viele Menschen, deren Sprachkompetenz gering ist, können zwar lesen, verstehen aber nicht jeden Text.

Quelle: Fotolia

Lesen Menschen mit geistiger Behinderung die Zeitung? Suchen sie sich Informationen im Internet? Schmökern sie Bücher oder nutzen Broschüren, in denen es um ihre Rechte geht? Ja, durchaus, sagt Marco Reinking von der Lebenshilfe in Rinteln und fügt dann gleich hinzu: „Es kommt natürlich darauf an.“
 70 bis 80 Prozent der Bewohner der Einrichtung in der Waldkaterallee können zumindest ansatzweise lesen. Doch scheitern die meisten an der normalen Schriftsprache mit ihren Fremdworten, den oft komplexen Sätzen und schließlich auch an den inhaltlichen Verständnisvoraussetzungen.  Die „Leichte Sprache“ nun soll auch solchen Menschen die Tür zu Informationen öffnen, die der „Schweren Sprache“ kaum folgen können.
 „Das ist ein großes, ein geradezu revolutionäres Projekt“, meint dazu Anja Panitz, die in Stadthagen für die Paritätische Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland tätig ist und dort die Arbeitsgruppe „Leichte Sprache“ leitet. „Im Prinzip geht es darum, alle nur denkbaren Inhalte so zu formulieren, dass die Texte quasi barrierefrei sind, so also, dass jeder sie verstehen kann und damit die Möglichkeit hat, sich selbstbestimmt zu informieren“, sagt sie. „Das gilt für unsere Aushänge und Flyer, für unsere Homepage und Informationshefte, und eigentlich sollten überhaupt alle Internetseiten über einen Bereich ,Leichte Sprache‘ verfügen.“ Zeitungen sollten entsprechende Ausgaben herausbringen, Behördenbriefe in einfachem Deutsch geschrieben sein. Überall müsste es neben der „Schweren Sprache“ auch die Übersetzung in die „Leichte Sprache“ geben, ist Anja Panitz überzeugt.
 Das klingt wirklich nach einer radikalen Umwälzung. Da, wo Menschen mit geringer sprachlicher Kompetenz bisher ausgeschlossen waren, würden sie nun gezielt angesprochen. Deutschland wäre dann zumindest im Schriftlichen ein zweisprachiges Land, ähnlich etwa, wie in Tunesien alle öffentlichen Texte und Beschilderungen sowohl in Arabisch als auch in Französisch verfügbar sind.
 Tatsächlich gibt es seit dem Jahr 2004 „Büros für Leichte Sprache“, das erste von der Lebenshilfe Bremen eröffnet, die letzten teils von privaten Dienstleistern gegründet, teils von Institutionen wie der Paritätischen Lebenshilfe, die aktuell in Obernkirchen so ein „Übersetzungsbüro“ aufbaut und mit ihren Arbeiten dann die Landkreise Schaumburg und Hameln-Pyrmont bedienen will. Die Homepage des Deutschen Bundestages bietet zum Beispiel inzwischen ihre Informationen auch in „Leichter Sprache“ an, ebenso wie die Diakonie Deutschland. Auch die UN-Behindertenkonvention wurde in die Leichte Sprache übersetzt.
 Ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis „Leichte Sprache“ in allen Bereichen zur Selbstverständlichkeit geworden ist? „Das wäre schön“, so Anja Panitz. „Doch gibt es da ein grundsätzliches Problem: Die eine Leichte Sprache existiert so nicht.“ Zwar hat das „Netzwerk Leichte Sprache“ längst eine Reihe von Grundregeln formuliert, an denen sich die Texte orientieren sollen.  Dazu gehören unter anderem die Verwendung von kurzen Sätzen mit nur jeweils einer Aussage sowie, wenn möglich, der Verzicht auf abstrakte Begriffe und Fachbegrifflichkeiten, die ansonsten erklärt werden müssen. Dazu sollen Texte übersichtlich gestaltet sein; zusammengesetzte Worte sollen mit einem Bindestrich versehen sein.

„Der Bundes-Tag ist der Name für ein großes Haus in Berlin“
 Doch gibt es noch keine „Wissenschaft der Leichten Sprache“, keine präzisen Untersuchungen darüber, wie genau konkrete Texte aussehen müssen, damit sie von den meisten Menschen mit niedriger Sprachkompetenz verstanden werden und dabei auch wirklich sinnvoll informieren.
 Ein Blick auf die Internetseiten des Deutschen Bundestages illustriert das Problem. Dort will man mit „Leichter Sprache“ die politische Bildung fördern und schreibt unter der Überschrift „Was macht der Bundestag?“ Folgendes: „Bundes-Tag ist der Name für ein großes Haus in Berlin.“ Dann: „Und es ist der Name für eine Gruppe von Menschen, die in diesem Haus arbeiten.“ Und schließlich: „Die Menschen in dieser Gruppe nennt man auch: Abgeordnete.“
 Zwei Sätze nach diesen mehr oder weniger inhaltslosen, unpräzisen Aussagen ist unvermittelt vom „Plenar-Saal“ die Rede – ohne jede Erklärung.
 Dass diese Art der „Leichten Sprache“ für irgendjemanden hilfreich sein kann, daran zweifelt auch Anja Panitz. „Man muss als ‚Übersetzer‘ ziemlich genau wissen, wen man anspricht und was man mit dem Leichte-Sprache-Text erreichen will“, sagt sie. „Bei uns sind immer auch Prüfer einbezogen, Leute aus den Werkstätten für Behinderte und den Wohnheimen, mit denen zusammen wir die umgeschriebenen Texte durchgehen, um Schwachstellen zu entdecken. Nur wenn die Prüfer alles gut verstehen, wissen wir, dass die Texte ihren Zweck erfüllen.“
 Eine 100-prozentige Verstehensquote könne man nie erreichen, weil die Angesprochenen einfach zu unterschiedliche Voraussetzungen mitbrächten. „Am besten kann man Dinge immer noch im persönlichen Gespräch weitergeben.“
 Was aber von großer Wichtigkeit sei, das höre sie immer wieder auch von den Menschen mit geistiger Behinderung: „Man darf nicht einfach eine Kindersprache benutzen und so tun, als spreche man noch unmündige Leser an, die man belehren muss. Das merken die meisten und so etwas kommt gar nicht gut an.“
 Die Paritätische Lebenshilfe gibt zum Beispiel Broschüren weiter, die im „Zentrum für Leichte Sprache“ in Hamburg geschrieben werden. Darin geht es um Themen, die die eigene Leserschaft unmittelbar betreffen, um betreuungsrechtliche Fragen, Sicherheit am Arbeitsplatz oder darum, an wen man sich bei Problemen mit Kollegen oder Vorgesetzten wenden kann. „Ich denke, dass da der Ton schon ziemlich gut getroffen wird.“
 Beide Seiten müssten voneinander lernen, müssten sich ständig gegenseitig zurückmelden, wohin der Weg der „Leichten Sprache“ führen soll. Menschen mit Behinderungen seien insgesamt so viel selbstständiger geworden, sagt Anja Panitz.

Übersetzer haben oft kein klares Bild von Leser-Ansprüchen
 Vor 20 Jahren habe man sich kaum vorstellen können, dass es einmal Wohnprojekte gäbe, die ein weitgehend eigenständiges Wohnen fördern. Dass es so viele unterschiedliche Weisen gäbe, am Berufsleben teilzunehmen, geschweige denn, dass man versuchen würde, wie es jetzt der Fall sei, den Gedanken der Inklusion, also eines möglichst weitgehenden echten Miteinanders von Behinderten und Nicht-Behinderten, umzusetzen. „Und was wir jetzt sehen, ist, dass die Leser unserer Leichte-Sprache-Texte immer besser werden, ein immer höheres Niveau erreichen. Man lernt eben sein Leben lang – wenn man die Möglichkeit dazu bekommt.“
 Ihr sei klar, dass das Projekt „Leichte Sprache“ noch große Schwächen aufweise. Es beginne damit, dass es meistens eine Kunst sei, auf den Internetseiten, die überhaupt „Leichte Sprache“ anbieten, den darauf hinweisenden Button im Gewirr der Verlinkungen erst einmal zu finden, und es kranke vor allem daran, dass die „Übersetzer“ kein klares Bild davon hätten, was genau die Leser wissen wollen und an welchen Stellen sie auch mit Formulierungen in „Leichter Sprache“ überfordert sind.
 Die Homepage der Diakonie Deutschland etwa erklärt zwar auf einfache Weise den Begriff der „Diakonie“, kommt dann jedoch schnell mit vielen historischen Informationen, bei denen auch „normale“ Leser bald den Überblick verlieren. „Aber sollen wir, wegen der unvermeidlichen Schwächen, noch 15 Jahre warten, bis es ausgefeilte wissenschaftliche Projekte für die Leichte Sprache gibt?“ Anja Panitz’ klare Antwort: Nein!
 „Diejenigen, die jetzt einfach damit beginnen, oft nach dem Prinzip von ,Trial and Error‘, sie sind Pioniere in einem Prozess und tragen dazu bei, dass es nach und nach immer besser wird.“ Zudem sei es auch so, dass nicht nur Menschen mit geistiger Behinderung Interesse an leichter Sprache hätten. Auch Ausländer mit eher geringen Deutschkenntnissen könnten von einer Ausbreitung der leichten Sprache profitieren, ebenso wie Leser, die sich auf einem für sie noch neuem Wissensgebiet eine erste Orientierung holen wollen.
 Im Übrigen gibt es – das ist den meisten nicht bewusst – schon jede Menge Texte in „Leichter Sprache“, die von sehr vielen Bürgern wie nebenbei genutzt werden. Da sind Werke der Weltliteratur, die für eine Kinderleserschaft bearbeitet wurden, Sachtexte, die von Laien verstanden werden können, die Nachrichten auf dem Kindersender „Kika“, die auch manchem Erwachsenen lieber sind, und nicht zuletzt die Sprache einer der großen Boulevardzeitungen, die von Millionen gelesen wird. ck

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