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Die Berufsbildende Schulen (BBS) Rinteln starten kurzfristig neue Sprachlernklasse für junge Flüchtlinge. Dort sind sogar ehemalige Lehrer wieder aktiv.

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Die Sprachlernklasse bekommt Besuch von angehenden Erziehern, die beim Deutschlernen mithelfen wollen – mit dabei der Schulleitung Herbert Habenicht und sein Stellvertreter Günther Potthast.

Quelle: dil

Rinteln. Ein Sozialarbeiter und sechs junge männliche Flüchtlinge ohne Eltern stehen vor der Tür. Sie wollen in den Unterricht, statt abzuhängen in der Wohngruppe im Auetal. Die Berufsbildende Schule (BBS) Rinteln müssen die schulpflichtigen Jugendlichen aufnehmen, auch wenn die Unterrichtsversorgung schon jetzt nur noch bei 86 Prozent liegt. Ein „Berufsvorbereitungsjahr Ausländer“ gibt es schon seit Schuljahresbeginn, die Lehrerkapazitäten schienen völlig erschöpft. Doch dann geht noch was. Der letzte freie Raum, aus dem Ruhestand reaktivierte Lehrer, helfende Schüler und ein Förderprogramm des Landes: Alles hilft. Seit Montag gibt es mit nur zwei Wochen Vorlauf eine Sprint-Klasse, und schon hat sie 13 Schüler.
Sprint steht für „Schulversuch zur Erprobung eines neuen pädagogischen und organisatorischen Konzeptes für zugewanderte Jugendliche“ des niedersächsischen Kulturministeriums. Das heißt schnelles Geld für schnelle, unkomplizierte Lösungen. Die BBS Rinteln griff zu. Sie nahm zunächst die sechs jungen Leute aus dem Auetal auf, zwei Syrer, zwei Afghanen und zwei Iraker. Erst mal nur eine Woche mit im Unterricht sitzen, ohne etwas zu verstehen – unbefriedigend. Also stellte der stellvertretende Schulleiter Günther Potthast einen Förderantrag für Sprint. Der Landkreis Schaumburg stimmte zu, die Landeschulbehörde in Braunschweig drei Tage später auch.
„Jetzt konnten wir Lehrer einstellen, aber der Markt bietet immer weniger“, sagt Potthast. „Wir haben Pensionäre angeschrieben und fünf eingestellt. Eine Woche lang konnten diese bei uns zwei bis drei Stunden hospitieren, also sich den heutigen Unterrichtsalltag ansehen. Dann ging es am Montag los.“ 25 Wochenstunden sind für die neue Sprachlernklasse Pflicht, 28 werden jetzt angeboten, 30 sind laut BBS-Schulleiter Herbert Habenicht das Ziel. Noten gibt es nicht, nur ein Teilnahmezertifikat. Das Projekt läuft jetzt bis zum Schuljahresende, dann gehen einige Flüchtlinge vielleicht ins Berufsvorbereitungsjahr, um den Hauptschulabschluss zu erwerben und danach Chancen auf Ausbildungsplätze zu haben.
„In der neuen Klasse sind einige sehr aufgeweckte Schüler dabei, und wir wollen alle nach ihren Talenten fördern“, sagt Potthast. „Jetzt sind es 13 Schüler, das Maximum liegt bei 15. Kommen noch mehr, müssten wir wieder eine Klasse bilden, noch mal Förderung beantragen und hoffen, Lehrer einstellen zu können.“ Das Problem ist aber, so Habenicht, dass die Hälfte der Lehrkräfte solcher Klassen Festangestellte sein müssen, deren Zahl aber nicht steigt. Und hier sei die Grenze der Belastbarkeit nun erreicht. Andernfalls müsse anderswo Unterricht ausfallen. Zwölf Stunden mit eigenen Lehrern, 16 mit Aushilfen, so ist jetzt der Schlüssel.
Doch es gibt nicht nur Druck, sondern auch Win-win-Situationen. Die angehenden Erzieher der Fachschule für Sozialpädagogik lernen zum Beispiel bei Dr. Uwe Förster das Fach „Sprache sprechen“. Der ausgebildete Sprachtherapeut bietet das an, weil der Bedarf hierfür in Kindertagesstätten schon besteht, auch wegen zunehmender Flüchtlingskinder. Mit einem Praktikum in einer Kita wird dafür bisher geübt. Doch warum nicht schon mit Berufsschülern Praxiserfahrungen sammeln?
Die aktuelle Klasse macht dies schon seit Schuljahresbeginn mit dem Berufsvorbereitungsjahr Ausländer als Schützlinge. Freitags zwei Schulstunden in Kleingruppen spielerisch Deutsch lernen. „Mit der rechten Hand die blaue Drei drücken“, nennt Förster so ein Beispiel. „Damit lernt man die Namen von Körperteilen, Zahlen und Farben in einem Rutsch.“ „Koffer packen“ heißt ein anderes Spiel, es knüpft an jüngste Erlebnisse auf der Flucht an, nun aber auf Deutsch.
Melanie Zitzmann, eine der angehenden Erzieherinnen im Jahr der Abschlussprüfung, will ihre frischen Erfahrungen jetzt im ersten Quartal 2016 in einem Kita-Praktikum anwenden, danach aber wieder in der BBS mit Ausländern arbeiten.
„Anfangs dachte ich, wie werden die Flüchtlinge wohl auf uns reagieren“, erzählt Zitzmann. „Dann hatten sie aber zunehmend Vertrauen zu uns, grüßen inzwischen auf dem Schulhof, lächeln zu uns an der Bushaltestelle rüber. Man lernt viel dabei. Und wir haben ein Ritual eingeführt: Am Ende der Doppelstunde lernen wir Worte aus einer der Flüchtlingssprachen, damit sie sehen, dass sie mit ihrer Sprache ernst genommen werden. Und in der Woche darauf sprechen wir diese Worte noch mal durch.“
Förster: „Das schafft für die Flüchtlinge Anerkennung, sie fühlen sich in ihrer Sprache ernstgenommen, anstatt nur unter Anpassungsdruck zu stehen. Und hierbei sind die Flüchtlinge eben auch mal im Vorteil, das schafft Selbstvertrauen.“
Und die kleinen Kenntnisse in Arabisch und Co. können später im Kita-Alltag von Vorteil sein. Förster hofft auch, dass sich an der BBS Patenschaften von deutschen Schülern zu Flüchtlingen ergeben. Seine Schüler müssen den Freitagsunterricht auch schriftlich planen. Und sogar Durchsetzungskraft wird eingeübt – schon beim Einsammeln der Handys der Flüchtlinge zu Beginn der Schulstunde. Durchsetzungskraft ist nämlich durchaus gefordert, auch von den Lehrern der Jugendlichen.
Jutta Winkler ist aus dem Ruhestand als Aushilfe an die BBS zurückgekehrt. „Jutta Winkler, verheiratet, drei Kinder“, schreibt sie an die Tafel. Die fest angestellte Lehrerin Alexandra Backhaus fordert die Flüchtlingskinder auf, sich selbst vorzustellen.
Vornamensschilder werden geschrieben und aufgestellt, ein mutiger junger Iraker macht den Vorreiter im Sprechen. Mühsam, aber zur Entkrampfung wird auch viel gelacht. Elf Jungen und zwei Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren machen motiviert mit. Und als der Zeitungsreporter auftaucht, hält Winkler eine Tageszeitung hoch, damit alle verstehen, was der Fremde will und woher er kommt. Mit Bildersprache und Praxis lernt es sich eben am leichtesten.
Unter den fünf neu eingestellten Ehemaligen ist auch Heiner Bartling, vor seiner politischen Karriere an der Kreishandelslehranstalt tätig. Heute gibt er die ersten seiner vier Stunden pro Woche.
Warum? „Eigentlich wollte ich beim Problem der Registrierung helfen, aber dafür muss man monatelange Kurse absolvieren. Also beschloss ich, mit Sprachunterricht zu helfen und hörte von der BBS, dass man angesichts der Personalnot mit Kusshand genommen würde. Ich habe kurz hospitiert und lege jetzt los. Das zentrale Problem bei der Integration von Flüchtlingen ist doch die Sprache. Und zur Lösung dieses Problems will auch ich nun gern einen kleinen Beitrag leisten.“

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