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Lust auf Land

Thema des Tages Lust auf Land

Schon lange haben die Landfrauen ihr verstaubtes Image abgeschüttelt. In Schaumburg engagieren sich mehr als 2200 Mitglieder in zehn Ortsvereinen, informieren über nachhaltige Energie, gesunde Ernährung und die Vereinbarkeit von Job und Familie. 500 000 Landfrauen gibt es in Deutschland. Das große Netzwerk hat längst Einfluss auf die Politik.

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Zahlreiche Schaumburger Grundschüler lernen von den Landfrauen, wie unsere Lebensmittel verarbeitet werden.

Quelle: pr.

Ganz tief durchatmen. Die Beine lockern. Dann die Arme. Mit dem Oberkörper hin und her schwingen. Und dann wird gelacht. Dass Heigln Spaß macht, ist den zwölf Frauen, die sich auf dem Rasen in der Abendsonne strecken und beugen, sofort anzusehen. Heigln, das ist eine nach ihrem Begründer Heinz Heigl benannte Sportart, die die Gelenke schont, sanft die Kondition verbessert und bei den Hagenburger Landfrauen sehr beliebt ist.
Seit 2007 ist das Freiluft-Training fester Bestandteil des Programms, das der Landfrauenverein Hagenburg für seine 310 Mitglieder anbietet. Immer donnerstags um 18.30 Uhr treffen sich die Sportbegeisterten auf dem Hof ihrer Vorsitzenden Annegret Bothe. Dazu gehört auch Irene Schirmer. Die 75-Jährige ist seit 35 Jahren begeisterte Landfrau. Was sie an ihrem Verein schätzt? „Die gute Gemeinschaft“, sagt die agile Hagenburgerin. Und die Vielfalt des Angebotes, der bunte Mix aus Fahrten, Kreativ-Workshops, Sport und Vorträgen, der für jede Altergruppe das Passende parat hat.
Frauen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen generetionsübergreifend zusammenbringen, das macht für die Kreisvorsitzende Marlies Hasemann den Erfolg der Landfrauen aus. „Wir haben in Schaumburg mehr als 2200 Mitglieder zwischen 18 und 96 Jahren“, erklärt die 56-jährige Lüdersfelderin. Gegen alle Trends steigt die Mitgliederzahl. Damit schaffen die Landfrauen das, was vielen anderen Vereinen nicht so recht gelingen mag: den Nachwuchs an sich binden, immer wieder neue Mitglieder ansprechen und begeistern.
Der Grund: „Wir holen die Frauen da ab, wo sie stehen und sind mit unseren Themen am Puls der Zeit“, sagt Hasemann und räumt mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf. Landfrauen sind weder altbacken noch rückwärtsgewandt oder Vertreten gar das Rollenklischee der Hausmutter, die sich konservativen Vorstellungen zufolge um Kinder, Küche und Kirche zu kümmern hat. „Eine Landfrau ist eine Frau, die auf dem Land wohnt. Nicht mehr und nicht weniger.“ Ihr Image ist gründlich entstaubt.
Seit 1949 gibt es den Verband in Schaumburg, und schon damals richtete sich das Angebot nicht nur an Frauen, die in der Landwirtschaft arbeiteten. Angesprochen waren und sind noch heute alle Frauen aus dem ländlichen Raum unabhängig von Alter, Beruf, Herkunft oder politischer Orientierung.
Und so unterschiedlich und facettenreich die Interessen und Lebensentwürfe der Landfrauen sind, ist auch das Programm der zehn Schaumburger Ortsvereine. Fahrten und Reisen, Vorträge und Workshops, Sport und Wellness wechseln sich ab. Landfrauen besuchen den Bundestag in Berlin, wandern im Deister, machen Yoga, tanzen Zumba, heigln, besuchen Ausstellungen und Theatervorstellungen, informieren sich über den Wiedereinstieg in den Beruf und die Möglichkeiten, gelassen den Alltag zwischen Job und Familie zu meistern.
Großer Schwerpunkt der Landfrauenarbeit liegt dabei auf dem Bereich Bildung und Qualifizierung, sagt Hasemann. Landfrauen wollen über das Zeitgeschehen informiert sein und über Entwicklungen politischer und gesellschaftlicher Art bescheid wissen. In den Vorträgen und Seminaren geht es um Politik, um Rente, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um Kreatives, Kunst und Hauswirtschaft. Und um Umwelt und Energie. „Energie mit Köpfchen – Landfrauen schaffen Durchblick“ heißt das aktuelle Jahresthema, unter dem die Schaumburger Ortsvereine den Großteil ihrer Aktivitäten bündeln. Die zentrale Fragestellung lautet dabei: Wie kann eine nachhaltige, sozialverträgliche und sichere Energieversorgung gewährleistet werden?
Auch mit ihren Projekten wollen die Schaumburger Landfrauen am Puls der Zeit sein und sich für die Gesellschaft stark machen. „Kochen mit Kindern“ ist seit mehr als zehn Jahren absolutes Erfolgsmodell im Landkreis, ebenso der aid-Ernährungsführerschein für Grundschulkinder. Das Buch „Kinderleben“ ist bis auf wenige Exemplare in zweiter Auflage vergriffen. Die Landfrauen tragen außerdem mit der Aktion „Wissen ent-spannt – Landwirtschaft qualifiziert erklären“ ihren Teil zum Dialog zwischen Erzeugern und Verbrauchern bei (siehe Kasten).
500 000 Landfrauen gibt es in 12 000 Ortsvereinen in Deutschland, allein in Niedersachsen engagieren sich 100 000 Mitglieder. „Durch die Bündelung dieser Kraft gelingt es uns auf politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene, das Sprachrohr für alle Frauen auf dem Land zu sein“, heißt es in einem Flyer des Niedersächsischen Landfrauenverbandes Hannover (NLV). Tatsächlich haben die Landfrauen große politische Bedeutung. Sie mischen bei der Entscheidungsfindung mit, verhandeln mit Ministerien und beraten auf Bundes- und Landesebene in zahlreichen politischen Gremien.
Im Mittelpunkt steht dabei stets das Ziel, die Rahmenbedingungen für das Leben auf dem Land mitzugestalten, Lebensqualität und Arbeitsbedingugen zu verbessern. Es geht um Bildungschancen, um den demografischen Wandel, um Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Die niederesächsischen Landfrauen haben den Ärztemangel auf dem Land auf die politische Agenda gesetzt, der Bundesverband hat die Mütterrente auf den Weg gebracht. In Schaumburg beteiligten sich Hasemann und ihre Mitstreiterinnen an einer Unterschriftenaktion, mit deren Hilfe das Schulfach Alltagskompetenzen auf den Lehrplan gesetzt werden soll. „Es geht dabei nicht nur ums gesunde Kochen, sondern auch ums Wirtschaften. Viele Jugendliche können nicht mehr mit Geld umgehen und sind verschuldet“, erklärt Elisabeth Brunkhorst, Landfrau aus Wiedenbrügge, die sich im Vorstand des NLV um die Themen Bildung und Soziales kümmert. „Das Thema liegt uns sehr am Herzen und wir versuchen, die Menschen vor Ort zu sensibilisieren. Es tut sich was“, freut sich auch Hasemann.
Die Lüdersfelderin selbst kam vor 16 Jahren zu den Landfrauen. Die dreifache Mutter und gelernte Hauswirtschafterin war begeistert vom Programm des Stadthäger Ortsvereins. „Damals haben mich vor allem die kreativen Angebote interessiert.“ Toll sei es gewesen, dass außerdem Wissen vermittelt wurde. „Ich habe mich sofort aufgehoben gefühlt und bin dabei geblieben“, erinnert sich die 56-Jährige. Seit elf Jahren ist Hasemann Vorsitzende ihres Ortsvereins. Und vor drei Jahren hat sie die Nachfolge von Rosemarie Schweer als Vorsitzende des Kreisverbandes angetreten. Was sie an ihrem Engagement liebt? Die Herausforderung, alle Generationen gleichermaßen abzuholen, dazu beizutragen, dass die Landfrauen voneinander lernen, sich achten und respektieren. Austausch zu ermöglichen. Auf den Punkt gebracht: „Die Gemeinschaft leben.“

Von Katharina Grimpe

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