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Mal Dampf ablassen

Thema des Tages Mal Dampf ablassen

Die Weltgesundheitsorganisation wird nicht müde, vor ihr zu warnen. Doch für viele Raucher ist sie eine große Chance – die E-Zigarette. Klar ist bisher: Sie ist weniger schädlich als eine Zigarette mit Tabak. Klar ist auch: Die E-Zigarette bringt dem Bund keine Tabaksteuer ein.

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Andreas Wieneke, Bernd Walter und Andrea Striemann (von links) dampfen – statt zu rauchen. Die E-Zigaretten sind ihre ständigen Begleiter.

Quelle: ant

Von Andrea Tiedemann

 Für Andreas Wieneke war es eine Erleichterung. Seit über 16 Jahren hing der 40-Jährige an der Zigarette, „zwei Schachteln pro Tag“. Doch das Rauchen bereitete ihm zunehmend gesundheitliche Probleme. Hinzu kamen die Kosten. Seit drei Jahren „dampft“ Wieneke nur noch – so nennen viele E-Zigaretten-Nutzer den Konsum. „Ich konnte schnell wieder besser riechen und schmecken“, sagt der Mann aus Tündern. Die Umstellung sei anfangs schwierig gewesen – neben E-Zigaretten habe er auch noch Tabakzigaretten gebraucht. Mittlerweile „dampft“ er nur noch. Auch die Nikotin-Dosierung, die bei einer E-Zigarette variabel einstellbar ist, hat er langsam runterreguliert. Dennoch: Ganz ohne etwas in der Hand, das kann er sich nicht vorstellen. Seine Frau hingegen schon: Sie habe ihre Nikotin-Abhängigkeit mit dem Schritt über die E-Zigarette komplett zu den Akten gelegt.

 Fälle wie Wieneke kennt Händler Robert Stangenberg zuhauf. Der Hauptkundenkreis des Hamelner Unternehmers sei zwischen 30 und 70 Jahren alt – Jugendliche kämen bei ihm nicht vorbei, sagt Stangenberg. Wer von der Zigarette auf die E-Zigarette umsteige, starte meist mit einem Geschmack, der den gewohnten Tabak simuliere. „Später wechseln viele dann zu einem anderen Aroma“, so der 49-Jährige. Ob Kaffee, Pina Colada oder Beerengeschmack – das Angebot ist riesig. Auch im Internet – das ist allerdings auch das Problem. Von „Billigliquids“ rät Stangenberg ab – denn bei unseriösen Anbietern könne man nicht sicher sein, was drin ist.

 Derzeit, sagt der Händler, werde man mit dem Geschäft „noch nicht reich“ – das könnte sich allerdings bald ändern. Der Verband des E-Zigarettenhandels gibt an, dass sich der Umsatz in den vergangenen vier Jahren mehr als verzwanzigfacht habe – von fünf auf 100 Millionen Euro Umsatz bis Ende 2013. Noch in diesem Jahr soll der Umsatz auf bis zu 200 Millionen Euro steigen, prophezeit der Verband. Die WHO spricht von einem Weltumsatz von rund 2,3 Milliarden Euro mit mehr als 460 verschiedenen Marken. Alle großen Tabakkonzerne sind mittlerweile selber ins E-Zigarettengeschäft eingestiegen. Die Produkte werden in China seit etwa 2004 vermarktet, wenige Jahre später kamen sie auf den europäischen Markt. Seit Ende 2011 werden E-Zigaretten insbesondere im Internet und im Handel angeboten. Nach Schätzungen der Branche nutzen sie derzeit rund ein bis zwei Millionen Deutsche.

Es gibt sie in verschiedenen Größen, mit Einmalkartusche oder nachfüllbarer Kartusche, mit Nikotin oder ohne. Manche Geräte simulieren ein Glimmen; auch die Akkudauer ist unterschiedlich. Der Dampf ist vielen aus der Nebelmaschine in der Disko bekannt. Doch je nachdem, welche Inhaltsstoffe im Liquid sind, ändert sich auch die Zusammensetzung des Nebels.

Quelle: dpa

  Rechtslage in Deutschland noch unübersichtlich

 Die Rechtslage in Deutschland ist noch größtenteils unklar – da E-Zigaretten keinen Tabak enthalten, findet das Tabakgesetz keine Anwendung. Laut Bundesregierung können die Liquids der E-Zigaretten als Arzneimittel, die dazugehörige „Hardware“ als Medizinprodukt eingestuft werden, so die Meinung im Jahr 2012 – theoretisch bräuchte also jeder Händler eine arzneimittelrechtliche Zulassung. Dem widersprachen allerdings mehrere Gerichte: Zuletzt das Oberverwaltungsgericht Münster, das der E-Zigarette keine therapeutische Wirkung bescheinigte und sie als reines Genussmittel einstufte. Ein höchstrichterliches Urteil vom Bundesverwaltungsgericht steht allerdings noch aus. Gestritten wird auch noch um die Frage, ob auch E-Zigaretten von den Nichtraucherschutz-Gesetzen erfasst sind – die Regierung sieht es zumindest so. Auf europäischer Ebene ist eine Regulierung der E-Zigarette im Rahmen der EU-Tabakrichtlinie geplant: Sie soll bis 2016 in Kraft treten. Danach sollen E-Zigaretten frei verkäuflich bleiben, allerdings dann in Apotheken verbannt werden, wenn die Liquids mehr als 20 Milligramm Nikotin pro Milliliter enthalten. Bei der Werbung sollen dann ähnliche Einschränkungen gelten wie bei Tabakprodukten.

Fluch oder Segen?

Um Vor- und Nachteile der E-Zigarette gibt es einen Glaubenskrieg. Auf der einen Seite Gegner wie die Bundesdrogenbeauftragte, die WHO und das Deutsche Krebsforschungszentrum. Auf der anderen Seite Befürworter, darunter auch Wissenschaftler und Ärzte. Einige Thesen:

  • Die E-Zigarette ist ein unkontrolliertes Experiment am Konsumenten: Da es das Produkt erst seit wenigen Jahren gibt, kann es noch keine Langzeitstudien geben. Daher müsse allerdings, so die Meinung des britischen Suchtforschers Professor Robert West, zur derzeitigen Beurteilung auf die Schadstoffe im Dampf abgestellt werden. Die Konzentrationen der Schadstoffe darin seien sehr gering – und die E-Zigarette daher im Vergleich zur Tabakzigarette deutlich gesünder. Für Raucher, die den Ausstieg anders nicht schaffen, könne sie also eine ernst zu nehmende Alternative sein. Schwangere sollten die E-Zigarette sicherheitshalber aber nicht benutzen.
  • E-Zigaretten belasten die Raumluft: Das stimmt grundsätzlich, denn E-Zigaretten sind nicht emissionsfrei. Nikotin, Aromen und Propylenglykol können in die Lunge von „Dampfern“ und „Mitdampfern“ eindringen. Propylenglykol, auch als Diskonebel bekannt, wird zwar als ungefährlich eingestuft, kann allerdings vorübergehend die Atemwege reizen. Insofern ist Rücksichtnahme angezeigt. Typische Stoffe von Tabakzigaretten wie Teer und Kohlenmonoxid werden von E-Zigaretten in der Regel nicht abgegeben. Dennoch gibt es Untersuchungen, die in den Liquids auch krebserregende und toxische Stoffe fanden. Die US-Gesundheitsbehörde wurde bei zwei bekannten Marken fündig. Allerdings ist die Konzentration deutlich geringer als bei verbranntem Tabak.
  • E-Zigaretten verleiten Jugendliche zum Einstieg: Das ist bisher vor allem mehr Befürchtung denn Gewissheit. Um das Rauchen nicht zu normalisieren und Jugendliche zu schützen, empfiehlt die WHO ein Verkaufsverbot an Minderjährige, öffentliche Dampf-Verbote und eine Beschränkung der Werbung. Untersuchungen zeigen aber, dass vor allem Jugendliche, die ohnehin zum Rauchen neigen, von der E-Zigarette angezogen werden. Professor West schätzt die Gefahr der E-Zigarette als klassische Einstiegsdroge eher als gering ein, da die „verführerische Aura der Rebellion“ fehle.
  • Der Umgang mit E-Zigaretten kann gefährlich sein: Beim Verschlucken des Liquids kann es theoretisch Vergiftungen durch das Nikotin geben. Es ist also darauf zu achten, dass das Liquid nicht in die Hände von Kleinkindern gelangt. In den USA wurde ein Mann bei einem Unfall mit einer explodierenden E-Zigarette schwer verletzt. Diese Gefahr besteht allerdings bei allen technischen Geräten, die defekt sein können.
  • E-Zigaretten halten Raucher süchtig: Wer von der Tabakzigarette auf nikotinhaltige E-Zigarette umsteigt, konsumiert weiter ein Suchtmittel, auch wenn es sich wie ein „Ausstieg“ anfühlen mag. Laut WHO gebe es bislang keine Belege dafür, dass E-Zigaretten Rauchern den Ausstieg erleichtern würden. Allerdings fand eine Forschergruppe um den Briten Jamie Brown heraus, dass die Chancen einer Entwöhnung bei Nutzern von E-Zigaretten 1,6-mal so hoch waren wie bei Leuten, die Nikotin-Ersatzpräparate oder keine Hilfsmittel benutzt haben. ant
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