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Malen als Therapie

Gegen die Sprachlosigkeit Malen als Therapie

Wie lassen sich Erlebnisse vermitteln, für die man keine Worte findet? Jutta Resas bietet Kindern und Jugendlichen beim „Begleitenden Malen“ die Möglichkeit, sich in Bildern auszudrücken.

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Durch die Maltherapie und die Auseinandersetzung mit der eigenen Situation kann eine Veränderung einhergehen: Auf Kevins letztem Bild zeichnet er sich selbst, fröhlich und entspannt mit einem kleinen Hund an der Leine. Die Welt des zehnjährigen Kevin hat sich deutlich verändert.

Quelle: cm

Landkreis. Die Sprachlosigkeit, die hat mich am meisten erschüttert“, erzählt Jutta Resas, die in einer Einrichtung der Jugendhilfe im Bückeburger Ortsteil Müsingen arbeitet. „Unsere Kinder werden oft aus schlimmen und dramatischen Situationen, die in ihren Familien herrschen, herausgeholt. Die Trennung ist dann ein weiterer Schock. Und in der ganz fremden, neuen Umgebung verstummen diese Kinder dann häufig ganz, obwohl sie im Inneren zutiefst aufgewühlt sind.“ Resas, der spürbar etwas an ihren Schützlingen liegt, musste feststellen, dass hier „vernünftige“ Gespräche nicht weiterführten, egal wie viel Herzlichkeit und Offenheit die Erwachsenen da hineinlegten.
Und so machte sich die Pädagogin, die selbst ein kreativer Mensch ist, auf die Suche nach anderen Wegen der Verständigung. Sie entdeckte die Methode der Schweizerin Bettina Eggers, das „Begleitete Malen“. Und der Erfolg, der sich nach einer zweijährigen Ausbildung mit dieser Arbeit einstellt, übertrifft sogar ihre ursprünglichen Erwartungen.
Das „Begleitete Malen“ erfüllt mehrere Funktionen. Zum einen bietet es dem Klienten ein Ventil, um angestaute, drängende Emotionen direkt auszudrücken. Die Maltechnik – man trägt die Gouachefarben direkt mit den Händen auf – erleichtert diesen spontanen Selbstausdruck.
Ein zweiter sehr wichtiger Faktor in diesem heilsamen Prozess ist die Anwesenheit der Therapeutin. Da ist jemand, der Anteil nimmt, der die ausgedrückten Gefühle anerkennt und bezeugt.
„Ganz wichtig ist es, den Kindern klar zu machen, dass es nicht darum geht, ein ‚schönes‘ Bild zu malen. Bewertung in jeder Form verhindert die Vertrauensbildung“, weiß Resas. Oft würden die Kinder ihre Begleiterin erst eine Weile testen, denn Vertrauen wurde den meisten von ihnen ja gerade nicht in die Wiege gelegt. „Doch wenn die Kinder meine zuverlässige Empathie spüren“, so Resas weiter, „dann kommt es zum dritten und wichtigsten Schritt im therapeutischen Prozess, dann laden sie mich in die Geschichten, die sie bildhaft erzählen ein. Das eröffnet die Möglichkeit, gemeinsam nach Lösungen und Hilfen zu suchen.“
Ein Beispiel aus Resas Berufsalltag soll das verdeutlichen. Es geht um die Arbeit mit dem zehnjährigen Kevin (Name von der Redaktion geändert), der aus einer Familie stammt, wo Gewalt an der Tagesordnung ist. Beim ersten Besuch im „Kindermalatelier“ hat er nur ein kleines weinendes Smiley-Gesicht aufs Papier gebracht. Die nächsten Treffen verbrachte er damit, Papier und Wände unermüdlich mit Handabdrücken zu versehen. „Normalerweise werden im Atelier die Wände nicht bemalt. Aber bei Kevin konnte ich spüren, wie wichtig es für ihn war, der Welt seinen Stempel aufzudrücken, sichtbare Spuren zu hinterlassen. Da habe ich eine Ausnahme gemacht“, so die einfühlsame Pädagogin.
Die Fähigkeit zum Einfühlen und ein gut geschulter Blick gehören sowieso unbedingt dazu, wenn das „Begleitete Malen“ erfolgreich sein soll. Das zeigt sich auch im Fall von Kevin. Als dieser beginnt, seine Geschichte zu erzählen, indem er einen gefährlich aussehenden Dinosaurier malt, ist es die Frage von Resas „Wohin schaut denn der Dinosaurier?“, die im Malprozess weiterführt. Denn da erscheint ein noch größerer und bedrohlicherer Dino, zu dem der kleinere nun eher ängstlich aufschaut, im Bild, und Kevins Geschichte vom „Leben unter Sauriern“, das in erster Linie von Angst und Wut bestimmt ist, erhält Kontur.
Dass mit dem Verstehen der eigenen Geschichte auch innere Veränderungen einhergehen, zeigt Kevins letztes Bild. Hier malt er sich selbst, mit einem kleinen Hund an der Leine. Freude und Entspannung sind zu sehen und die neu erworbene Fähigkeit, die eigenen Emotionen (den Hund) zu kontrollieren und an die Leine zu nehmen.
Selbstverständlich können auch Erwachsene vom „Begleiteten Malen“ profitieren. Für sie kann das sinnlich erfahrene Malen mit den Gouachefarben hilfreich sein, um eine Tür zum Unbewussten zu öffnen. „Ein sehr eindrucksvolles Beispiel haben wir während unserer Ausbildung kennengelernt“, erzählt Resas. „Da begann eine Frau, auf grünem Grund mit kreisenden Bewegungen einen weißen Fleck aufzutragen. Die Therapeutin fragt, was das wohl sein könne. Ein Schaf, lautet die prompte Antwort. Dann fällt der Therapeutin ein weiterer kleiner Klecks darunter auf. Oh, da liegt ja ein Lamm, befindet die Klientin. Und auf einmal weiß sie, worum es in diesem Bild geht. Sie ist nämlich schwanger und hat nach mehreren Fehlgeburten große Angst, auch dieses Kind zu verlieren.“
Hier setze eine weitere unglaublich hilfreiche Technik der Maltherapie an, fährt Resas fort. Man könne nämlich am Bild und in der Logik der Bildsprache Lösungen und hilfreiche Veränderungen finden. Im obigen Fall habe die Klientin schließlich das Schaf und das Lamm in ein schützendes Nest aus Stroh gebettet. Erstaunlicherweise würden diese Lösungen in der Bilderwelt auch zu einem deutlich veränderten Empfinden im psychischen Bereich führen und sogar zu neuen neuronalen Verbindungen im Gehirn. Diese Klientin habe jedenfalls durch das Malen zu einer großen inneren Ruhe und zu Zuversicht und Vertrauen, was ihre Schwangerschaft angeht, gefunden.
Resas Begeisterung über die unzähligen Ausdrucksmöglichkeiten und die vielen einfallsreichen Lösungen, die ihre Klienten beim Malen finden, wirkt ansteckend. Da ist man froh zu hören, dass sie das „Begleitete Malen“ nicht länger nur den Kindern in ihrer Einrichtung zugute kommen lassen will. Über das Mindener Institut für Traumapädagogik können jetzt auch interessierte Außenstehende maltherapeutische Hilfe zur Lösung ihrer Probleme in Anspruch nehmen. cm

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