Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Mauer und Türme zum Schutz

Thema des Tages Mauer und Türme zum Schutz

Das wäre heute die große Touristenattraktion! Die Altstadt von Stadthagen, eingerahmt von der mittelalterlichen Festungsanlage. Das Thema Stadtbefestigung ist Mittelpunkt einer Ausstellung, die noch bis Sonntag im Museum Amtspforte in Stadthagen zu sehen ist.

Voriger Artikel
„Abitur auf Teufel komm raus“
Nächster Artikel
Rauchmelder sind ab Januar Pflicht

Der von Landvermesser Hauptmann Houpe 1784 erstellte Stadtplan bildet die Grundlage für die Erforschung der Stadtbefestigung.

von Karlheinz Poll. Damit hätten wir sogar gegen Rothenburg an der Tauber antreten können. Leider ist von der einstigen Wehrhaftigkeit nicht viel übrig geblieben. Auf dem Viehmarkt steht der letzte Stadtturm, zwischen Schloss und Zehntscheune ist ein Halbturm Überbleibsel der mächtigen Stadtmauer. Die Obrigkeit wünschte sich im 19. Jahrhundert eine modernere Stadt. Da standen die jahrhundertealten Relikte nur im Wege. Also weg damit. Heute wäre die Stadtbefestigung für den Tourismus ein echter Knaller.

 Die Ortsgemeinschaft Stadthagen des Schaumburg-Lippischen Heimatvereins, der in diesem Jahr 125 Jahre besteht, hat das Thema Stadtbefestigung aufgegriffen und daraus eine faszinierende Ausstellung entwickelt, die derzeit im Museum Amtspforte zu sehen ist. „Als Stadthagen noch Tore hatte. Mythos und Wahrheit zur mittelalterlichen Stadtbefestigung“ ist der Titel einer Dokumentation, die Aufschluss darüber gibt, wie die wehrhafte Anlage einmal ausgesehen hat und wie sie sich im Laufe der Zeit verändert hat.

 Rund 500 Jahre wurde die Stadt durch Mauer, Wall und Graben vor feindlichen Übergriffen geschützt. Im 19. Jahrhundert, als die Notwendigkeit einer schützenden Mauer nicht mehr gegeben war, zumal die Waffentechnik so weit fortgeschritten war, dass eine Mauer kein Hindernis mehr für eventuelle Feinde darstellte, wurde der bisher schützende Ring Stück für Stück demontiert. Die letzten Reste der Stadtmauer wurden um 1900 abgetragen.

 Fünf Heimatfreunde, Katja Duhme, Margarete Sturm-Heumann, Alexandra Blume, Andreas Schmeiche und die Museumsleiterin Susanne Slanina, haben sich mit der Historie rund um die Verteidigungsanlagen befasst. Sie trugen zum Thema Zeichnungen, historische Fotos und Karten zusammen. Abgerundet wird die Ausstellung, die von Vorstandsmitglied Ulrike Hasemann begleitet wurde, durch Modelle der drei Stadttore, die der inzwischen verstorbene Lehrer Manfred Bölk einst angefertigt hat. Ferner sind in der Ausstellung Fundstücke aus Grabungen innerhalb der Altstadt zu sehen, überwiegend Keramikscherben, die in der Nähe des Westerntores gefunden wurden.

 In der Mitte des Ausstellungsraumes kann sich der Besucher an einer übergroßen Kopie des Houpe-Plans, als Stadtplan 1784 aufgenommen vom Beeidigten Landmesser Hauptmann Houpe, einen ersten Überblick beschaffen über das damalige Befestigungswerk. 1784 waren fast noch sämtliche Mauerzüge, Türme und Eingangstore vorhanden. Die drei Stadttore befanden sich an der Obernstraße (Oberntor), Vornhäger Straße (Niederntor) und Marktstraße (Westerntor). Die Mauer wurde von mehreren Türmen unterbrochen, die in runder, halbrunder oder rechteckiger Form gebaut waren. Der Houpe-Plan zeigt in der Stadtmauer insgesamt zehn Turmeinbuchtungen. Erste Erwähnungen über die Türme finden sich in den Stadtrechnungen des 14. Jahrhunderts. Zwei Türme stehen noch heute: der Viehmarktturm und der Halbrundturm zwischen Zehntscheune und Schloss am Parkplatz hinter der Schlosspassage. Der Halbrundturm fand bereits 1378 seine erste Erwähnung. 1760 wurde der Turm als „Hundeloch“ bezeichnet und gehörte zu den Amtsgefängnissen. Wie auf Aufzeichnungen hervorgeht, diente er zusätzlich als Stall. Ab 1880 wurde er zu einem Eiskeller umgestaltet. Der Rechteckturm im sogenannten Niedernort am Niedernwall, hinter den Grundstücken Krumme Straße 35 und 36, heute Straße Am Nordwall, war sogar mit einer Uhr versehen. Der Turm – auf einer Karte von 1813 „Warmbierturm“ genannt – wurde nach 1877 abgebrochen. Ein rechteckiger „Turm beim Nachrichtenhaus“ befand sich auf dem Viehmarkt, in der Nähe der Brücke zum Wall. Der Abbruch erfolgte 1816.

 An der Schulstraße, zwischen Haus 12 und 13, stand der runde „Turm beim Waisenhaus“, der in den Jahren 1803 bis 1818 abgebrochen wurde. Der runde Turm an der Wallstraße, als „Kroppscher Turm“ bezeichnet, heute Spielplatz hinter dem Grundstück Klosterstraße 16, wurde in den Jahren 1814/15 niedergerissen. Etwas mehr weiß man vom Turm hinter der Schule/Kirche. Er befand sich in Höhe des Torbogens der Alten Lateinschule. Auf einer Ansichtskarte von 1900 sind Reste von Mauer und Turm deutlich zu sehen. Errichtet wurde der Turm 1381 durch die Baumeister Wichmann und Voss. Ein Jahr später wurde der Turm gekalkt und mit Fenstern versehen. Außerdem wurde die Dachhaube mit Ziegeln gedeckt. 1416 erfolgte ein Umbau von Fachwerk auf Steinbau, für den 100 Fuder Steine angefahren wurden. Aus einem Dokument geht hervor, dass 1776 der Zimmermann Struckmann für die Abnahme des Turmes zwölf Taler erhielt. Der Turm wurde lange Zeit zum „Bürger-Gehorsam“ als Arrestturm genutzt.

 Der größte Turm der Stadt war – wenn auch nicht als Wehrturm in der Mauer – der Kirchturm der St.-Martini-Kirche. Von ganz oben, aus 40 Meter Höhe, hatte man den besten Blick auf mögliche Angreifer. Bereits 1395 wurde das Wächterhaus auf dem Kirchturm erwähnt. Die Instandhaltungskosten trug die Stadt. Der Kirchturm wurde schlicht als „Turm“ oder „Stadtturm“ bezeichnet.

 Für die Heimatfreunde war es nicht immer leicht, anhand der Stadtrechnungen die Standorte der Türme zu bestimmen. In einigen Fällen wurden wenigstens die Namen entdeckt. Noch nicht zugeordnet werden konnten der „Herr Hellemanns Turm“ (Rechnung von 1395), der „Kalkturm“ (1396), der „Lüttke Turm“ (1448), der „Vinckenturm“ (1573), der „Bürgerturm“ (1591), der Turm „Hinter dem Juden“ (1630) und der „Bergfried“ (1396).

 Akribisch beschäftigt haben sich die Heimatfreunde mit der Geschichte der drei Stadttore, Niederntor, Oberntor und Westerntor, die als Modelle gezeigt werden. So schön wie die Modelle anzuschauen sind und einen Eindruck vermitteln, wie es einst an den Eingängen der Stadt ausgesehen haben könnte, es liegen keine Aufzeichnungen vor, dass die Bauten so ausgesehen haben. So wird darauf hingewiesen, dass „eine genaue Darstellung, wie die Stadttore tatsächlich ausgesehen haben, können weder Geschichtswissenschaftler noch Archäologen erbringen“. Die Problematik rekonstruierter Modelle liege in der Beschränkung des Wissens über das exakte ehemalige Aussehen. Außerdem könne die dreidimensionale Wiedergabe nur einen einzigen Zeitpunkt innerhalb der langen Geschichte eines Bauwerkes aufzeigen. Die Modelle wurden 1978 nach den damaligen Informationen erstellt. Intensive Quellenforschungen zu dieser Ausstellung haben ergeben, dass die Stadttore in nicht unwesentlichen Details anders ausgesehen haben müssen.

 Neben den großen Stadttoren hat es in der Mauer mehrere kleine Durchlässe für Fußgänger gegeben. Wie auf dem Houpe-Plan zu erkennen, befand sich einer im Südwesten zum Westernwall, einer nördlich des Stadtturms am Viehmarkt, einer im Osten an der Schulstraße, nördlich der Alten Lateinschule und beim Landsbergschen Hof an der Hohen Gosse.

 Der Besucher der Ausstellung erfährt so ganz nebenbei, dass 1530 vor dem Niederntor ein neuer Galgen errichtet wurde. Die ersten dort wegen Korndiebstahls Hingerichteten waren die Eheleute Hiddeseman. Während das Leben des Mannes am Galgen endete, wurde seine Frau lebendig begraben. 1603 wurde auf dem Wall am Niederntor ein Schandkorb aufgehängt. Übeltäter im Korb wurden dem Spott der Bürger ausgesetzt.

 Die Ausstellung „Als Stadthagen noch Tore hatte.“ ist noch bis Sonntag, 1. November, im Museum Amtspforte, zu sehen. Das Museum in Stadthagen ist am Wochenende an beiden Tagen von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr