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Millionen leiden unter Osteoporose

Thema des Tages Millionen leiden unter Osteoporose

Es ist eine schleichende Krankheit, die Millionen ältere Menschen belastet: Osteoporose könnte besser diagnostiziert und therapiert werden, glauben Mediziner.

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Reden und Austauschen hilft, da sind sich die Damen rund um die Kaffeetafel sicher. Vielleicht sogar mehr als alles andere. Denn Therapien, Sportprogramme und Diäten haben sie bereits ausprobiert, um ihre langsam voranschreitende Krankheit zumindest aufzuhalten. Manche mit und manche ohne Erfolg. Sie alle leiden an Osteoporose – jene auch als Knochenschwund bezeichnete Krankheit.
Bei den überwiegend weiblichen Betroffenen funktioniert der Knochenaufbau nicht richtig, das Skelett wird brüchig. Einige Teilnehmerinnen der Osteoporose-Selbsthilfegruppe haben durch wiederholte Knochenbrüche sehr schmerzhaft erfahren, was das bedeuten kann. „Das sind Schmerzen, die das ganze Leben verändern. Man kann gar nicht mehr richtig teilnehmen“, sagt Anke, die ihren vollen Namen nicht veröffentlicht sehen will.
Die 48-Jährige leidet seit zehn Jahren, immer wieder hatte sie Rippenbrüche. Inzwischen kann sie auch ihrem Bürojob nicht mehr nachgehen. Dass die Krankheit wie bei ihr schon Jahre vor den Wechseljahren auftritt, kommt selten vor. Das Alter ist neben dem Geschlecht der wichtigste Risikofaktor: Nach Hochrechnungen von Krankenkassen-Daten ist eine von vier Frauen und einer von 17 Männern über 50 Jahren betroffen. Insgesamt haben rund 6,3 Millionen Deutsche die Krankheit.
Das Kuratorium für Knochengesundheit hat noch höhere Zahlen über das weit verbreitete Leiden veröffentlicht. Danach sind in Deutschland sogar 7,8 Millionen der über 50-Jährigen von der Knochenerkrankung betroffen – 6,5 Millionen Frauen und 1,3 Millionen Männer. Mit jährlich etwa zweieinhalb bis drei Milliarden Euro an direkten und indirekten Krankheitskosten hat die Osteoporose auch ein großes volkswirtschaftliches Gewicht – und wurde nicht zuletzt deshalb von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf die Liste der zehn wichtigsten Erkrankungen gesetzt.
„Und trotzdem ist Osteoporose für viele noch ein Fremdwort“, ärgert sich Irene Buddendick, Leiterin der Selbsthilfegruppe von Anke & Co. Sie selbst hat sich ihrer Diagnose so früh gestellt, dass es ihr inzwischen gelungen ist, den Knochenabbau soweit zu stoppen, dass sie die Medikamente absetzen konnte. Mit ihrem frühzeitigen Einschreiten ist sie ein mustergültiges Beispiel, das aus Sicht von Knochenexperten leider noch viel zu selten ist.
Trotz der weiten Verbreitung wird die Erkrankung in der Öffentlichkeit wenig thematisiert. „Es ist nicht sexy, über alte Knochen zu sprechen“, sagt Andreas Kurth, Vorsitzender des Dachverbands Osteologie (DVO), einem Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die sich mit Knochengesundheit beschäftigen. Sein Kollege Helmut W. Minne, Osteologe und langjähriger Chefarzt der Bad Pyrmonter Fachklinik „Der Fürstenhof“, war bekannt für seine direkte, unverblümte Sprache: So nannte auch er es als sein Ziel, die „Altweiber-Krankheit“ Osteoporose aus ihrer „Schmuddelecke“ zu holen und das Volksleiden Knochenschwund zu einer anerkannten Erkrankung zu machen.
Zwar ist Osteoporose nicht unmittelbar lebensbedrohend, doch wenn man nichts dagegen tut, kann sie die Lebensqualität erheblich einschränken. So kommt nach einer gebrochenen Hüfte nur die Hälfte der oft hochbetagten Patienten wieder auf die Beine, berichtet das Kuratorium für Knochengesundheit. Jeder Fünfte stirbt nach einer solchen Verletzung binnen eines halben Jahres. In einer alternden Gesellschaft müssten diese Zahlen alarmieren. Doch Knochenexperten beklagen unisono eine mangelnde Aufmerksamkeit für das Krankheitsbild – bei Patienten und auch bei Ärzten. Einen Grund nennt Hermann Schwarz, Orthopäde und ebenfalls DVO-Vorstandsmitglied: Osteoporose ist eine relativ junge Krankheit – nicht alle Hausärzte erkennen die Anzeichen. „Wir haben erst seit den 1980er Jahren Therapiemöglichkeiten, bei vielen meiner Kollegen war Osteoporose in der Ausbildung kein Thema“, berichtet er. Junge Kollegen seien deutlich sensibilisierter.
Auch der Patient sei in der Pflicht, glaubt Kurth: Genauso wie man regelmäßig zur Zahnarztkontrolle gehe, sei es auch wichtig, das persönliche Osteoporose-Risiko zu kennen. Neben Alter und Geschlecht spielt es etwa eine Rolle, ob man Cortison oder andere Medikamente nimmt, die die Knochen schädigen können. Rauchen, Untergewicht und eine bestimmte genetische Veranlagung sind weitere Risikofaktoren. Ein Arzt könne feststellen, ob die Knochendichte oder ein geringer Vitamin-D-Spiegel einen Anlass zur Sorge geben sollten.
 Doch selbst wenn Ärzte eine Osteoporose erkennen und eine Therapie anregen: Viele Patienten bleiben nicht dabei, setzen Medikamente schon im ersten Jahr wieder ab: „Es ist nicht wie bei einem Blutdruckmittel, dessen Erfolg man sofort sieht“, erklärt Kurth. Frust mit Medikamenten und die Unsicherheit, ob eine Therapie der richtige Weg ist, kennen auch die Patientinnen an der Kaffeetafel. „Jeder Arzt sagt doch etwas anderes“, klagt eine. Doch dass sie hier um einen Tisch sitzen, zeigt eines: Sie sind fest entschlossen, dass die Krankheit sie nicht beherrschen soll. Das gilt besonders für die Jüngste unter ihnen: „Ich tue alles, um einen weiteren Bruch zu vermeiden“, sagt die 48-jährige Anke. Die Suche nach der besten Behandlung ist für sie noch nicht vorbei.
Im Landkreis Schaumburg bieten sowohl die Bückeberg-Klinik als auch das Rehazentrum in Bad Eilsen Angebote speziell für Patienten mit Osteoporose an. Etwa 840 Osteoporose-Patienten werden jährlich stationär in der Pyrmonter Klinik Fürstenhof aufgenommen, 1400 ambulant behandelt. Sie alle bekommen physiotherapeutische Anwendungen, werden in gesunder Ernährung vor allem mit Kalzium und Vitamin D geschult, erhalten Medikamente und Ratschläge, wie sie ihr Leben und ihre Umgebung künftig gestalten sollten, um Stolperfallen und damit Knochenbrüche zu vermeiden. „Jeder Bruch kann ein Hinweis auf Osteoporose sein“, betont Christian Hinz, seit 2002 Chefarzt der Klinik. Wenn ab 50 Jahren der erste Bruch auftauche oder die Zahlen der Stürze sich häuften, sei es der späteste Zeitpunkt, um eine mögliche Osteoporose abzuklären, rät der 57-Jährige.
Neben genetischer Disposition können chronisch entzündliche Erkrankungen wie zum Beispiel Rheuma und Darmerkrankungen, eine Überfunktion der Schilddrüse oder auch Rauchen Risikofaktoren sein. Die Annahme, dass lediglich schlanke, zartgliedrige Menschen gefährdet sind, kann Hinz nur für einen Body-Mass-Index (BMI) unter 20 bestätigen. Bei entsprechenden Risikofaktoren sollte alle zwei bis vier Jahre eine Knochendichte-Messung vorgenommen werden, für die der Hausarzt eine Überweisung ausstellen kann.
Es gibt aber auch einfache Tests, mit denen jeder mit erheblicher Sturzgefährdung prüfen kann, ob er oder sie zu den Betroffenen zählt: Dreimal kurz hintereinander in zehn Sekunden aus dem Stuhl aufstehen und auf der Stelle stehen bleiben oder aufstehen, drei Meter gehen, dann umdrehen, zurückgehen und wieder hinsetzen, das Ganze in zwölf Sekunden. Wenn das klappt, dann soll man ungefährdet sein. Eine gesunde Ernährung mit viel Kalzium und Vitamin D sei auf jeden Fall zu empfehlen. Hinz: „Bis zum Alter von 50 Jahren bekommt man seine Gesundheit geschenkt, danach muss man dafür arbeiten.“
In der Fürstenhofklinik werden Patienten jeden Alters behandelt. „Unser ältester Patient war 99 Jahre, es gab aber auch schon eine 16-Jährige, die aufgrund von hormonellen Störungen betroffen war“, erinnert sich der Chefarzt. Sind die Patienten aus der Klinik entlassen, können sie sich freiwillig für das Modell „Integrierte Versorgung“ entscheiden, das die Klinik in Kooperation mit einigen Kassen vereinbart hat und in dem inzwischen über 16 000 Patienten betreut wurden und werden. Die Menschen bleiben in Kontakt mit der Klinik oder mit niedergelassenen Osteologen, werden zwei bis drei Jahre später nachuntersucht und regelmäßig telefonisch zu ihrem jetzigen Befinden befragt. „Dadurch leben die Betroffenen bewusster, und es gibt weniger Brüche“, berichtet Hinz.
 Und was hat sich seit der Gründung der Klinik 1991 auf dem Gebiet der Osteoporose verändert? Hinz: „Wir haben mehr und bessere Medikamente, wissen mehr über körperliche Übungen und den Erhalt der Knochenstabilität. Die Gefahr ist, dass dabei bei vielen Patienten Normalität einkehrt und manches wieder vergessen wird. Denn schließlich tut Osteoporose im Alltag, und wenn nichts passiert, ja nicht weh.“

Von Florentine Dame
und Karin Heininger

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