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Mit Hacke, Spaten und Muskelkraft

Thema des Tages Mit Hacke, Spaten und Muskelkraft

Die letzten Rosen lassen die Köpfe hängen, dafür leuchten die Astern. Bäume auf den Parzellen sind schwer von Äpfeln und der Grünkohl wartet auf den ersten Frost: In der Gartenkolonie Bisdorfer Weide, gegründet 1950, ist der Herbst eingezogen – und vor dem Winter gibt es noch einiges zu tun.

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Gleich ist es geschafft: Sebastian Böger (links) und Viktor Burau holen Strauchwurzeln aus der Erde.

Quelle: sk

Nicht nur die eigenen gepachteten 400 Quadratmeter müssen bewirtschaftet werden. Für die Gesamtanlage leistet jedes Vereinsmitglied zehn Arbeitsstunden im Jahr. So mühen sich Sebastian Böger und Viktor Burau an einem Herbsttag mit Hacke und Spaten, mit Muskelkraft und Handwinde. Aus einem Beet vor dem Kolonie-Heim müssen Strünke und Wurzeln von Sträuchern entfernt werden. Im Kleingarten wird halt nicht nur gepflanzt, gemäht und geerntet. Manchmal muss auch was raus aus der Erde, wenn nötig mit Gewalt.

Das Entfernen der Wurzeln aus dem Beet, auf dem ein Grillplatz entstehen soll, gerät zur Schweißarbeit. Die Technik hilft. Sebastian Böger legt eine Schlinge um den verbliebenen Strunk eines Strauches. Die Schlinge ist über eine Handwinde verbunden mit der Anhängerkupplung seines VW Caddy. Böger legt sich ins Zeug. Der Gurt strafft sich immer mehr. Der Caddy als Widerlager ächzt, kommt mit dem Heck etwas hoch. Langsam bewegt sich der Strunk. Das Wurzelwerk wird sichtbar. Viktor Burau stemmt sich mit seinem ganzen Körper dagegen, schiebt, der Gurt zieht. Dann ist es geschafft – der Strunk samt Wurzel ist draußen.

Schmidt beendet aktive Vereinszeit

Das im wahrsten Worte spannende Geschehen ist nicht ohne Zuschauer geblieben. Bögers einjähriger Sohn Marvin steht mit Justin (6) am Beetrand. Der hat seinen Fußball dabei und den Papa. Florian Schmidt ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins und „Arbeitsminister“, sprich, er teilt die Arbeitseinsätze ein. Aber nicht mehr lange. Der Kleingärtner zieht mit seiner Familie in ein eigenes Haus – und dazu gehört ein Garten. Dann bleibt keine Zeit mehr für die Parzelle in der Kolonie. Schmidt will sie abgeben und scheidet aus der aktiven Vereinsarbeit aus. Mitglied bleibt er aber weiterhin.
Sohn Justin wird also bald im eigenen Garten kicken. Mit seinem Ball unter dem Arm – zum Spielen mit ihm hat beim Arbeitseinsatz keiner Zeit – zieht er mit Heinz Kenserski, dem Vorsitzenden des Vereins, zur Gartenparzelle seines Großvaters. Die sei einmal ziemlich heruntergekommen gewesen, so Kenserksi. Werner Böger habe sie wieder toll hergerichtet, inklusive einiger Besonderheiten. Bei Werner Böger wachsen die Erdbeeren nicht auf ebener Erde, sondern in einem senkrechten Beet. Ein mehr als mannshohes Rohr ist mit Erde und mit einem Innenrohr gefüllt. Aus den Löchern in der Rohrwand wachsen im Frühsommer die roten Früchte heraus. Bewässert wird der Erdbeerbaum über das ebenfalls durchlöcherte Innenrohr.

Senkrecht angebracht präsentieren sich in Bögers Garten außerdem gläserne „Zierfrüchte“. An einem metallenen Gatter lässt der Parzellenpächter Wein hochwachsen. Solange die Pflanze die Wand noch nicht erklettert hat, zieren Blumentöpfe und leere Bierflaschen das Gatter. So verfügt der Kleingärtner über einen dekorativen „Biergarten“.

Obst ist Vorschrift

Obst und Gemüse gibt es im Garten von Justins Opa natürlich auch. Das ist sogar Vorschrift. Eine Parzelle muss zu einem Drittel für den Anbau von Obst und Gemüse genutzt werden. Für Rasen und Blumen und für die Laube, die nicht größer als 24 Quadratmeter sein soll, steht der Rest zur Verfügung. So steht es in der Satzung – und die folgt dem Bundeskleingartengesetz (BKleingG). Die Nutzungsanteile werden in der Kolonie Bisdorfer Weide aber nicht auf den Meter nachgemessen. „Ich gucke darüber weg“, sagt Kenserski. Hauptsache die Regel werde in etwa befolgt.

An dieser Stelle stellt sich die Frage nach der Definition des Begriffes Kleingarten. Das Bundeskleingartengesetz gibt Auskunft: Ein Kleingarten in dessen Sinne „ist ein Garten, der dem Nutzer (Kleingärtner) zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf, und zur Erholung dient und in einer Anlage liegt, in der mehrere Einzelgärten mit gemeinschaftlichen Einrichtungen, zum Beispiel Wegen, Spielflächen und Vereinshäusern, zusammengefasst sind (Kleingartenanlage).“

Zu den Regeln in der Anlage zählt, „dass man sich in die Gemeinschaft einfügt“, erklärt der Vorsitzende. Während der Ruhezeiten von 13 bis 15 Uhr und 20 bis 8 Uhr sollte man zum Beispiel keinen Lärm verursachen. Dabei gehe es allerdings um tatsächlich störenden Lärm. Natürlich könne im Garten gegrillt und gefeiert werden. Und auch, wenn ein Schützenfest-trott im Kolonie-Heim zusammenkomme, würden deren Ausmarschzeiten toleriert.
Das Heim kann jedermann für Feiern mieten. Es bietet einen Saal sowie eine Theke und ist mit Toiletten ausgestattet. In den Achtzigerjahren wurde das Kolonie-Heim an die Kanalisation angeschlossen. Eine Spültoilette besitzt allerdings nur das Heim. Die Eigentümer der Parzellen müssen mit einer Campingtoilette auskommen.
Jede Parzelle hat aber einen Wasseranschluss, und Strom gibt es seit den Achtzigerjahren auch.

Wer Lust hat, eine Gartenparzelle zu bewirtschaften und zur Erholung zu nutzen, kann sich an Heinz Kenserski wenden, Telefon (01 70) 2 81 63 32. Einige Gartenareale sind derzeit frei. Der Ruhezeiten-Aspekt sollte übrigens niemanden abschrecken. „Familien mit Kindern sind gern gesehen“, lädt der Vorsitzende ein.

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Blick in die Gründerjahre

Die Kleingartenkolonie Bisdorfer Weide ist nicht zum Zwecke der Freizeitgestaltung gegründet worden. Es gab existenziellere Gründe. „Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten war die menschliche Ernährung mehr als mangelhaft“, zitiert der Vereinsvorsitzende des Kleingärtnervereins, Heinz Kenserski, aus der Vereinschronik. Die Stadt Stadthagen, der Landkreis und die alliierte Militärregierung sorgten dafür, dass landarme, hierbei insbesondere Vertriebene aus dem Osten, Land zur Aufbesserung der Nahrungssituation zur Verfügung bekamen. Dafür wurden 35 Morgen Land, das der Fürstlichen Hofkammer gehörte, beschlagnahmt und an Bewerber als Grabeland verteilt. Dazu gehörte nicht nur das Areal der späteren Kleingartenkolonie.
Im Juni 1946 wurde der Kleingärtnerverein gegründet; die Militärregierung hatte dagegen keine Bedenken. Fünf Jahre später verpachtete die Hofkammer dem Verein zwei Hektar Land, zunächst für die Dauer von zwölf Jahren. Die Bezeichnung des dreieckigen Flurstücks, das sich nördlich der Enzer Straße direkt entlang der Bahngleise der Rinteln-Stadthäger-Eisenbahn zieht, gab der Kolonie seinen Namen: Bisdorfer Weide. Im Nordwesten begrenzt der Krumme Bach die Kolonie. Zur Kolonie pachtete der Verein 1956 den Teil einer Wiese, etwa 6500 Quadratmeter, östlich der Gleise dazu. Eine weitere Vergrößerung wurde laut Kenserski von der Hofkammer abgelehnt.
Seit 1988 können die Kleingärtner sicher sein, dass ihre Parzellen und die Kolonie Bestand haben. Ein entsprechender Bebauungsplan, so Kenserksi, sei damals rechtsverbindlich geworden.

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Willkommener Ausgleich

Der Kleingartenverein zählt 68 Mitglieder. 57 von ihnen bewirtschaften jeweils eine Parzelle, so auch Vorstandsmitglied Ilona Hoppe. Die 58-Jährige ist noch nicht lange dabei, kannte die Kolonie aber durch ihren Sohn. Hoppe riskierte mit dem Pachten einer Parzelle quasi den Sprung ins kalte Wasser. Hoppe: „Ich hatte keine Ahnung vom Gärtnern.“ Sie probierte es einfach aus. Jetzt gedeihen auf dem Areal des Ehepaares Hoppe Kartoffeln und Erdbeeren, Kohlrabi, Paprika und vieles mehr. „Die schwere Arbeit übernimmt mein Mann“, räumt Ilona Hoppe ein. Im Sommer seien sie jeden Tag im Garten – nicht nur, weil graben, pflanzen und jäten anstehen. Obwohl sie nicht in einer lärmenden Großstadt, sondern in Stadthagen lebten, sei der Schrebergarten ein willkommener Ausgleich zum Alltag. Ilona Hoppe: „Wenn ich hier bin, sehe und höre ich nichts.“

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