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Mit dem Latein am Ende?

Thema des Tages Mit dem Latein am Ende?

„Carpe diem – nutze den Tag“: Diesen Satz lernen Generationen von Lateinschülern. Viele von ihnen quälen sich durch alte Texte. Warum? Weil sie das Latinum für ihr Studium brauchen – und danach nie wieder. Die Latinumspflicht für Lehramtsstudenten steht jetzt in Nordrhein-Westfalen auf dem Prüfstand. In Niedersachsen sind die strengen Zugangsregelungen für angehende Gymnasiallehrer längst aufgeweicht.

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In vielen Schulen wird nach wie vor Latein unterrichtet. Im Schuljahr 2012/2013 haben sich sogar mehr Schüler für Latein als zweite Fremdsprache entschieden, als noch vor zehn Jahren.

Quelle: dpa

Braucht man heute noch Latein? Nicht, wenn es nach dem Willen vieler Lehramtsstudenten in Nordrhein-Westfalen geht. Die angehenden Lehrer fordern, die strenge Latinumspflicht für das Lehramtsstudium in modernen Fremdsprachen abzuschaffen. Denn Fakt ist: Weder für Medizin noch für Jura müssen Abiturienten das Latinum als Hochschulzugangsvoraussetzung nachweisen. Für das Lehramtsstudium mit Fächern wie Englisch oder Französisch aber schon.

Anders sieht es in Niedersachsen aus. Dort müssen angehende Gymnasiallehrer weder für Englisch noch für Französisch oder Spanisch Lateinkenntnisse vorweisen. Für Religion, Geschichte und Philosophie sind die Vorgaben aufgeweicht. Statt des Latinums reicht in diesen Fächern der „Nachweis fachbezogener Kenntnisse alter oder neuer Sprachen, sofern sie für den Studienschwerpunkt relevant sind“, wie es in der Masterverordnung heißt.

Was an den Niedersächsischen Hochschulen schon längst Realität ist, soll auch im Nachbarland Nordrhein-Westfalen eingeführt werden. Dort steht die strenge Latinumspflicht auf dem Prüfstand. Derzeit wird über eine Reform der Lehramtszugangsverordnung (LVZ) diskutiert, die den Nachweis fremdsprachlicher Kenntnisse regelt. Das Ministerium für Schule und Weiterbildung schlägt vor, die bislang geforderte Latinumspflicht in einigen Lehramtsstudiengängen zu lockern und für moderne Fremdsprachen ganz abzuschaffen. Pläne, über die so mancher Altphilologe nur den Kopf schütteln kann.

Anhänger der alten Sprache kämpfen für den Erhalt des Status quo in Nordrhein-Westfalen. Nur, wer die Zusammenhänge kenne, sich mit den Wurzeln einer Sprache beschäftigt habe, könne sie auch ganz erfassen und an Schüler weitergeben.

Als Hemmnis in der Lehrerausbildung sehen dagegen immer mehr Reform-Anhänger die bislang geltenden Anforderungen. Denn manch angehender Lehrer, der die geforderten Zugangsvoraussetzungen nicht schon während der Schullaufbahn erworben hat, muss ein Latinum, ein Graecum oder sogar beides neben dem Studium nachholen. Und das sei, betonen die Initiatoren der Reformbewegung vom Allgemeinen Studierendenausschuss (ASTA) der Universität Bochum, im Rahmen der Regelstudienzeit kaum zu schaffen. Die Folge: Soziale Ungerechtigkeiten und Studienabbrüche, denn vor allem Bafög-Empfänger können sich Zusatzsemester, in denen keine Unterstützung mehr fließt, meist nicht leisten.

Diese Erfahrung hat auch Carolin gemacht. Die Mindenerin hat nach dem Abitur erst eine Ausbildung gemacht, bevor sie sich zu einem Lehramtsstudium mit den Fächern Deutsch und Latein an der Uni Münster entschloss. Nach neun Jahren Latein in der Schule sollte das geforderte Greacum auch noch zu schaffen sein, dachte sie. „Der Griechischunterricht war zeit- und arbeitsintensiver als meine drei Studienfächer Deutsch, Latein und Pädagogik zusammen.“

Die, deren Eltern es sich leisten konnten, fuhren zu einem teuren Schnellkurs nach Osnabrück, um sich möglichst schnell auf sein eigentliches Studium konzentrieren zu können. Viele andere blieben mit ihr auf der Strecke. „Die Zahl der Studienabbrecher in meinem Jahrgang war schon extrem hoch“, sagt die 26-Jährige. Auch sie hängte ihr Studium wegen des Graecums an den Nagel und arbeitet inzwischen wieder in ihrem Ausbildungsberuf.

Der Aufwand für den Nacherwerb der geforderten Kenntnisse stehe in keinem Verhältnis zum Nutzen, lautet auch die Argumentation der Lehramtsstudenten, die die aktuelle Diskussion mit einer Online-Petition in Gang gebracht haben. In NRW-Kultusministerin Sylvia Löhrmann finden sie Unterstützung. Die Grünen-Politikerin ist der Ansicht, Latein sei hilfreich, aber nicht nötig.

Von Kerstin Rickert und Katharina Grimpe

Latein ist „einfach spannend“

Die „tote Sprache“ Latein verliert an Bedeutung. Und mit ihnen die Lateinlehrer an den Schulen. So polemisierte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kürzlich über den Berufsstand: Lateinlehrer würden geplagt sein vom aufsteigenden Bewusstsein, dass sie statt dieser im Alltag weitgehend nutzlosen Sprache ebenso „Hirschpaarungslaute oder Klingonisch“ unterrichten könnten.

Unter allen unzeitgemäßen Personen – wie etwa die Zirkusclowns – seien sie die unzeitgemäßesten: „professionelle Vertreter institutionalisierter Nutzlosigkeit“.
Harter Tobak? Nicht für Ralf Kirstan, Lateinlehrer am Rintelner Ernestinum. Der 40-Jährige kann durchaus über den „FAZ“-Beitrag lachen und kennt Anwürfe gegen die Sprache nur allzu gut. Und ist vom Wert der alten Sprache überzeugt.

Ja, Latein werde selten außerhalb von kirchlichen Kreisen gesprochen, ja, es gäbe Übersetzungen aller bedeutenden lateinischen Schriften, und ja, auch an den Universitäten käme man inzwischen weitgehend ohne das Kleine oder Große Latinum aus.

Allerdings gehe es beim Lateinischen eigentlich gar nicht um einen Fremdsprachenerwerb wie in den anderen schulisch gelehrten Sprachen. „Latein ist eine Art Meta-Sprache“, sagt Kirstan. „Es handelt sich dabei um ein streng logisches und zugleich ausgesprochen harmonisches System, seine Gedanken auszudrücken. Aus dem Lateinischen zu übersetzen bedeutet, das lineare Lesen und Nach-Denken zu verlassen, um eine komplexe Struktur zu analysieren. Es ist eine Schulung im abstrakten, analysierendem Denken.“

Zudem sei es einfach spannend, schwärmt der Lehrer, nach und nach zu begreifen, wie sich Sprachen entwickeln, aus welchen historischen Gründen heraus sich das Lateinische als eine nahezu unveränderliche Schriftsprache etablierte, während parallel dazu die lebendigen romanischen Umgangs-Sprachen entstanden, die gleichwohl untrennbar mit dem Lateinischen verbunden blieben. cok

  

Latein

  • Latein ist eine indogermanische Sprache, die von den Bewohnern des Latiums mit Rom als Zentrum gesprochen wurde. Sie war Amtssprache des Römischen Reichs und dominierte den westlichen Mittelmeerraum als Verkehrssprache. Aus dem gesprochenen Latein entwickelten sich die romanischen Sprachen. Auch die germanischen Sprachen stehen in enger Beziehung zum Lateinischen. So lässt sich mehr als die Hälfte des englischen Wortschatzes auf das Lateinische zurückführen.
  •  Etwa 740 000 Schüler (8,7 Prozent) lernten bundesweit im Schuljahr 2012/2013 Latein. Das sind mehr als zehn Jahre zuvor: 6,7 Prozent im Schuljahr 2002/2003. In NRW lag der entsprechende Anteil 2012/13 mit 10,5 Prozent besonders hoch. Lediglich in Bayern und Schleswig-Holstein lag er mit 11,4 beziehungsweise 11,1 Prozent noch höher.
  • In Schaumburg wird Latein an den Gymnasien in Stadthagen, Bad Nenndorf, Rinteln und Bückeburg unterrichtet.
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