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Mystische Orte

Schaumburg und das Weserbergland Mystische Orte

Schon der Titel weckt Neugier: „Geheime Orte im Weserbergland“. Gibt es die wirklich noch? „Geheim“, sagt Wolfgang Braun, der Autor des 143-Seiten-Bändchens, „das hängt mit der Entstehung der Reihe zusammen“. Die sei seinerzeit eigentlich nur für Orte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR konzipiert worden.

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Mutet mystisch an: Warum steht im Park des Schlosses Hämelschenburg eine Pyramide?

Quelle: wal

Thema des Tages. „Das waren wirklich geheim gehaltene, unzugängliche und verbotene Orte.“ Später habe der Berliner Verlag auch Westdeutschland mit einbezogen. „Da sind die Orte dann freilich von anderer Qualität, weniger geheim, aber auch Einheimischen eher unbekannt.“

Akribisch hat der gelernte Journalist aus Marienmünster „geheime“ Orte zwischen Bramwald und Solling, Vogler, Ith, dem Pyrmonter und Hamelner Land bis zum Deister, Süntel und heimischen Bückeberg zusammengetragen. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis macht klar, dass Spektakuläres im Vordergrund steht. „Wilde Gesellen überfielen Schiffe auf der Oberweser“ heißt es da, worunter sich ein Text über die Bramburg bei Hannoversch Münden verbirgt. Der optische Telegraf und seine Station Nr. 28 auf dem Burgberg bei Bevern sind ebenso Thema wie der Bau von „Wunderwaffen“ durch KZ-Arbeiter im Lager Lenne bei Eschershausen. In gut lesbaren, umgangssprachlichen Texten stellt Braun die jeweiligen „geheimen Orte“ vor, gibt Einblick in deren Geschichte und bietet im Anschluss an jedes Kapitel einen kleinen „Steckbrief“ mit Kurzfassung, Anreise- und touristischen Zusatzinformationen.
Eindrucksvoll ist Brauns Darstellung des „Sklavengrabes von Ottenstein“, das auch heute noch ein Hauch von Geheimnis umweht. Braun ist sich sicher: Kein Weserbergland-Tourist würde ohne fremde Hilfe auch nur erahnen, dass sich auf dem kleinen Friedhof der Wüstung Hattensen auf der Ottensteiner Hochfläche zwischen Bodenwerder und Bad Pyrmont ein prächtiges Grab mit einer überaus interessanten Vorgeschichte verbirgt.

„Hier ruht nämlich Antonio Congo, der Sohn eines afrikanischen Häuptlings, der als Achtjähriger geraubt und als Sklave nach Brasilien verkauft wurde. Dort hat ihm dann ein Hamburger Kaufmann die Freiheit geschenkt, ihn adoptiert und mit nach Deutschland genommen.“ Offenbar auf der Suche nach seinem Peiniger und auf Wanderschaft als Tischlergeselle sei der Afrikaner 1843 in Ottenstein gestorben und vermutlich auf Kosten seines Adoptiv-Vaters prächtig bestattet worden. „Vieles finde ich durch Befragen von Einheimischen raus, aber auch Zufallsfunde sind dabei“, erklärt Braun. So habe er die Pyramide am Mausoleum im Schlosspark von Hämelschenburg „zufällig“ entdeckt.

Erinnerung an einen Verbrecher

Ob nun der Wasserbaum von Ockensen oder die Pottland-Keramik, kein Ort, kein Thema war für Braun so schwer zu finden wie das ehemalige Horst-Wessel-Denkmal auf dem Süntel. „Das habe ich erst mit Hilfe des Historikers Bernhard Gel-derblom und eines Zeitzeugen finden können.“ US-Soldaten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg das riesige Hakenkreuz auf der 12 Meter hohen Säule gesprengt, das an den 1930 gestorbenen SA-Mann Horst Wessel erinnern sollte. Das nach ihm benannte Horst-Wessel-Lied „Die Fahnen hoch …“ war seinerzeit im Dritten Reich als zweite Nationalhymne dem Deutschlandlied gleichgestellt. „Erinnerung an einen Verbrecher“, sagt Wolfgang Braun nachdenklich.

Ob „geheim“, „unbekannt“, „vergessen“ – ein Ausflug zu den von Wolfgang Braun in seinen „17 Geheimtouren“ vorgestellten Orten im Weserbergland lohnt allemal. Was auch für den Reiseführer „Schaumburger Land“ von Ute Brüdermann gilt. Ihr 270 Seiten starkes, reich bebildertes Buch hat freilich einen völlig anderen Zuschnitt als Brauns „Geheime Orte“. Das von Sigmund Graf Adelmann und der Schaumburger Landschaft herausgegebene Buch versteht sich als „kleine Geschichte des Schaumburger Landes“. Eine viel zu bescheidene Selbsteinschätzung, denn herausgekommen ist ein exzellentes Stück niedersächsischer Landesgeschichte. Auf Touristisches mit schnellem Verfallsdatum wird weitgehend verzichtet. Im Vordergrund steht eine kenntnisreich und sorgfältig recherchierte und fast wissenschaftlichen Anforderungen genügende Darstellung von Geschichte, Kunst und Kultur des Schaumburger Landes.

Blick auf die dörfliche Kultur

Ute Brüdermanns Buch knüpft an den zur Expo im Jahr 2000 herausgegebenen, mittlerweile vergriffenen Kulturführer „Kulturpfad Schaumburg“ an. Brüdermanns Darstellung umfasst Kirchen und Klöster ebenso wie Burgen, Schlösser und Herrenhäuser mit ihren Parks und Gärten. Aber sie wirft dankenswerterweise auch einen Blick auf die dörfliche Kultur sowie Denkmale aus Industrie und Technik. So ist eine Kulturgeschichte des Schaumburger Landes entstanden, die von Steinhude und der Seeprovinz über Bückeburg, Bad Eilsen und das Auetal bis hinüber nach Großenwieden, Hessisch Oldendorf und Fischbeck reicht. Was Brüdermann neben ihrer Darstellung, die durchaus Handbuchcharakter und das Zeug zum Standardwerk hat, besonders gut gelingt, ist die ausgewogene, stets sehr funktionale Balance zwischen Wort- und Skizzen- und Bildteil. Immerhin hat die Erarbeitung des Buches gut drei Jahre gedauert und ist alles andere als ein journalistischer Schnellschuss geworden.

Auch die Autorin hat bei ihren Streifzügen Neues erfahren. „Die Nikolai-Kirche in Hagenburg war für mich da ein Schlüsselerlebnis: Diese Kirche von Conrad Wilhelm Hase, einem Hauptvertreter der Neogotik im 19. Jahrhundert, hat mich so angesprochen, dass sich meine Einstellung umgehend gewandelt und der Blick geweitet hat.“ Die 1970 in Stade geborene Autorin, die historische Musikwissenschaft, Germanistik und Informatik studiert hat, ist mit Unterstützung der Schaumburger Landschaft ein rundum außergewöhnliches Buch gelungen. wal

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