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Junge Landwirte im Gespräch Nachfolger

Sie sehen ihre Arbeit als großes Privileg, fühlen sich Umwelt, Tieren und Verbrauchern verpflichtet. Und sie hoffen, auch in Zukunft verantwortungsvoll wirtschaften zu können. Drei junge Landwirte aus Schaumburg diskutieren im SN-Gespräch über das Image der konventionellen Landwirtschaft, über politische Vorgaben und Hoffnungen für ihre berufliche Zukunft.

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Quelle: rg

Thema des Tages. Christoph Tecklenburg baut seine Zukunft auf knapp 90 Milchkühe, fast ebenso viele Kälber und 1150 Hektar Ackerland. Seit mehreren Generationen ist der Hof in Luhden in Familienbesitz, seit fünf Jahren führt der 29-Jährige den Betrieb gemeinsam mit seinen Eltern. Irgendwann will er auf eigenen Füßen stehen. Wie sieht die Zukunft junger Landwirte aus? Lohnt sich Landwirtschaft in Schaumburg überhaupt noch?

„Es lohnt sich auf jeden Fall“, betont Tecklenburg und ist sich darin mit seinen Berufskollegen Henrik Brunkhorst und Johann-Helge Sahlfeld einig. Die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können, sein eigener Chef zu sein, auf dem eigenen Hof Verantwortung zu übernehmen, sehen die drei Männer als großes Privileg. Und trotzdem: Die Situation für Junglandwirte wird zunehmend schwieriger. Als Grund nennen sie die große Unsicherheit durch immer neue politische Auflagen. Und die Tatsache, dass viele Verbraucher nicht bereit sind, für die qualitativ hochwertigen Lebensmittel einen angemessenen Preis zu zahlen.

200 Hektar Rüben und Weizen

Henrik Brunkhorst , 24 Jahre alt, ist ausgebildeter Landwirt und studiert derzeit Landwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Nach seinem Bachelor-Abschluss im Sommer plant er, in den Betrieb seiner Eltern in Schöttlingen einzusteigen. Familie Brunkhorst baut auf 200 Hektar vor allem Rüben und Weizen an.

„Wir müssen mit einer sehr hohen politischen Unsicherheit zurechtkommen“, erklärt Brunkhorst, der in Schöttlingen auf 200 Hektar vor allem Rüben und Weizen anbaut. Auf EU- und Bundesebene würden immer neue Auflagen in kürzester Zeit den Markt durcheinander bringen und dazu führen, dass nichts in der Landwirtschaft mehr planbar sei. „Manche Auflagen sollen in Windeseile umgesetzt werden, einigen Politikern ist einfach nicht bewusst, was wir für Vorlaufzeit haben“, sagt Tecklenburg. Wenn dann nach zwei Jahren wieder „alles umgekrempelt werden soll“, sei das Chaos vorprogrammiert.

Als große Herausforderung für die Zukunft sehen die Junglandwirte aber nicht nur politische, sondern gerade auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen. „Die Preise für unsere Produkte schwanken stark, gleichzeitig steigen die Produktionskosten“, erklärt Sahlfeld, dessen Eltern in Apelern und im Auetal Ackerbau betreiben. „Das ist ein Problem, das immer enger werden wird.“

Er wünscht sich ein Umdenken in der Gesellschaft: Lebensmitteln wieder mehr Wertschätzung entgegenzubringen. „Die Verbraucher sagen, sie wollen hochwertige Lebensmittel, entscheiden sich im Supermarkt aber immer für Billigprodukte“, ergänzt Tecklenburg und betont: „Als Landwirte sind wir aber darauf angewiesen, dass unsere Produkte gekauft werden.“
Die Konsequenz: Der Verbraucher habe in der Hand, was und unter welchen Bedingungen produziert wird.

Im Betrieb der Eltern

Christoph Tecklenburg , 29 Jahre alt, ist nach seiner Ausbildung an der Fachschule Hannover und einem Auslandsaufenthalt in Neuseeland in den Betrieb seiner Eltern eingestiegen. Gemeinsam kümmern sie sich auf ihrem Hof in Luhden um 90 Milchkühe und 150 Hektar Ackerfläche.

„Wie sollen wir einen neuen großen Stall finanzieren, in dem die Tiere mehr Platz haben, wenn die Menschen nicht bereit sind, mehr Geld für Milch oder Fleisch zu zahlen“, fragt der 29-jährige Tierhalter. Der erzielte Preis und der Wert landwirtschaftlicher Produkte würden in keinem Verhältnis mehr zueinander stehen. „Das ist einfach ein Unding“, ärgert sich Tecklenburg auch über die offensive Kritik an der konventionellen Landwirtschaft, die Verbraucher derzeit massiv äußern.

Viele Menschen hätten ein schlechtes Bild von Landwirten und Produktionsbedingungen, sagt Brunkhorst. Grund sei oft mangelndes Basiswissen über Tierhaltung und Ackerbau. „Der Großteil der Menschen lebt in der Stadt, ganz entfremdet von der Landwirtschaft“, erklärt der 24-Jährige. Aber auch die Landbevölkerung habe keine genaue Vorstellung davon, wie die Arbeit auf den Höfen vonstattengeht. Denken die Verbraucher an Landwirtschaft, hätten sie oftmals das Bild der ländlichen Idylle eines Kleinbetriebes von vor 100 Jahren vor Augen.

Mit moderner Landwirtschaft habe das nichts mehr zu tun, egal ob ökologisch oder konventionell gewirtschaftet werde, sagt Brunkhorst. Die Medien würden dann ihren Teil zum Negativimage der Landwirtschaft beitragen, wenn sie oft verallgemeinert und dramatisierend über multiresistente Keime oder durch Dünger und Gülle belastetes Trinkwasser berichten.

Brunkhorst ärgert sich über derlei einseitige Berichterstattung und verweist in Sachen multiresistente Keime auf die Niederlande. Dort gebe es weit größere Mastanlagen mit einer höheren Antibiotikagabe. Gleichzeitig seien weitaus weniger Menschen mit dem MRSA-Keim infiziert. „Die Krankenhäuser haben eine besondere MRSA-Strategie und ein viel besseres Hygienemanagement“, erklärt der 24-Jährige.

Dass Deutschland ein Problem mit den Keimen habe, liegt für ihn also weniger an der Tierhaltung, als an der Hygiene in Krankenhäusern und Altenheimen.

Selbstverständlich müssten Landwirte generell darüber nachdenken, die Antibiotikagabe in Tierställen zu reduzieren, räumt Tecklenburg ein. Das Bild, das in den Medien propagiert wird, will er aber trotzdem korrigieren: „Wer den Fernseher einschaltet, muss ja denken, dass wir die Tiere mit Antibiotika statt mit Futter ernähren.“

Landwirte, die viel zu viele Tiere in viel zu kleinen Ställen einpferchen und mit Medikamenten vollpumpen: Brunkhorst, Sahlfeld und Tecklenburg wollen aufräumen mit dem schlechten Image ihres Berufsstandes. Jeder Landwirt habe das Ziel, dass es seinen Tieren so gut wie irgendmöglich geht, dass sie artgerecht und gesund gehalten werden. „Sie bekommen die frischeste Luft, das beste Futter und sauberste Wasser“, betont Sahlfeld.

Um die offensive Kritik an der konventionellen Landwirtschaft zu entkräften, setzen die Junglandwirte auf Transparenz und den Dialog mit den Verbrauchern. „In der Vergangenheit haben wir Landwirte die Chance nicht ergriffen, unsere Ställe zu öffnen und zu zeigen, dass dort nichts Verbotenes gemacht wird“, sagt Brunkhorst. Genau das wollen die Hofnachfolger verändern. „Wir wollen uns öffnen und die Arbeit transparenter gestalten.“ Es sei schließlich kein Geheimnis, was in den Ställen und auf den Äckern passiert.

Für Brunkhorst, Sahlfeld und Tecklenburg steht fest: Die in Deutschland produzierten Lebensmittel sind „die hochwertigsten, die es gibt.“ Auflagen und Kontrollen für Landwirte dürften aber nicht dazu führen, dass „die Produktion irgendwann unmöglich ist“, erklärt Brunkhorst und fordert: „Die Landwirtschaft darf nicht totreguliert werden. kcg

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