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Nachtschwärmer

Thema des Tages Nachtschwärmer

Sie kurven an frühherbstlichen Abenden mitunter durchs Zimmer, vollführen waghalsig erscheinende Flugmanöver
vor Balkon und Terrasse oder kollidieren auch mal mit Zweibeinern in der Dämmerung. Fledermäuse sind den Menschen
meist nicht geheuer. Dabei leben sie oft unerkannt als Untermieter in Mauerritzen, winzigen Dachöffnungen oder
unter Holzverkleidungen. Und sie gelten als wichtige Indikatoren für eine intakte Umwelt. Eine Spurensuche.

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Karsten Passior steht den nächtlichen Flugkünstlern zuliebe früh auf. Oft ist er in den Sommermonaten schon morgens um 3 Uhr unterwegs. Denn wenn die Menschen aufstehen, ist für Fledermäuse Feierabend. Die ganze Nacht haben sie Nahrung gesucht: Mücken, Falter, Forst- und Obstschädlinge oder sogar kapitale Maikäfer gefangen und gleich im Flug verspeist. Bei Sonnenaufgang suchen sie ihre Quartiere auf.
Lange nahmen die Experten an, die geflügelten Tiere nur in morschen Bäumen oder alten Gemäuern zu finden. Doch heute wissen sie es besser: Zum größten Teil leben sie gruppenweise in neuzeitlichen Gebäuden, die Wärme und zugluftfreien Schutz bieten. Passior kennt die kuriosesten Behausungen: „In einem Neubau in Bad Münder-Nienstedt waren die Fledermäuse eher da als dessen Bewohner“, sagt der 49-Jährige. Die Tierliebe der Hausbesitzer sorgte dafür, dass die Rollläden bis heute nicht bewegt worden sind, weil sich in deren Kästen die kleinen Untermieter wohlfühlen.
Seit fast 30 Jahren ist Passior als ehrenamtlicher Regionalbetreuer für die Landkreise Schaumburg, Hildesheim und die südliche Region Hannover unterwegs. Oft erreichen ihn Anrufe mit Hinweisen auf Beobachtungen oder Totfunde. Mitunter aber macht sich der gelernte Elektrotechniker auch selbst auf den Weg, um mögliche „weiße Flecken“ des Fledermausvorkommens in seinem Gebiet zu erkunden.
Über die Kröten in seinem ursprünglichen Heimatort Nienstedt ist er zu den Fledermäusen gekommen: Bei den abendlichen Kontrollen der Frühjahrswanderung der Amphibien fiel sein Blick zufällig in den Lichtkegel einer Straßenlaterne. Die dort den Insekten nachjagenden Fledermäuse weckten seine Neugier. „Da war es um mich geschehen.“
Heute kann er die oft nur in Details wie Fingerknochen, Hautfalten oder Gebisshöckern zu unterscheidenden Fledermäuse exakt bestimmen. 25 unterschiedliche Arten gibt es bundesweit. 18 sind in Niedersachsen nachgewiesen und 16 davon hat Passior bereits rund um den Deister entdeckt. Trotzdem warnt er davor, dort an eine „heile Welt“ zu glauben. Alle Fledermäuse gelten als bedroht, einige stehen sogar unter sehr strengem Artenschutz. Gerade die immer weiter von Hecken und Bäumen ausgeräumte Landschaft zugunsten eines weiter technisierten Ackerbaus hat zum Beispiel die Kleine Hufeisennase um ihren wichtigsten Lebensraum gebracht.
Allerdings glaubt Passior, dass gerade in Siedlungen der Fledermausbesatz noch sehr hoch ist: „Ich habe vielleicht erst ein Viertel Promille aller Quartiere entdeckt“, glaubt er – auch weil es oft der Zufall ist, der ihm einen eindeutigen Nachweis beschert.
Wie kommt nun der Experte auf die Spur der fliegenden Säugetiere? Es sind eigene Beobachtungen in der Abend- oder Morgendämmerung und der Einsatz von Detektoren, die die von Fledermäusen ausgestoßenen Schallwellen für das menschliche Ohr hörbar machen. Je nach Frequenzbereich kann Karsten Passior dabei zumeist die Art bestimmen. Doch die nächtlichen Flieger sind wählerisch: Der Aufenthaltsort muss nicht unbedingt dem des Vorabends entsprechen.
In der Regel aber bevölkern ganze Schwärme in einer bestimmten Hierarchie drei verschiedene Quartiere. Der größte Besatz fand sich im Schloss Hehlen an der Weser mit 1800 Tieren. In der „Wochenstube“ gebären sie im Frühjahr ihre Jungen und ziehen sie auf. Im Sommer suchen sie einen anderen Unterschlupf, um im Herbst eine Behausung für die Winterruhe zu finden. Doch so ganz wörtlich ist das nicht zu nehmen, weiß Passior: Selbst im Winter wechseln die Tiere gelegentlich ihre Position.
Für diese Ortswechsel nehmen Fledermäuse mitunter lange Distanzen in Kauf. Eine in einem ehemaligen Kohlestollen im Deister entdeckte Teichfledermaus trug einen Ring, der vor fünf Jahren im 300 Kilometer entfernten Kiel angelegt worden war. Und das ist kein Einzelfall: Ein zweites Tier war vor elf Jahren bei Wismar registriert worden. Für den Nordstemmer ist damit der Beweis erbracht, dass gerade der Deister als nördlichstes Mittelgebirge für den Besatz in der norddeutschen Tiefebene eine besondere Funktion ausübt.
Fledermäuse können ein Alter von mehr 40 Jahren erreichen, sofern sie nicht durch menschliche Einwirkung in ihrem Lebensraum eingeschränkt werden. Passior weiß von plötzlich verschlossenen Schlupflöchern im Mauerwerk und zwischen Dachziegeln. Die eingeschlossenen Tiere gehen jämmerlich zugrunde. Auch von Windkraftanlagen gehen Gefahren aus, weil die sich drehenden Flügel die Tiere erschlagen können. Und Nachwuchs gibt es nicht beliebig. Jährlich wird nur ein Junges zur Welt gebracht.
Während in Siedlungsbereichen der Fledermausnachweis leichter zu führen ist, gibt es in Waldgebieten eine sehr hohe Dunkelziffer. „Der Besatz ist schwer erfassbar“, bilanziert Passior seine bisherigen Forschungen.
Anderswo erleichtern technische Neuentwicklungen die Spurensuche. Schon gibt es Detektoren mit Aufzeichnungsfunktion und Mikrofonen, die sich an einem Fahrzeug befestigen lassen. So konnte bei der abendlichen Fahrt über stille Landstraßen etlicher Flugbetrieb nachgewiesen werden.
Trotz Beruf und Familie, wobei allerdings Gattin Anja Hilfestellung leistet, investiert Karsten Passior eine Menge Zeit in Datenerfassung, Meldungen an den zuständigen niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und vor allem in Erkundungen. Regelmäßig sucht er alte Stollen im Deister und im Leinebergland auf, um dort Winterquartiere zu kartieren.
Im Sommer gibt er sein Wissen gern weiter, unter anderem bei Ferienaktionen in seinem ganzen Zuständigkeitsgebiet zwischen Steinhuder Meer und Harz. Dann lernen Kinder in Wort und Bild etwas über Lebensgewohnheiten und Bedeutung der nächtlichen Jäger. Und oft staunen sie über die Vielfalt dessen, was da durch die Luft schwebt – vom tropischen Flughund mit 1,80 Meter Spannweite bis hin zur Hummelfledermaus, die als kleinstes Säugetier der Welt gerade einmal 13 Zentimeter bei ausgebreiteten Flügeln misst. „Ohne Fledermäuse gäbe es keine Banane, keine Schokolade und auch keine sichere Seefahrt“, verweist Passior dann stets auf die Bedeutung der Tiere im Naturkreislauf sowie deren Fähigkeiten, die sich der Mensch nach der Titanic-Tragödie durch die Erfindung des Echolots zunutze gemacht hat.
Manchmal erlebt der Fachmann aber auch noch eine Sternstunde. Als ihn kürzlich ein Fernsehteam in einem stillgelegten Bergwerk begleitete und die Kamera zufällig ein aufflatterndes Tier dokumentierte, wollte Passior bei der Betrachtung des Mitschnitts kaum seinen Augen trauen: Es könnte sich tatsächlich um eine Nymphenfledermaus handeln, die hier zu Lande in Winterquartieren noch nicht nachgewiesen wurde.

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+++Info+++

Im Netz

Das Internet bietet Laien mit Interesse an Fledermäusen enorme Hilfen. Unter www.naturgucker.de sind etliche Bilder und Wissenswertes zu finden. Unter www.androidpit.de spielt die BatLib-App Ultraschallrufe der meisten europäischen Fledermäuse ab. Einen guten Überblick vermittelt der Naturschutzbund (Nabu) Deutschland auf www.nabu.de. Wer zu Fledermausveranstaltungen kommen möchte, findet Terminkalender bei www.nabu.de und www.all-about-bats.net. Für Hinweise zu Fledermausvorkommen oder Totfunden ist Karsten Passior unter der Rufnummer (05069) 80 60 999 erreichbar. 

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+++Info+++

Die Mär von den Vampiren

Jahrhundertelang sind Fledermäuse regelrecht verteufelt worden. Blutrünstige Vampire sollen sie sein – und müssen dafür sogar heute noch als Symbol für „Halloween“ herhalten. Karsten Passior weiß, wie diese Mär zustande gekommen ist. Schließlich mussten die Menschen, als es noch keine komfortablen Badezimmer gab, abends und nachts auf dem Abort am Misthaufen im Hof ihr Bedürfnis erledigen: „Da waren eben die Fledermäuse im Tiefflug auf Insektenjagd und verfingen sich im Haar oder am Hals.“ Was den Leuten unheimlich erschien, erklärt sich durch die Flugkunst der Tiere: Mit dem Maul stoßen sie zwar ihre Hochfrequenz-Schallwellen aus. Doch dies ist „bei vollem Mund“ eben nicht möglich: Haben sie ein frisch gefangenes Insekt zwischen den Zähnen, müssen sie zwangsläufig nach dem Gedächtnis fliegen. Da kann es dann schon einmal zum Zusammenstoß mit einem Zweibeiner kommen.
Hartnäckig hält sich auch die Warnung, dass Fledermäuse Tollwut übertragen können. Dabei handelt es sich aber, so Passior, um die der Art eigene Krankheit und nicht die der lebensbedrohenden Seuche von Fuchs oder anderen Wildtieren. Er selbst habe nur einen einzigen Tollwutbefall in 25 Jahren nachgewiesen bekommen. Obwohl er sich im vergangenen Jahr erstmalig impfen ließ, schätzt er das Infektionsrisiko auch weiterhin als sehr gering ein.
Übrigens sind Fledermäuse weitaus länger Erdenbürger als der Mensch. In der Darmstädter Grube Messel fand sich ein 60 Millionen Jahre altes Skelett samt den Resten eines Jungtiers. 

Von Bernd Althammer

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