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Nachwuchs gesucht!

Jugendliche in Vereinen Nachwuchs gesucht!

Viele Vereine in Schaumburg haben mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen, da sich scheinbar immer weniger Jugendliche für eine ehrenamtliche
Tätigkeit, Sport oder Musik begeistern können. Doch geht die Gleichung wirklich so einfach auf? Oder sind die Ursachen für die prekäre Situation einiger Vereine vielfältiger?

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Von Jan Schaumburg

Die Jugendlichen von heute haben es nicht leicht. Faul sind sie, glotzen ständig auf ihr Handy und denken nur an sich. So oder so ähnlich lauten zumindest die gängigen Vorurteile. Da wäre es doch ein Leichtes, die junge Generation für eine Problematik verantwortlich zu machen, die viele Vereine im Landkreis betrifft: den Nachwuchsmangel.
Egal, ob Chor, Hausfrauenverein oder Sozialverband, es fehlt fast überall an Neumitgliedern, um das Vereinsleben auf lange Sicht aufrechterhalten zu können. Die Sportvereine können sich diesem Trend zwar noch erwehren, allerdings scheinen sich auch dort erste Tendenzen bemerkbar zu machen. Aber ist wirklich nur das reine Desinteresse der Jugendlichen dafür verantwortlich? Oder sind die Vereine in der Pflicht, ihr Angebot jugendgerechter zu gestalten, um auch in Zukunft überleben zu können?
Laut einer auf 15 Jahre angelegten Studienreihe zum Medienumgang von Zwölf- bis 19-Jährigen des Medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest hat sich in Sachen Vereinszugehörigkeit von Jugendlichen überraschenderweise wenig verändert. Demnach waren im Jahr 1998 61 Prozent der befragten Jugendlichen in Deutschland Mitglieder in einem Sportklub, im Jahr 2013 sind es sogar 64 Prozent gewesen. Im Musikverein beziehungsweise Chor engagierten sich 1998 20 Prozent der Befragten, 15 Jahre später ist die Zahl um nur zwei Prozentpunkte auf 18 Prozent gefallen. Vom Anteil her betrachtet, hat sich also in Sachen Vereinszugehörigkeit nicht viel getan – aber warum stecken dann einige Vereine in einer prekären Situation?
„Man muss sich vor Augen führen, dass es immer weniger Jugendliche gibt“, sagt Kreisjugendpfleger Andreas Woitke und spricht damit ein zentrales Problem der Nachwuchsgewinnung von Vereinen an. Ein Blick auf die Geburtenstatistik in Deutschland untermauert Woitkes Aussage. 1991 wurden 830 019 Neugeborene gezählt, 1998 waren es 785 034 und 2011 nur noch 662 685. Es liegt deswegen auf der Hand, dass immer mehr Angebote um immer weniger Jugendliche konkurrieren.
Dazu zählen mittlerweile nicht nur Vereine und Institutionen – mit der Einkehr von PC und Internet in die Kinderzimmer sind völlig neue Möglichkeiten der Beschäftigung und des sozialen Miteinanders entstanden. Nach der Studienreihe des Medienpädagogischen Dienstes hat sich die Anzahl der Jugendlichen, die eine feste Spielkonsole ihr Eigen nennen, verdoppelt (23 Prozent im Jahr 1998 zu 46 Prozent im Jahr 2013). Das macht die Situation für Vereine nicht gerade einfacher – und die Tendenz zeigt klar noch oben. Im Gegensatz dazu kann sich die Anzahl der Jugendlichen, die täglich das Internet nutzen, kaum noch steigern. Fünf Prozent waren es im Jahr 1998, 15 Jahre später sind es überwältigende 89 Prozent, meist für die Nutzung sozialer Netzwerke. „Das schafft ein völlig neues soziales Miteinander“, sagt Woitke. „Der Begriff Freundschaft ist heute völlig anders definiert.“
Interessengemeinschaften zu finden, sei heute weit einfacher, als noch in der Prä-Internet-Zeit, als vor allem Vereine und Institutionen Gelegenheit boten, Gleichgesinnte zu finden. „Viele, die heute bei den Vereinen im Vorstand sitzen, kommen noch aus geburtenstarken Jahrgängen und sind unter ganz anderen Voraussetzungen groß geworden“, so Woitke weiter.
Besonders eklatant wird das beim Sozialverband Deutschland (SoVD) sichtbar, wo die meisten Personen in den Führungsetagen der Ortsverbände im Landkreis nach Angaben des Kreisvorsitzenden Wilfried Lange das 60. Lebensjahr bereits überschritten haben. „Wir haben es verpasst, rechtzeitig die Weichen für die Zukunft zu stellen“, gibt Lange zu. Nun steht der SoVD vor der Aufgabe, in den kommenden vier Jahren 20 Vorstände umzugestalten. Sonst wird es viele Ortsverbände bald nicht mehr geben. „Wir dürfen es uns aber nicht erlauben, wie eine Samtgemeinde zu funktionieren, da sonst die Arbeit an der Basis verloren geht“, sagt Lange. Man bastle gerade an einem Konzept, welches erlaube, die Vereinsarbeit besser in das alltägliche Leben junger Menschen einzubetten. Der Weg dorthin scheint aber steinig zu werden: „Die Solidarität ist heute eine andere. Früher haben die Leute weniger auf die Uhr geschaut“, sagt Lange. Die Prämisse Freizeit spiele eine wesentlich größere Rolle als noch vor 30 Jahren.
„Die Lebenswelten und Realitäten von Jugendlichen verändern sich“, bestätigt auch Kreisjugendpfleger Woitke. „Jugendliche beschäftigen sich gezielter“, meint er. Das müssen sie auch, denn durch Ganztagsschulen sei die „wirkliche Freizeit“ von Jugendlichen stark beschnitten. Das merken auch die Sportvereine, wo nach Angaben des Kreissportbundvorsitzenden Dieter Fischer die Tendenz bestehe, dass die Mitgliederzahlen abnehmen – von Chören oder Hausfrauenvereinen ganz zu schweigen.
Doch was können Vereine tun, um sich gegen PC, Internet, verändertes Freizeitbewusstsein und demografischen Wandel zu behaupten? „Eine wichtige Maßnahme wäre es, die Jugendlichen in die Gestaltung mit einzubeziehen und die Partizipation zu fördern“, sagt Woitke. So geplant beim Sozialverband. Dort könnten bald junge Menschen mit mehr Befugnissen ausgestattet werden: In bestimmten Ortsverbänden könne sich Vorsitzender Lange „Trainee-Vorstände“ vorstellen, wo junge Leute autonom und experimentell arbeiten können. Und zwar so, wie sie es für richtig halten. Durch moderne Techniken sei dahin gehend viel möglich, sagt Lange, da die „Kommunikation nicht mehr an einen festen Ort gebunden ist“.
„Wichtig ist es außerdem, die Jugendlichen anzusprechen, was sie eigentlich wollen und sie entsprechend in die Planung einzubeziehen“, rät Kreisjugendpfleger Woitke. So geschehen beim Chor in Lindhorst, der den Jugendchor „Rhythm & Joy“ unterhält, wo junge Menschen gezielt angesprochen werden und auch die Möglichkeit haben, beim Liedgut mitzubestimmen.
Gerade Sportvereine können außerdem den Weg der Kooperation gehen. „Die Vereine müssen über ihren Tellerrand hinaus schauen und das Angebot erweitern“, sagt der Kreissportbund-Chef Fischer. So seien beispielsweise Spielgemeinschaften benachbarter Mannschaften eine Möglichkeit. „Außerdem können Vereine auch an die Schulen herantreten und etwa spezielle AGs anbieten“, empfiehlt Kreisjugendpfleger Woitke. Das beschränke sich aber nicht nur auf Sportvereine. Andere Institutionen wie die Landfrauen kochen beispielsweise mit Schülern. Mit solchen Projekten könne das Problem der geringen Freizeit durch Ganztagsschulen umgangen werden und junge Menschen auf unterschiedlichste Arten angesprochen werden.
Das gelingt unter anderem beim TSV Liekwegen, deren Vorsitzender Andreas Baar bei der vergangenen Hauptversammlung steigende Mitgliederzahlen verkünden konnte. Dort ist etwa das Betreuungsangebot für Kinder „Fitte Ferienkids“ bereits zum zweiten Mal infolge innerhalb kürzester Zeit ausgebucht gewesen. „Wir sind in der glücklichen Lage ein breites Programm und viele Sparten anbieten zu können, da wir viele Leute in der Organisation haben und recht familiär strukturiert sind“, sagt Baar.
Um diesen Zusammenhalt auch in anderen Vereinen zwischen Jugendlichen zu entwickeln, könnten Sportvereine laut Kreisjugendpfleger Woitke beispielsweise an Jugendzentren herantreten, um dort ungezwungene Zusammenkünfte ihrer Mitglieder zu organisieren und so den geselligen Aspekt zu verstärken.
Vereine, die aktuell mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben, können also auf ein vielfältiges Repertoire an Möglichkeiten zurückgreifen, um Jugendliche für sich zu gewinnen. Aufgrund der Tatsache, dass immer weniger Menschen geboren werden und die Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung eher zu- als abnehmen, wird dies auch zwingend notwendig sein, um auch in Zukunft die Vielfalt erhalten zu können, die die Jugendlichen bei der Vereinswahl heute noch haben.

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