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Naturschützer bewahren Kröten vor dem Tod auf der Straße

Thema des Tages Naturschützer bewahren Kröten vor dem Tod auf der Straße

Naturschützer haben dem Amphibientod auf den Straßen den Kampf angesagt. Naturschutzgruppen sind Jahr für Jahr aktiv, stellen Fangzäune auf, tragen Kröten über die Straße und legen Ersatzlaichgewässer an. Im Schnitt werden 5000 Kröten an vier Fangzäunen im Raum Hameln-Hessisch Oldendorf eingesammelt.

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Alyssa und Rudolf Meyer sammeln Kröten ein – gelbe Warnwesten sollen sie im Dunkeln schützen.

Quelle: Pradella

Eine Landstraße irgendwo im Gebiet um Hemeringen, Klein Heßlingen und Friedrichsburg. „Oh, ist die niedlich!“ Alyssa hat eine Mini-Erdkröte entdeckt, die kaum größer als ihre Handfläche ist. Sie hebt das kleine Tier von der kalten Straße und bringt es vorsichtig auf die andere Straßenseite. „Wenn es so kalt ist wie jetzt“, erklärt mir ihr Vater Rudi, „bewegen sie sich noch langsamer und werden deshalb öfter überfahren“. Auch wenn es jetzt langsam wärmer wird – in diesem Frühjahr waren die fleißigen Krötensammler meist bei niedrigen Temperaturen unterwegs.

 Punkt 19 Uhr startet Rudolf (Rudi) Meyer mit seiner Tochter Alyssa (9) von zu Hause. Rudi ist der Leiter der Amphibiengruppe des Nabu-Ortsvereins Hameln-Pyrmont, seit etwa 16 Jahren ist er dabei. Er organisiert die Sammelgruppen, schaut, wo Zäune beschädigt sind oder neue errichtet werden müssen und sammelt fleißig selber mit. Erste Handlung des Abends: Warnwesten anziehen. Denn Sicherheit geht gerade nachts vor. Diese Gefahr darf nicht unterschätzt werden, wie ein trauriges Beispiel belegt: Bei Cremlingen im Kreis Wolfenbüttel wurde eine 46-jährige Frau beim Einsatz am Krötenzaun von einem Auto erfasst und tödlich verletzt. Laut Mitteilung der Polizei Wolfenbüttel war „die Frau mit der Tochter einer Bekannten unterwegs, um Kröten, die zu dieser Zeit die Fahrbahn queren, einzusammeln“. Das achtjährige Mädchen blieb unverletzt.

 Die entsprechenden Sicherungsmaßnahmen – Tempolimit und entsprechende Warnhinweise – waren vorgenommen worden. Dennoch kam es zu dem Unglück.

 „Kröten wandern am liebsten, wenn es warm und feucht ist. Deshalb werden wir heute wohl nicht viele finden. Es ist zwar feucht, aber leider zu kalt.“ Wie sich nachher herausstellt, zirka 4,5 Grad. Erstes Ziel der Krötensammler ist eine Spontanpopulation hinter Klein Heßlingen. Meyer hat sie vor einiger Zeit entdeckt und fährt dort nun regelmäßig vorbei, um zu schauen, wie groß sie ist und ob es sich lohnt, einen Zaun zu errichten. Zwar beginnen die Kröten um etwa 19 Uhr mit der Wanderung, aber die Straße scheint krötenfrei zu sein. Meyer will später noch mal nachschauen. Die Zäune werden in Zusammenarbeit mit der Landesnaturschutzbehörde geplant. Manchmal werden sie aufgrund von Tipps der Einwohner aufgestellt, doch die meisten Stellen kennen die Naturfreunde bereits. „Man muss aber auch sehen, dass wir nicht überall sein können“, gibt Meyer zu bedenken.

 Kurz darauf treffen Vater und Tochter die Sammelgruppe beim Forellental. Mit dabei sind heute Lukas Dönecke, Conny, Leonie und Hendrik Schomaekers sowie Waltraut Melssen. Wenn es geht, gehen die Sammler nie allein, vor allem nicht nachts. „Wir sind etwa 30 Helfer, dazu noch um die sechs oder sieben Kinder.“ Aber helfende Hände werden immer gebraucht. Viele, die helfen wollen, können nur am Wochenende oder nur ein Mal in der Woche, was die Planung nicht immer einfach mache. Noch während die Kinder den Zaun ablaufen, macht Meyer mit einer weiteren Naturschützerin den Plan für die nächste Woche. Tatsächlich fällt das Ergebnis eher mau aus. Etwa 30 Tiere wurden heute gesammelt, darunter Erdkröten, Teichmolche, Fadenmolche und Salamander. Sie alle werden in einem Teich gegenüber der Straße ausgesetzt. An optimalen Tagen können es auch mal 500 sein.

 Alyssa friert. Doch die Krötensammler sind noch nicht fertig. Rudi möchte noch ein paar Straßen absuchen, an denen er Kröten vermutet. Tatsächlich begegnet die Gruppe bald den ersten Exemplaren. Vater und Tochter steigen aus, Meyer schaltet die Warnblinkanlage an und Alyssa bringt ein Tier nach dem anderen auf die rettende andere Straßenseite. Viele Autofahrer halten an und fragen, ob es einen Unfall gegeben hat. Weil die ständigen Erklärungen irgendwann auch lästig sind, hat Meyer einen Trick parat, wie er den Autofahrern klarmacht, was die Gruppe vorhat: „Wenn Autos langsamer werden, drehe ich mich um, so dass sie den Nabu-Schriftzug auf unserer Warnweste lesen können.“ Meistens reicht das. Diesmal scheint bei der Spontanpopulation mehr los zu sein. Plötzlich ruft Alyssa: „Oh, ist die niedlich!“ Die Mini-Erdkröte ist ihr Highlight des Abends. Sie ekelt sich nicht vor dem glitschigen Tier – wie manche andere Kinder. „Nur, was die Kinder kennen, werden sie später auch schützen wollen“, meint Meyer, „Deshalb nehmen wir auch immer gerne Kinder mit, die nicht im Nabu sind.“

 Was macht ein Sammler, wenn die Saison vorbei ist? „Es gibt immer etwas zu tun. Die Krötensaison dauert ungefähr von Februar bis April. Natürlich werden alle Kröten vermerkt und gezählt und diese Daten müssen ausgewertet und an die Landesnaturschutzbehörde weitergegeben werden. Außerdem müssen die Zäune repariert oder ersetzt werden. Und wenn dann noch Zeit ist, gibt es beim Nabu noch weitere Aktionen wie die Streuobstwiesen oder den Vogelschutz.“ Die Arbeit endet für Krötensammlerverhältnisse relativ früh, schon um halb neun. „Manchmal sammeln wir um halb elf oder sogar bis elf“, meint Meyer.

 Mittlerweile liegt die Saison hinter den Naturschützern. Die Amphibienwanderungen sind abgeschlossen. Während der Zaun in Unsen beispielsweise gerade abgebaut worden ist, sind an der Hamelner Klütstraße noch vereinzelt Amphibien auf dem Weg zum Laichgewässer Ludwigsee beobachtet und noch keine Amphibien auf dem Rückweg vom Laichgewässer zum Wald. Abhängig vom Sammelergebnis wird auch sein, ob die zeitlich befristeten Straßensperrungen für den Wiengrund und den Bereich Heisenküche beendet werden. Aus den Erfahrungen der letzten Jahre ist die Situation an der Klütstraße mit der im Wiengrund und im Bereich der Heisenküche hinsichtlich der Amphibienwanderungen vergleichbar; der Waldrand im Berich Waldbad Unsen ist demgegenüber wärmebegünstigt, so dass hier die Wanderungen in der Regel früher einsetzen und entsprechend früher beendet sind. Weitere Entscheidungen über die Aufhebung der Straßensperrungen sind für das Hamelner Stadtgebiet für den heutigen Freitag angekündigt. Von den Straßensperrungen betroffen waren in Hameln unter anderem Einrichtungen wie das Jugendgästehaus, der Waldkindergarten, die Riepenburg sowie die Gaststätten am Finkenborn beziehungsweise Gaststätte Heisenküche.

 Den Aufwand, den die Naturschützer und seine Leute betreiben, darf man nicht unterschätzen. Sie müssen weite Strecken zu Fuß zurücklegen, immer dicht an der Straße und an vorbeirasenden Autos. Vor ein paar Jahren wurde ihre Arbeit auch von drei Wildschweinen gestört. „Da haben wir uns lieber zurückgezogen und das Sammeln abgebrochen, um die Tiere nicht zu provozieren.“

Von Rüdiger Pradella

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