Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Nicht ganz richtig im Kopf?

Thema des Tages Nicht ganz richtig im Kopf?

Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Gedächtnisverlust und Bewusstlosigkeit – alles Beschwerden, die ein Schädel-Hirn-Trauma auslösen kann. Meist ist ein Sturz oder ein Unfall Auslöser. Für die Betroffenen wird jede scheinbar harmlose Bewegung zur waghalsigen Angelegenheit.

Voriger Artikel
Hab und Gut aufs Spiel gesetzt
Nächster Artikel
Märchenhafte Entdeckungsreisen

Wer ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat, dem wird unter anderem häufig schwindlig und übel.

Quelle: Montage: Dana

Von Alda Maria Grüter

Ein Tag im Januar, der für die berufstätige Martina wie jeder andere beginnt. Sie steigt ins Auto, fährt wie gewohnt zur Arbeit. Dann aber geschieht etwas, das ihr bis dahin geführtes Leben grundsätzlich verändern sollte: „Ein entgegenkommendes Fahrzeug ist frontal auf meinen Wagen gefahren. Jedenfalls hat man es mir später so erzählt.“ Schwer verletzt wird die damals 45-Jährige mit dem Rettungshubschrauber in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) geflogen. Die Diagnose: „Schweres Schädel-Hirn-Trauma, etliche Frakturen. Brust- und Lendenwirbel waren gebrochen, das Knie lädiert, das Augenlid so schlimm, dass es später ersetzt werden musste“, sagt Martina.

 Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen, denn zu groß sei die Hemmschwelle, sich mit der Erkrankung „Schädel-Hirn-Trauma“ (SHT) zu outen. „Den meisten geht es so. Man hat Angst, ausgegrenzt zu werden als jemand, der nicht ganz richtig im Kopf ist.“ Dabei sei der soziale Kontakt für Menschen, die eine Gehirnverletzung erlitten haben, enorm wichtig. Lange habe sie nach einer Selbsthilfegruppe gesucht, aber in der Umgebung keine gefunden. Jetzt hat sie unter dem Dach der Paritätischen Dienste in Hameln eine Gruppe ins Leben gerufen, in der Menschen die Möglichkeit haben, sich über ihre Erkrankung und ihre Erfahrungen auszutauschen. Außerdem besteht bei Bedarf die Möglichkeit, die Unterstützung und Beratung der Einrichtung zu nutzen, die praktische Hilfestellung leistet und Hinweise auf professionelle Versorgungsangebote gibt. Ein Betroffener habe sich mittlerweile gemeldet, und Martina hofft, dass noch mehr den Mut finden, bei der Selbsthilfegruppe mitzumachen. Für sie persönlich sei die Selbsthilfegruppe ein enormer Schritt der Öffnung, sagt Martina. Denn überhaupt: Sich etwas zuzutrauen, sei immer noch nicht leicht. „Ich muss ja immer unglaublich aufpassen, dass ich nicht stürze. Jede scheinbar harmlose Bewegung ist für mich eine waghalsige Angelegenheit.“ In der Öffentlichkeit, hat Martina außerdem festgestellt, würde die Erkrankung nicht genügend wahrgenommen.

 Was ist ein Schädel-Hirn-Trauma? Dabei kommt es zu einer Verletzung von Schädel und Gehirn durch eine Gewalteinwirkung auf den Kopf. Diese Gewalt kann bei einem Verkehrs-, Sport- oder häuslichen Unfall entstehen. „Dadurch wird das Gehirn gegen die Schädeldecke gestoßen, es kommt zu Blutungen im Hirngewebe, den Hirnhäuten. Man spricht dann von sogenannten Subduralblutungen“, erläutert Professor Dr. Jens D. Rollnik, Leitender Arzt und Ärztlicher Direktor an dem neurologischen Fachkrankenhaus BDH-Klinik in Hessisch Oldendorf. Die Folgen: „Bewusstseinsstörungen bis zum Koma, Kopfschmerzen, Übelkeit, Lähmungserscheinungen, Gleichgewichtsstörungen, Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit wie beispielsweise Gedächtnisprobleme oder epileptische Anfälle.“

 Nicht vergessen werden sollten psychische Unfallfolgen wie posttraumatische Belastungsstörungen, die die Betroffenen oft über viele Jahre quälen, so der Mediziner weiter. Man differenziere zwischen unterschiedlichen Schweregradeinteilungen. „Nach der Dauer der Bewusstseinsstörung wird in einer gängigen Einteilung von erst- bis drittgradigem Schädel-Hirn-Trauma gesprochen. Erstgradig ist ein leichtes SHT, das dem Laien als Gehirnerschütterung bekannt ist und keine bleibenden Folgen hinterlässt. Bei drittgradigem SHT kommt es zu schweren Hirnschäden, oft mit lang anhaltendem Koma.“

 Eine der häufigsten Todesursachen bei den unter 40-Jährigen

 Die Fachgesellschaft der Neurochirurgen geht von 250000 Schädelhirntraumata in Deutschland pro Jahr aus, davon sind aber 80 Prozent glücklicherweise nur leicht. „Die Frage, ob die Zahlen zunehmen oder zurückgehen, ist nicht leicht zu beantworten, da nicht alle SHT statistisch erfasst werden. Zumindest die Berufsgenossenschaften berichten von einem Rückgang schwerer SHT durch verbesserte Sicherheitstechnik im Auto und am Arbeitsplatz.“

 Mehr als die Hälfte aller Schädel-Hirn-Traumata entstehen im häuslichen Bereich und in der Freizeit, insbesondere bei sportlicher Aktivität. Verkehrsunfälle folgen an dritter Stelle der Ursachenstatistik. „Zu Sportverletzungen liegen unterschiedliche Daten vor, die Frage, ob SHT durch Sportunfälle zunehmen, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Klar ist, dass einige Sportarten wie etwa Fußball ein höheres SHT-Risiko mit sich bringen als andere.“ Nach Angaben der neurochirurgischen Fachgesellschaft sterben von 27000 schwer Schädel-Hirn-Verletzten pro Jahr in Deutschland mehr als ein Drittel. 4000 werden Langzeitpflegefälle. Professor Rollnik: „In der Tat zählt das SHT zu den häufigsten Todesursachen für unter 40 Jahre alte Menschen, vornehmlich durch Sport- und Verkehrsunfälle.“ Kein Sturz sollte auf die leichte Schulter genommen werden: „Vor allem, wenn es zu einer – selbst ganz kurzen – Bewusstlosigkeit kommt. Auch wenn Wochen nach einer Bagatell-Kopfverletzung zunehmende ungewohnte Kopfschmerzen oder Lähmungserscheinungen auftreten, müssen die Alarmglocken läuten. Dann kann eine sogenannte chronische Subduralblutung vorliegen. In solchen Fällen sollte immer ein Arzt aufgesucht werden.“

 Nach der Akutversorgung durch Rettungsdienst und neurochirurgische Kliniken folgt eine oft mehrmonatige Rehabilitation. Auch Martina hat eine lange Behandlungskette durchlaufen: Mehr als ein Jahr sei sie nach dem Unfall durchgehend in Behandlung gewesen. „Ein weiteres Jahr zu Hause, alle zwei Jahre Reha und bis heute regelmäßige Kontrollen beim Neurologen, außerdem Physio- und psychologische Therapien“, zählt sie auf. Als sie aus dem Krankenhaus nach Hause kam, hatte sie vieles vergessen: „Ich stand vor der Mikrowelle und fragte mich, was das denn für ein Ding sei. Ich kannte nicht mehr die Namen der Blumen im Garten und auch nicht die meiner Nachbarn. Und wenn mir mein Mann etwas erklärte oder ich etwas las, hatte ich es gleich wieder vergessen.“ Heute freut sie sich über jeden noch so kleinen Erfolg. Doch sie weiß: „Viel besser wird es nicht. Durch den altersbedingten geistigen Abbau sogar eher schlechter.“ Immerhin kann Martina wieder laufen, findet sich im Alltag einigermaßen zurecht und mit regelmäßigen Gedächtnisübungen versucht sie, sich geistig fit zu halten. „Ich lerne, mit der Erkrankung umzugehen.“

 Martina spricht langsam, manchmal verliert sie den Faden: „Was wollte ich gerade sagen? Ach ja, noch mal zum Unfallhergang.“ Was davon im Gedächtnis hängen geblieben ist? „Nichts. Ich weiß lediglich, dass ich auf der Landstraße unterwegs zur Arbeit war. Mehr aber auch nicht.“ Ausgelöscht sind alle Erinnerungen an den verhängnisvollen Unfall vor neun Jahren und die vier Tage, die Martina danach im Koma lag. „Die Vorstellung, dass diese Erinnerungslücke auf immer und ewig bestehen bleibt, macht mir Angst.“ Martina erzählt von ihrer Arbeit: „Wissen Sie, ich habe meinen Beruf geliebt.“ Deswegen sei sie zwei Jahre nach dem Unfall wieder arbeiten gegangen. Doch zunehmend sei es ihr schwergefallen, sich zu konzentrieren, sich Dinge zu merken und Abläufe, in denen sie zuvor routiniert war, verlässlich auszuführen. „Das setzte mich unheimlich unter Druck und mit dem Stress wurde alles noch schwieriger.“ Fünf Jahre, wenn auch unterbrochen durch Zeiten, in denen sie krankgeschrieben war, habe sie durchgehalten. Bis der Punkt erreicht war, an dem die gesundheitlichen Probleme unerträglich wurden. „Und wenn man im Job nicht mehr funktioniert, ist man weg vom Fenster.“ Ihr soziales Umfeld, das sich bis zur Kündigung zu einem großen Teil über die Arbeit definierte, brach weg. „Ich musste mich neu orientieren, alles neu aufbauen“, sagt Martina. Sie reibt mit der Hand über ihre rechte Schläfe und entschuldigt sich für das Stottern: Ihr Gehirn arbeite langsam. „Und dann dieser Druck und Dauerschmerz oberhalb der Stirn. Das zermürbt einen.“ An den Nerven gezerrt hätten auch die vielen Anträge, die gestellt werden mussten, bis ihre Beschwerden als Folgen des Unfalls anerkannt wurden. Einmal sei sogar die Frage aufgeworfen worden, ob sie wohl simuliere. Bei den Formalitäten habe sie sich aber zum Glück auf die Unterstützung durch den Sozialverband verlassen können, sagt Martina. Mittlerweile habe sie einen Behinderungsgrad von 40 Prozent bescheinigt bekommen, beziehe demnächst die volle Erwerbsminderungsrente. Trotz aller Probleme und bleibender gesundheitlicher Schäden: Martina hadert nicht mit ihrem Schicksal. „Ich bin zufrieden, so wie es jetzt ist. Und führe mir immer wieder das Gute vor Augen. Eigentlich habe ich sogar Glück gehabt, denn ich hätte genauso gut gelähmt sein können.“

 Weitere Informationen zur Selbsthilfegruppe Schädel-Hirn-Trauma telefonisch unter 05151/57610.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr