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Notgeld aus dem Weserbergland

Sagenhafte Scheine Notgeld aus dem Weserbergland

Regionale Identitätsstiftung war und ist von Bedeutung – besonders in Krisenzeiten. Im Ersten Weltkrieg, als Kleingeld wegen seines Metallwertes Mangelware wurde, ging man in Hameln zu Notgeld aus Papier über – bedruckt mit der Rattenfängersage.

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Aus der Not geboren: Hameln, Bodenwerder, Hannoversch Münden, Hessisch Oldendorf und Rinteln gestalteten einen Teil ihres Notgeldes mit Motiven lokaler oder regionaler Sagen.

Quelle: pr.

Weserbergland. Andere Städte des Weserberglandes folgten dem Beispiel. Die Scheine wurden beliebte Sammlerobjekte und entpuppten sich in Zeiten radikaler Geldentwertung als Einnahmequelle. Ein bis heute präsentes kollektives Trauma der Deutschen ist die Inflation, die dem verlorenen Ersten Weltkrieg nachfolgte. Das gilt insbesondere für Ereignisse in den Jahren der Hyperinflation, die im November 1923 ihren Höhepunkt erreichte, als der Wechselkurs der Mark 4200 Milliarden Mark zu 1 Dollar stand.

Kaum noch ein Gegenstand der allgemeinen Erinnerung ist hingegen die historische Tatsache, dass in jener Zeit, in der Tag und Nacht fast 1800 Druckpressen eine Banknotenflut ohnegleichen auspien und in der Geldscheine im Nennwert von insgesamt rund 1200 Trillionen Mark ausgegeben wurden, es den Deutschen dennoch permanent am nötigen Kleingeld mangelte.

Verminderter Kleingeldbestand

Was aus heutiger Sicht eher kurios anmutet, war seinerzeit das Ergebnis einer Entwicklung, die bereits während des Ersten Weltkriegs ihren Anfang genommen hatte. Der bis ins Ungeheure gewachsene Bedarf der deutschen Rüstungswirtschaft an kriegswichtigen Metallen hatte eine stete Verminderung des Bestands an Kleingeld bewirkt. Die umlaufenden Gold- und Silbermünzen, schließlich sogar die Münzen aus Nickel, wurden eingezogen. Auch Münzen aus Kupfer konnten wegen der herrschenden Metallknappheit nicht mehr geprägt werden.

Und Ersatzmünzen aus Eisen, später aus Zink, vermochte die Reichsbank nicht mehr in der Menge auszuprägen, wie sie für den angewachsenen Zahlungsverkehr benötigt wurde. Zusätzlich wurde der Mangel an Scheidemünzen noch durch „Geldhamsterer“ verschärft. Sie horteten Münzen wegen ihres hohen Metallwerts für bessere Zeiten.

Um dem allgemeinen Mangel an Kleingeld abzuhelfen, gingen Städte ab Sommer 1916 mit Erlaubnis des zuständigen Regierungspräsidenten mehr und mehr dazu über, „Kriegsnotgeld“ auszugeben. Dafür wurden keine Münzen mehr geprägt, sondern Papiergeld ausgegeben. Als Sicherheitsleistung hatten die Kommunen bei der Reichsbank in Höhe des Emissionswerts ein Sperrguthaben zu unterhalten oder Wertpapiere zu hinterlegen.

Rattenfängersage als Motiv

Wie Ulrich Schrock in seiner „Geschichte des Hamelner Notgeldes“ aufführt, berichteten Hamelner Zeitungen im Sommer 1918: „Laut Beschluss der städtischen Körperschaften […] hat die Stadt Hameln, um dem fühlbaren Mangel an Kleingeld abzuhelfen, für 75 000 Mark Kleingeld ausgegeben, und zwar 100 000 Scheine zu 50 Pfennig und 100 000 Scheine zu 25 Pfennig.“ Als Motiv für die Notgeldscheine hatte, so Ulrich Schrock, der Gerichtsassessor Bubenezer die weltbekannte Rattenfängersage vorgeschlagen.

Damit gab die Stadt Hameln in einer Sagenregion ersten Ranges wie dem Weserbergland ein Beispiel, das Schule machen sollte. Die Städte Bodenwerder, Hannoversch Münden, Hessisch Oldendorf und Rinteln gestalteten geraume Zeit später ebenfalls einen Teil ihres Notgeldes mit Motiven lokaler oder regionaler Sagen.

Diese Kleingeld-Banknoten wurden für gewöhnlich als Serien in der Stückelung 25 Pfennig, 50 Pfennig, 75 Pfennig und eine Mark ausgegeben, waren grafisch und farblich meist einheitlich gestaltet und ihre Illustrationen in der Regel motiv- oder themenverwandt. Man bezeichnet sie deshalb auch als Serienscheine. Diese konnten sowohl den rechtlichen Charakter von Verkehrs- als auch den von Sammlerausgaben ohne Kurswert haben. Kleingeld-Notgeld war zuerst vornehmlich für den Zahlungsverkehr in Umlauf gebracht worden.

Radikalste Geldentwertung

Da aber diese Art von Banknoten zu Beginn der zwanziger Jahre aufgrund ihrer Vielfalt und künstlerischen Gestaltung zunehmend zu beliebten Objekten für Sammler im In- und Ausland wurde, ja eine geradezu manisch zu nennende Sammelleidenschaft hervorrief, erwuchs den deutschen Kommunen die ungeahnte Möglichkeit, in Zeiten radikalster Geldentwertung mit der Herausgabe von Serienscheinen Geld einzunehmen. Insofern kann man die nämlichen Nominale des Weserberglands in mehr als einer Hinsicht als „Sagenhafte Scheine“ bezeichnen.

Gleichwohl gerieten die Kommunen dadurch, dass sie die gleichen Notgeldserien einmal als Verkehrsausgaben für den Zahlungsverkehr herausbrachten, diese ein anderes Mal aber als sogenannte Serienscheine ohne Kurswert an Sammler und Händler mit erheblichen Aufschlägen auf den Nennwert verkauften, ja ganze Serien komplett an Händler zum Weitervertrieb abgaben, in eine rechtliche Grauzone.

So brachte eine nicht genehmigte Neuausgabe alter Notgeldserien den Bürgermeister der Stadt Hameln sowie den mit dem Vertrieb dieser Scheine beauftragten Händler im Jahr 1922 als Angeklagte vor das Landgericht Hannover. Und das, obwohl die Stadt zuvor bekanntgemacht hatte, dass das betreffende Alt-Notgeld zum 15. Januar 1922 seine Gültigkeit als Zahlungsmittel verliert. Die Verbindung Rattenfänger und Geld schien der Stadt Hameln wieder einmal kein Glück zu bringen.

Neu gedrucktes Alt-Notgeld

Der Prozess endete jedoch mit einem Freispruch, weil weder der Stadtverwaltung noch dem Händler nachgewiesen werden konnte, dass sie beabsichtigten, das neu gedruckte Alt-Notgeld wieder als reguläres Zahlungsmittel in den Verkehr zu bringen. Hamelner Zeitungen kommentierten dies, laut Ulrich Schrock, wie folgt: „Übrigens hat das von der Beschlagnahme befreite Hamelner Notgeld inzwischen einen hohen Sammlerwert erhalten.“ Es waren eben „Sagenhafte Scheine“.

In anderen Teilen Deutschlands führte die Sammelleidenschaft noch zu ganz anderen Entwicklungen. Spekulanten und Schieber traten auf den Plan. Es genügte ihnen nicht, insbesondere von kleineren Gemeinden die Berechtigung zu erwerben, in deren Namen Ausgaben von Notgeld zu veranstalten. Das heißt, Serienscheine in großer Zahl zu verkaufen. Vielmehr trieben sie es schließlich so weit, dass sie Serienscheine im Namen nicht existierender Städte herausgaben. Was wiederum den Staat zum Einschreiten veranlasste. Am 17. Juli 1922 wurde reichsweit jede weitere Kleingeld-Notausgabe verboten und unter Strafe gestellt.

Regionale Identität

Aber die „Sagenhaften Scheine“ sollten nicht allein unter wirtschaftshistorischen und numismatischen Aspekten betrachtet werden. In der verzweifelten politischen und wirtschaftlichen Lage, in der sich Deutschland während der Jahre von 1918 bis 1923 befand, wuchs den „Sagenhaften Scheinen“ des Weserberglands noch eine zusätzliche, nicht intendierte ‒ Funktion zu. Die auf den Banknoten präsentierten Sagengestalten und -motive wiesen die Weserbergländer auf eine der wenigen Konstanten hin, die ihnen damals noch geblieben waren: Regionale Identität. Denn ein integraler Bestandteil dieser regionalen Identität waren und sind die hierzulande verorteten Sagen.

Darüber hinaus manifestierte sich auf einigen der „Sagenhaften Scheine“ ein Ausdruck trotzigen Selbstbehauptungswillens in chaotischen Zeiten. Am eindrucksvollsten auf einem 50-Pfennig-Serienschein der Stadt Rinteln. Zur Illustration des „Ritts auf der Kanonenkugel“ Baron Münchhausens setzte man die Devise: „Wer selbst sich hilft in höchster Not, den kriegt die ganze Welt nicht tot.“

Von Uwe Pernak

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