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Nummer gegen Kummer

Thema des Tages Nummer gegen Kummer

Suizidgedanken, Angst, Scham: Es gibt viele Gründe, aus denen sich Verzweifelte an die Telefonseelsorge wenden. Die Seelsorger fühlen sich ein und fragen gezielt nach – Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr, seit 60 Jahren schon.

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Ein Kind flüstert kaum hörbar: „Mein Papa tut mir weh.“ Eine Frauenstimme überschlägt sich: „Mein Mann ist weg, wir hatten Streit, ich bin total durcheinander.“ Und einen älteren Herren quält die Einsamkeit nach dem Tod seiner Partnerin. Millionenfach wenden sich Hilfe- und Ratsuchende an die Telefonseelsorge (TS) – via Festnetz, Handy, per E-Mail oder Chat. 2016 wird der bundesweite Dienst 60 Jahre alt.
 Im Landkreis Schaumburg bietet der Kinderschutzbund die „Nummer gegen Kummer“ an und auch in Hameln-Pyrmont engagieren sich Ehrenamtliche bei einem Sorgentelefon. „Der Bedarf nimmt weiter zu. Die Zahlen sind bundesweit enorm“, sagt Annelie Bracke, die die katholische Telefonseelsorge in Köln leitet. „Es gehen viel mehr Anrufe ein, als wir entgegennehmen können.“ Auch beim Hamelner Verein werden stets Freiwillige gesucht, die ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Mitmenschen haben.
 Rund 8000 Ehrenamtliche und 188 Hauptamtliche sind bei der Telefonseelsorge Tag und Nacht für einsame und verzweifelte Menschen da. Es gibt 105 nationale Stellen, überwiegend getragen von katholischer und evangelischer Kirche.
 Im Jahr 2015 nahmen die Seelsorger bundesweit hochgerechnet 1,8 Millionen Anfragen entgegen. Seit die erste Stelle 1956 in Berlin gegründet wurde, haben sich 45 Millionen Menschen an die Telefonseelsorge gewandt, bilanziert Bernd Blömeke von der Evangelischen Konferenz für TS. Das Angebot sei – nach nun bald sechs Jahrzehnten – von großer Bedeutung, sagt der Berliner Pastor.
 Auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hält die Form der Seelsorge für unverzichtbar. „Es ist traurig, wie viel Einsamkeit es in unserem Umfeld gibt“, sagte er jüngst schon zum Auftakt des Jubiläumsjahres in der Domstadt. Experten meinen, die TS spiele im psychosozialen Betreuungsnetz Deutschlands eine wichtige Rolle.
 Doch was setzt den Menschen eigentlich so zu? „Am häufigsten hören wir von Beziehungsproblemen in Familie und Partnerschaft sowie von Einsamkeit. Aber auch über ihre psychischen und körperlichen Probleme möchten Anrufende oft mit uns sprechen“, sagt Bracke. Nach 20 Jahren als Seelsorgerin weiß sie: „In den letzten 10, 15 Jahren haben soziale Nöte, Angst vor Arbeitsplatzverlust und Armut zugenommen. In diesem Zusammenhang sind Scham und verletztes Selbstwertgefühl häufiger Thema in unseren Seelsorgegesprächen.“
 Doch jeder Kontakt verläuft anders. „Es gibt nicht die typische Situation“, sagt die 55-Jährige. „Unsere erste Aufgabe ist ein aktives Zuhören. Das heißt: sich einfühlen, vorsichtig, aber gezielt nachfragen und eigene Eindrücke zum Gehörten wiedergeben. Viele wollen einfach erzählen, sich verstanden fühlen.“ Manchmal müssen die Seelsorger auch auf andere Hilfen verweisen. „Wir sind besonders gefordert, wenn ein Kind oder Jugendlicher Missbrauchserfahrungen andeutet oder jemand von Suizidabsichten spricht.“
 Die Katholische Hochschule NRW kommt nach 803 700 ausgewerteten Anrufen binnen eines Jahres bis Juni 2014 zum Ergebnis: Psychische Erkrankungen und Suizidgedanken sind zentrale Gründe, sich der TS anzuvertrauen.
 Ein Viertel aller Anrufer spricht selbst von einer diagnostizierten psychischen Erkrankung. Laut Studienleiter Martin Klein ist die TS für diese Betroffenen zum „kompensatorischen Ansprechpartner“ und zur „zentralen Instanz“ geworden. Auch, weil es hierzulande eine „psychotherapeutische Fehl- oder Unterversorgung“ gebe. Zudem kommt das Thema Suizid – Selbstmordgedanken, konkrete Absicht oder frühere Versuche – tagtäglich vor. Rufen Jugendliche und junge Erwachsene bis 29 Jahre an, geht es in einem Drittel der Fälle um Suizid.
 Bedrückend ist auch, dass jedes fünfte Kind (10 bis 14 Jahre) mit Suizidgedanken oder -absicht körperliche, seelische oder sexuelle Gewalterfahrungen anspricht. Fazit von Experte Klein: „Hier zeigt sich, dass die Telefonseelsorge auch ein wichtiger Partner zum Thema Kinderschutz ist.“
 Der Kinderschutzbund Schaumburg hat im Oktober das 15-jährige Bestehen der „Nummer gegen Kummer“ gefeiert. Am Kinder- und Jugendtelefon – „Nummer gegen Kummer“, (08 00) 111 03 33 – suchen bundesweit täglich Tausende Mädchen und Jungen Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen.
 Das Hilfsangebot ist Bestandteil eines Netzwerks an 85 Standorten in ganz Deutschland. Zu erreichen ist die „Nummer gegen Kummer“ montags bis samstags in der Zeit von 14 bis 20 Uhr. Der Anruf ist selbstverständlich kostenlos.
 Rund um die Uhr bietet die Telefonseelsorge Ostwestfalen nicht nur Kindern und Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen ihre Hilfestellung an. Zum Zuständigkeitsbereich des Angebots aus Ostwestfalen gehört auch der Landkreis Schaumburg. Derzeit widmen sich dort rund 80 ehrenamtliche Mitarbeiter am Telefon und im Internet-Chat Ratssuchenden und deren Sorgen. Bei einem Anruf entscheidet jeder selbst, ob der Name genannt wird. Die Rufnummer erscheint nicht bei der Telefonseelsorge, und als gebührenfreier Anruf findet sich das Gespräch auch nicht auf der Telefonrechnung. Die Telefonseelsorge ist gebührenfrei erreichbar unter der bundeseinheitlichen Rufnummer (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222.
 Das Hamelner Sorgentelefon ist täglich (auch am Wochenende und an Feiertagen) von 18 bis 21 Uhr gebührenfrei und anonym unter Tel. 0800/1 11 04 44 erreichbar, vom Handy und außerhalb des Landkreises unter 05151 / 2 26 22 (gebührenpflichtig). Ständig werden neue Ehrenamtliche ausgebildet. In einem einjährigen Vorbereitungskurs bei der Telefonseelsorge Hannover werden die Freiwilligen auf diese Aufgabe vorbereitet (Kontakt telefonisch dienstags und donnerstags vormittags 05151/3003 oder per E-Mail an Sorgentelefon-hameln@gmx.de). In über einhundert Stunden haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter sich von Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeitern auf den Dienst am Sorgentelefon vorbereiten lassen. Sie qualifizieren sich ständig durch Supervision und Fortbildung, sind mit heimischen Strukturen vertraut und kennen die helfenden Einrichtungen und können Hilfsangebote vermitteln.
 Krisen, seelische Lasten, Krankheiten, bittere Schicksale – die Seelsorger müssen gut ausgebildet sein, um verantwortungsvoll handeln zu können. Auch Bracke betont: Alle ehrenamtlichen Mitarbeiter werden umfassend geschult und regelmäßig weitergebildet. Nicht alle sind geeignet. „Man sollte Sensibilität und Belastbarkeit mitbringen, auch seine eigenen Grenzen kennen, mit Krisen umgehen können und lebenserfahren sein“, so Martin Klein.
 Die TS der christlichen Kirchen will nicht missionieren, ist aber offen für religiöse Fragen. Bracke berichtet aus einem ihrer Nachtdienste: „Eine sterbenskranke Frau hat Angst vor dem Tod, sie sucht Halt, für sich und für ihren zurückbleibenden Mann. Da muss und möchte ich in der Lage sein, ihr ein Gespräch über ihren Glauben und ihre persönliche Spiritualität anzubieten.“

Einheitliche Rufnummer

Die bundeseinheitliche Telefonnummer stellt automatisch zu einem Gesprächspartner in der Region durch. Die 24-Stunden-Nummer gilt auch an Sonn- und Feiertagen: 08 00 – 1 11 01 11 oder 08 00 – 1 11 02 22.
Das Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“ im Landkreis Schaumburg ist zu erreichen unter Telefon 08 00-
1 11 03 33

Von Rosa Anton

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