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Nur für den Notfall

Thema des Tages Nur für den Notfall

Im Deister steht ein Stück Kalter Krieg. Vier Stockwerke tief geht es in die Erde. Warnämter wurden diese Einrichtungen genannt. Von hier aus sollte die Bevölkerung im Falle eines Angriffs mit biologischen, chemischen oder atomaren Waffen gewarnt werden. Allerdings halten sich nicht nur in Rodenberg hartnäckig Gerüchte, denen zufolge der eigentliche Zweck der Anlage ein ganz anderer gewesen ist.

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Die zweite Chance

Rodenberg. Eine militärische Dienststelle „Inspekteur der Ballonabwehrkanonen im Heimatgebiet“ wurde bereits 1915 gegründet. Ein Jahr später entstand der „Kommandeur des Heimatluftschutzes“. Gewarnt wurde mit Kirchenglocken, Fabriksirenen und Böllerschüssen, um bei Angriffen aus der Luft die menschlichen Verluste in der Zivilbevölkerung gering zu halten.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs verbat der Versailler Vertrag Deutschland fast jede militärische Aktivität. Erst 1927 führte der Reichsminister des Inneren den Warndienst wieder ein. Vorhandene Anlagen wurden modernisiert. Unter den Nationalsozialisten fiel die Aufgabe dem Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe zu.

Nach dem zweiten großen Krieg wurde der Warndienst zunächst aufgelöst. 1958 entstand das Bundesamt für den zivilen Bevölkerungsschutz. Dem oblag nun auch der Warndienst.
Zehn Warnämter richtete die Regierung über die Bundesrepublik verteilt ein, eines davon in Rodenberg. Ausschlaggebende Faktoren für die Standortentscheidung waren zum Beispiel die Bevölkerungsdichte am infrage stehenden Standort, die denkbare Luftgefährdung und die Struktur des Fernmeldenetzes der Bundespost. Die Gelände sollten sich zudem im industriearmen, ländlichen Raum befinden.

Da aus den Bunkern – die offizielle Bezeichnung ist unterirdisches Schutzbauwerk – heraus auch im Angriffsfall gewarnt werde sollte, ging es unter die Erde. Die zehn Anlagen waren weitestgehend baugleich. In der Rodenberger Einrichtung gibt eine Gravur die Entstehungszeit mit „1960-61“ an. Außerhalb gab es ein Verwaltungs-, ein Unterkunfts- und einige Versorgungsgebäude. Ein Bauprogramm beschrieb die zugehörigen Bunker als: viergeschossig, 35,2 Meter lang, 29 Meter breit und 15,7 Meter hoch. Sie ragen bis zu drei Meter hoch aus dem Boden heraus, oben befinden sich die Luftansaugöffnungen.

Wände und Decken waren drei Meter stark. Von den 16 300 Kubikmetern des Bunkers insgesamt waren nur 5000 Raum – der Rest Stahlbeton. Unter anderem sollte er gegen Volltreffer von Sprengbomben schützen, gegen die Wirkungen von Brandbomben und Feuerstürmen und gegen den Explosionsdruck einer Atombombe, die in der Luft gezündet wird. Dreißig Tage musste das Warnamt nach einem Angriff vollkommen autark weiter arbeiten können. Es gab eine eigene Wasserversorgung aus Tiefbrunnen, Notstrom, eine Lüftungsanlage, Vorräte, Küche und Kühlkammer. Vieles davon ist in Rodenberg noch immer zu sehen.
Im Warnamt gab es hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter. Letztgenannte Gruppe setzte sich in späteren Jahren vor allem aus Ersatzdienstleistenden zusammen. Wer sich verpflichtete, brauchte nicht zur Bundeswehr. Allerdings sicherte er zu, zehn Jahre lang fast jederzeit innerhalb von zwanzig Minuten beim Warnamt seien zu können.

„Das war der eigentliche Hammer“, erinnert sich ein Rodenberger. Anfang der achtziger Jahre, als etwa Zwanzigjähriger, entschied er sich für den Dienst im Warnamt. „Hätte der Arbeitgeber gesagt, ich hab einen tollen Job für dich in Köln, hätte ich das nicht machen können“, sagt der Schaumburger. „Oder der Liebe wegen ins Ausland, das war alles nicht drin.“ Sich in diesem flüchtigen Alter so festzulegen: Da habe man sich im Verlauf der dem Staat zugesicherten Dekade schon mal gefragt, „ob das wirklich die richtige Entscheidung gewesen ist“.

Der Dienst umfasste Übungsabende – Seminare, die im Ratskeller Rodenberg abgehalten wurden – aber auch zweimal die Woche Arbeiten im Warnamt selbst. Die Teilnehmer trainierten eine Alarmierungskette ein. So gab es unter anderem den direkten Draht zu einem Radiosender, über den die Bevölkerung in Kenntnis gesetzt werden sollte.

„Das hatte auch viel mit Mathe und Physik zu tun“, erklärt der Rodenberger Samtgemeindebürgermeister Georg Hudalla, der ebenfalls seinen Ersatzdienst im Warnamt geleistet hat. So sei es zum Beispiel um die Frage gegangen, wie sich Senfgas oder der radioaktive Niederschlag nach einer Atombombenexplosion ausbreiten. Eingang in diese Berechnung fanden zum Beispiel die Höhe, in der die angenommene Bombe explodiert ist, die freigesetzte Energie der Detonation sowie Windrichtung und -stärke.

„Das war schon ein unangenehmes Gefühl, weil man die Landstriche auf den Karten erkannt hat“, sagt ein anderer ehemaliger Mitarbeiter. Entschieden werden musste nämlich unter anderem, wo es sich nach einer Atombombenexplosion am Ort X nicht mehr „lohnt“, zu warnen.

Das waren die hypothetischen Schreckensszenarien. 99 Prozent, sagen die Beteiligten, war Dienstalltag. Außer der Arbeit gab es Bratwurst („Die beste überhaupt!“) und Erbsensuppe, auf dem Außengelände befand sich ein Teich, an dem man sich von einer Unmenge an Fröschen nerven lassen konnte. Dass man im Grunde gedanklich die Apokalypse durchspielte – das war eben so. „Beim THW oder bei der Bundeswehr ist es ja auch nicht anders“, erinnert sich ein Ehemaliger.

110 D-Mark gab es im Monat, man kannte sich im Bunker. „Für den einen oder anderen ist das bestimmt auch einfach eine Gelegenheit gewesen, mal zu Hause rauszukommen.“
Gleich für einen ganzen Tag ging es bei den 24-Stunden-Übungen raus – und ins Warnamt rein, unter die Erde. 70 Betten für 200 Menschen in drei acht Stunden Schichten; acht Stunden arbeiten, acht Stunden frei, acht Stunden schlafen, eingeschlossen im Bunker. „Blöd war’s, wenn man in den acht Stunden nicht einschlafen konnte“, erinnert sich Samtgemeindebürgermeister Hudalla.

Außer den Ersatzdienstleistenden gab es auch hauptamtliche Mitarbeiter. Ein heute 75-jähriger Rodenberger zum Beispiel trat 1965 einen Job als Kraftfahrer an. Er holte die freiwilligen Mitarbeiter an abgemachten Sammelpunkten mit einem Transporter ab.

1991 brach die Sowjetunion zusammen. Der Kalte Krieg endete. Über die neunziger Jahre hinweg wurde der Warndienst der Bundesrepublik zurückgebaut. 1997 hieß es in der Entwurfsbegründung für das sogenannte Gesetz zur Neuordnung des Zivilschutzes: „Das weitgehend auf Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges aufgebaute Warnsystem ist nicht mehr zeitgemäß.“
Johannes Peter arbeitet heute beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. 1992 war er als Sachbearbeiter Bau zuständig dafür, die Warnämter sukzessive dicht zu machen. „Die Atmosphäre vor Ort war nicht immer angenehm für mich“, sagt Peter. Immerhin bangten die Hauptamtlichen wegen der bevorstehenden Schließung um ihren Arbeitsplatz.

Und die Legenden rund um die eigentliche Funktion des Warnamtes? Des Bunkers? Peter zufolge sind sie genau das: Legenden. In Rodenberg zum Beispiel gab es Bürger, die dachten, sie hätten im Kriegsfall hoch in den Deister gemusst. Peter: „Das Gebäude war auf rund 200 Personen ausgelegt. Rodenberg dürfte wohl mehr Einwohner haben.“

Ein Bürger, etwa Mitte dreißig, sagt, der Bunker sei „für die oberen Zehntausend“ gewesen. Die Theorie findet sich auch auf eher dubios anmutenden Internetseiten. Der eigentliche Sinn der Bunker, heißt es dort, sei es gewesen, im Fall des Atomkrieges die Führungsspitzen der Bundesländer aufzunehmen – die Ministerpräsidenten samt Gefolge. Peter: „Die Bunker waren für die Mitarbeiter des Warnamtes. Da drin gab es keinen Platz für Regierungen.“

Allerdings kann man noch heute in der Eifel einen Bunker besichtigen, der tatsächlich als Außensitz der nordrhein-westfälischen Landesregierung für den Fall eines Angriffs mit Nuklearwaffen gedacht gewesen war. 30 Tage lang hätten Ministerpräsident und leitende Beamte darin aushalten sollen. Diesen Zweck verschleierten die Verantwortlichen hinter dem Namen „Warnamt Eifel“.
 Das Rodenberger Warnamt III wurde am 22. Januar 1998 an das damals zuständige Bundesvermögensamt Hannover übereignet. Heute befindet es sich in Privatbesitz. Was wird, ist ungewiss. Was war, erzählt ein Spaziergang vier Stockwerke tief unter die Erde. jcp mit: geschichtsspuren.de

Aufbau der Bunkeranlage

Etage 1
 • Hauptzugang durch die Schleuse
 • Notausgang
 • Dekontaminationsbereich
 •ABC-Aufnahme- und Auswerteraum auf der Empore
 • Führungsraum (auch auf Etage 2)
 • Unterkunftsräume für Warnamtsleiter und Einsatzleiter
 • Arzt- und zwei Krankenzimmer.
 •Telefax- und Funkraum
 • Toiletten

Etage 2:
 • Führungsraum (auch auf Etage 1)
 • Fernsprechvermittlung
 • Aufnahme- und Weitergaberaum
 • Annahmeraum, gleichzeitig Raum für den Leiter der
 Fernmeldestelle
 • Fernschreibraum
 • Raum für die Vermittlungstechnik
 • Traforaum
 • Generatorenraum mit zwei Dieselaggregaten
 • Batterieraum
 • Waschräume und Toiletten, getrennt für männliches und weibliches Personal

Etage 3:
 • Küche und Vorratsräume für Lebensmittel, Kühlkammer
 • Abwassersammelanlage (auch auf Etage 4)
 • Schlaf- und Aufenthaltsräume für das Personal Raumfilter und Lüftungsanlage
 • Heizungsanlage
 • Waschräume und Toiletten, getrennt für männliches und weibliches Personal
Etage 4:
 • Druckerhöhungsanlage Wasser
 • Ventilatoren für die Lüftungsanlage
 • Ansaugung aus dem Grobsandfilter
 • Ver- und Entsorgungsanlagen und -leitungen
 • Abwassersammelanlage (auch auf Etage 3)
 • Sandvorfilter (erstreckte sich über alle Stockwerke) 

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