Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Nur keine Angst

Thema des Tages Nur keine Angst

Ich bin Kindern begegnet, die noch nie zuvor in einer Zahnarztpraxis waren und trotzdem richtig verängstigt wirkten“, sagt Judith Breimann, Zahnärztin in der Hamelner Praxis Scheele. „Eltern, die selber Angstpatienten sind, müssen besonders darauf achten, dass sie eigene Ängste nicht auf ihre Kinder übertragen.“

Voriger Artikel
Schnell hin - schnell weg
Nächster Artikel
Von milden Gaben und guten Taten

Deutsche Kinder haben im Vergleich zu ihren europäischen Altersgenossen den geringsten Kariesbefall Patrick Pleul/dpa

Von Cornelia Kurth. Sogenannte „Angstpatienten“ finden sich verstärkt in den älteren Generationen. Kaum ein heute 40, 50 oder 60 Jahre alter Mensch weiß keine Zahnarzt-Horrorgeschichte aus der Kindheit zu erzählen: Wie man bereits empfangen wird mit dem Spruch: „Na Kleiner, ein Indianer kennt keinen Schmerz, nicht wahr?“ Wie der Arzt das kariöse Gebiss betrachtet und mit dem Bohrer in der Hand aufmunternd spricht: „Dann mal ran.“ Wie die erbettelte Spritze fast mehr wehtat als ein Bohren. Wie man verächtlichen Blicks weggeschickt wird, weil man schon würgen muss, sobald sich die Zahnarzt-Hand dem Mund nähert. Manche Menschen tragen eine so tiefe Zahnarzt-Angst mit sich herum, dass sie sich jahrelang vor eigentlich anstehenden Behandlungen drücken.

 „Ein Teufelskreis“, sagt Breimann. „Geht man erst dann zum Zahnarzt, wenn man es selbst mit Schmerzmitteln nicht mehr aushält, ist die Behandlung natürlich um so aufwendiger. Landet man dann bei einem uneinfühlsamen Arzt, fühlt sich der Patient in seiner Angst bestätigt und zögert den nächsten Besuch wieder viel zu lange hinaus.“

 Sie kennt das alles gut, arbeitet sie doch in einer der – zum Glück – inzwischen zahlreichen Praxen, die sich solcher Angstpatienten besonders sorgsam annehmen. „Die Angst ist in den meisten Fällen irrational“, sagt die Zahnärztin. „Es gibt so viele Methoden, eine Behandlung sanft und behutsam anzugehen.“ Doch „Angstpatienten“ verkrampfen sich oft schon, wenn der Zahnarztstuhl nach hinten gefahren wird, die Lampe über dem Gesicht aufleuchtet und der Arzt sich mit Spiegel und einem Instrument vorbeugt. „Die Angst beginnt mit dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.“

 Werner Sievert (57), aus der Nähe von Rinteln (Name von der Redaktion geändert), kann als Paradebeispiel eines solchen Patienten gelten. Nicht umsonst trägt er einen dichten Schnurrbart, der beim Lächeln seine Zähne bedeckt. Man sähe sonst schnell, dass der eine oder andere Zahn in seinem lückenhaften Gebiss fehlt. „Fast jedes Mal, wenn der Schmerz mich zum Zahnarzt treibt, muss ein Zahn gezogen werden“, sagt er. „Ich wechsele auch ständig den Arzt, weil es mir peinlich ist, dass ich ja meistens nach der Notfallbehandlung nicht wiederkomme. Ich weiß, das ist einfach idiotisch. Ich habe schon richtig Probleme beim Kauen.“

 Auf die Frage, was genau ihm solche Panik macht, erzählt er von seinem allerersten Zahnarztbesuch, da war er sechs oder sieben Jahre alt. Es musste gebohrt werden, er bekam sogar eine Spritze, aber es tat sehr weh. „Ich wollte schreien, wollte rufen, bitte aufhören‘. Ich sah, wie der Zahnarzt einen Blick zu meinem Vater rüberwarf. Mein Vater wurde ärgerlich und sagte: ,Der soll sich nicht so anstellen.‘ Also bohrte der Arzt weiter, obwohl ich weinen musste.“ Für ihn ist sicher, dass die Spritze versagt hat. Geglaubt hat es ihm keiner. „Und ich konnte seitdem nicht mehr glauben, dass das alles doch nicht so schlimm ist.“

 Solche aus der Kindheit bis ins Erwachsenenalter mitgeschleppten Ängste seien tatsächlich nicht selten, weiß Michael Loewener, der jahrzehntelang als Zahnarzt praktizierte, bevor er in der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen die Aufgabe des Pressesprechers übernahm. Sofort fällt ihm ein über 70-jähriger Patient ein, der regelrecht zitternd bei ihm auf dem Behandlungsstuhl saß. „Wenn es dabei nicht um echte Schmerzen geht, kommt man eigentlich nur mit einer Art Gesprächstherapie weiter“, sagt Loewener. „Es muss ein Vertrauensverhältnis entstehen zwischen Arzt und Patient. Zum Glück hat sich inzwischen ganz viel verändert im Verhältnis zwischen Zahnarzt und Patient.“

 Auf der einen Seite sei da eine umfassende Vorsorgearbeit. Spätestens im Vorschulalter haben die meisten Kinder schon einen ersten Zahnarztbesuch hinter sich. Während ältere Menschen damals häufig bereits in so jungen Jahren kariöse Zähne hatten, kommen die meisten heutigen Vorschulkinder um eine ernsthafte Zahnbehandlung herum. Kinderärzte achten auf den Zahnzustand auch schon bei ganz kleinen Patienten, und Eltern sollten wissen, dass bereits die ersten Zähne sorgsam geputzt werden sollen, nicht mit Wattestäbchen (das verteile nur Essenreste auf dem Gebiss), sondern mit altersgemäßen Zahnbürsten und ohne Zahnpasta. „Kein Wunder, dass Deutschland in Europa zu den Ländern gehört, wo Kinder den geringsten Kariesbefall aufweisen“, so Loewener.

 Wenn aber doch bei einem Kind gebohrt werden muss, setzen Zahnärzte wie Breimann ihr Wissen rund um den Umgang mit ängstlichen Patienten ein. „Wir sehen ja, wie gefährlich das Ignorieren einer aufkommenden Angst für die spätere Zahngesundheit sein kann“, sagt sie. Deshalb wird in der ersten Sitzung meistens noch gar nicht direkt behandelt, sondern es geht darum, Vertrauen zum Kind aufzubauen. „Ich lasse die Kinder ruhig mal mit dem Zahnarztstuhl hoch und runter fliegen“, so Breimann. „Oder ich zaubere was, zur Ablenkung. Die Jungen und Mädchen dürfen auch gern ein Kuscheltier mitbringen. Das hilft gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins.“

 Sie hat auch einen „Brief an die Eltern“ verfasst, mit allerlei guten Ratschlägen für die ersten Zahnarztbesuche. Dazu gehört unter anderem der Rat, das Kind ruhig allein den Behandlungsraum betreten zu lassen und sich als Eltern jedenfalls während der Behandlung nicht einzumischen. Auch vom Versprechen von Belohnungen rät sie ab, um gar nicht erst den Eindruck aufkommen zu lassen, es sei nun etwas besonders Schweres zu überstehen. Auch Fragen solle man nicht während, sondern nur vor und nach der Behandlung aussprechen. Und natürlich sollten Eltern das Kind nach dem Termin loben, auch wenn noch nicht alles erledigt ist. „Dann kann es fröhlich und stolz die Praxis verlassen“, heißt es in dem Brief.

 „Angstpatienten“ brauchen manchmal noch mehr Hilfe, als sie gute Beratung, ehrliche Aufklärung und Mitbestimmung bei Art und Tempo der Behandlung bieten. „Es gibt Patienten, die am liebsten jedes Mal eine Vollnarkose bekämen“, sagt Loewener. „Das ist zwar verständlich, aber angesichts der immer vorhandenen Risiken einer solchen Narkose nur in seltenen Fällen sinnvoll.“ Beruhigende Medikamente aber entschärfen eine Angstsituation, sodass problemlos die betäubenden Spritzen gesetzt werden können. Vielerlei Fortbildungsangebote für Zahnärzte ermöglichen dann auch den Einsatz etwa von Hypnose oder Lachgas. Die entsprechenden Praxen in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont lassen sich durch den Anruf bei den zahnärztlichen Vereinigungen Niedersachsens, Telefon (0511) 84050 finden.

 Der Rintelner Journalist Felix Hau kann seinen Würgereflex bei Zahnbehandlungen erstmals durchweg mit dem Einsatz von Lachgas überwinden. „Durch diese gewisse Sedierung fühle ich mich geradezu wohl“, meint er. „Ich könnte mich glatt auf den nächsten Zahnarzttermin freuen.“ Davor war jede Behandlung eine einzige Qual für ihn, weil allein das Ansetzen der Spritze fast nicht möglich war, ohne größten Brechreiz hervorzurufen.

 Auch Hypnose wäre in seinem Fall eine Option gewesen – theoretisch. „Praktisch gehöre ich zu den Menschen, bei denen es mit dem Hypnotisieren nicht klappt.“

 Insgesamt allerdings ist die Hypnose bei Zahnbehandlungen auf dem Vormarsch, und es gibt seit 1994 die „Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose“, die entsprechende Ausbildungen anbietet. Loewener ist davon überzeugt, dass Hypnosebehandlungen funktionieren und dass sie sowohl Angst als auch Schmerz besiegen können.

 Breimann arbeitet ohne Hypnose und Lachgas. „Trotzdem können wir Zahnärzte den ,Angstpatienten‘ die Angst nehmen“, sagt sie. „Wer es überhaupt bis in eine Praxis schafft, hat den ersten Schritt ja schon getan.“

 Und was das peinliche Gefühl betrifft, wenn man sich dem Arzt mit einem vernachlässigten Gebiss zeigen muss? „Nun, das ist für uns eigentlich kein Problem“, erklärt die Zahnärztin. „Vorwürfe kommen gar nicht in Frage. Wir signalisieren: ,Ich bin froh, dass du da bist‘“. Und außerdem: „Wir sehen doch jeden Tag kaputte Zähne. Was mich betrifft: Da gibt es eigentlich nichts, was mich umhauen könnte.“

 „Du musst wirklich gar keine Angst vor dem Zahnarzt haben.“ Solche Elternworte sind gut gemeint, erreichen häufig jedoch genau das Gegenteil: Sie machen Kindern Angst vor dem Zahnarztbesuch. Dabei haben nicht wenige Erwachsene selber höllische Angst vor Spritze und Bohrer. Was kann man dagegen tun?

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr