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Ohne Schmerzen bis zum Schluss

Thema des Tages Ohne Schmerzen bis zum Schluss

Krebs im Endstadium, die Diagnose ist niederschmetternd. Aber Claudia Kuhlmann gibt nicht auf. Einfach kapitulieren vor der Krankheit, die sich 2006 in ihr Leben drängte? Jeder Tag zählt. „Im Moment ist nicht viel mit mir los“, sagt die Mindenerin. „Aber ich kämpfe.“ Aufstehen kann sie nicht mehr. Der Gegner ist übermächtig. Claudia Kuhlmann hat noch elf Tage zu leben. Und kann – dank Palliativmedizin – in Würde sterben.

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Linderung: Ehemann Klaus-Dieter Kuhlmann (links) und Palliativarzt Volker Wittig am Bett der schwer krebskranken Claudia Kuhlmann, die zwischenzeitlich gestorben ist.

Quelle: pr.

Klaus-Dieter Kuhlmann sitzt am Wohnzimmertisch, das Hemd frisch gebügelt, die Wohnung aufgeräumt, ein Mann mit Haltung. Wie es in ihm aussieht, geht nur die engsten Freunde etwas an. Kuhlmann ist am Boden, aber er lächelt. „Claudia hat nicht ein einziges Mal gestöhnt“, erzählt er. „Sie war tapfer bis zur letzten Sekunde.“
Es war ein Sonntag, 11.20 Uhr, einmal hat seine Frau noch die Augen geöffnet und die Hand ihres Mannes genommen. Vorher war ein Patenkind zu Besuch, das hat die Sterbende kaum wahrgenommen. Dann hat sie einfach losgelassen. „Claudia ist in meinen Armen eingeschlafen“, sagt Kuhlmann. „Ich hatte das Gefühl, dass sie keine Angst hat. Sie ist auf jeden Fall in Würde gestorben.“

Wenn es so etwas gibt, Sterben in Würde, dann hatte das ambulante Palliativ-Netz im Kreis Minden-Lübbecke, dann hatten besonders geschulte Ärzte und (in diesem Fall) der Pflegedienst der Diakonie in Petershagen großen Anteil daran. „Ich würde sofort wieder zum Palliativ-Netz gehen“, sagt Kuhlmann. „Auch, wenn es bei mir selbst so weit wäre.“
Volker Wittig ist Allgemeinmediziner, Praxis in Minden-Todtenhausen, Typ moderner Landarzt. Im Hause Kuhlmann ist er an diesem Tag als Hausarzt und Palliativmediziner zu Gast. Pallium kommt aus dem Lateinischen und heißt Mantel. Keine Schmerzen, keine Luftnot, keine Panik: Alles, was für den Kranken getan wird, soll ihn schützend umhüllen – wie ein Mantel. Psychologische, soziale und seelsorgerische Betreuung haben ebenfalls höchste Priorität, denn die Tage sind gezählt. „Intensive Therapie bis kurz vor den Tod, das bringt nichts“, sagt Wittig. „Der Patient soll in Würde und ohne quälende Symptome sterben können.“

Palliativmedizin ist jene ärztliche Kunst, die nicht mehr heilt, sondern Symptome lindert. Luftnot ist eines der Hauptsymptome bei schwerstkranken Patienten. In solchen Fällen machen sich Palliativmediziner beispielsweise Nebenwirkungen von Medikamenten zunutze, welche die Atmung verlangsamen und die Luftnot dadurch lindern. „Natürlich leidet man manchmal mit“, sagt Wittig. Einmal hat er eine Schulfreundin behandelt. „Das war hart.“

Muss man als Palliativmediziner ein besonderer Mensch sein? „Man muss es einfach wollen“, antwortet Volker Wittig. Mitbringen muss der Palliativarzt außer der obligatorischen Zusatzausbildung in Palliativ-Care vor allem Einfühlungsvermögen und echtes Interesse am Menschen. „Außerdem sollte er um die Nöte der Patienten wissen“, sagt Wittig. „Man muss auf Bedürfnisse eingehen. Keiner weiß, wie Sterben geht.“ Junge Menschen können schlechter loslassen, wenn der Tod sie holen kommt. Alte sagen manchmal, dass es an der Zeit ist, in Ruhe zu gehen. Diese Erfahrung hat Wittig gemacht.

„Ich fühle mich gut aufgehoben“, sagt Claudia Kuhlmann an einem der letzten Tage ihres Lebens. „Die Versorgung ist traumhaft. Ich habe den Aufwand unterschätzt, der um mich betrieben wird.“ Nicht mehr lange, dann wird die 55-Jährige ohne Schmerzen und Panik sterben, nur die Unruhe bleibt fast bis zum Schluss.

Nachbarn, Freunde, Verwandte: Die Todkranke bekommt viel Besuch in diesen Tagen, schläft viel, abends schaut sie Fernsehen. Manchmal müssen Besucher nach Hause geschickt werden, wenn es Claudia zuviel wird. Viele haben Tränen in den Augen, wenn sie gehen. „Wir sind unendlich traurig“, heißt es in der Traueranzeige.

„Sie war beliebt und hat geholfen, wo sie helfen konnte, in der Familie, im Freundeskreis, dem Onkel, der Tante, ihren vier Patenkindern“, erinnert sich ihr Mann. Sie sind so gern gereist. Viermal war das Ehepaar allein in Masuren, dem früheren Ostpreußen. Masuren: Nirgendwo ist der Himmel so weit, das Gras so grün, das Wasser so nah, die Gastfreundschaft so groß – und leider auch die Mücken.

Dann kam 2006 die Diagnose: Krebs. Nach Chemotherapie, Operation und Bestrahlung schien die Krankheit besiegt, doch sie kam zurück, aggressiver als zuvor. In den letzten zwei Jahren sind Klaus-Dieter und Claudia Kuhlmann überhaupt nicht mehr verreist. Die Krankheit ließ es nicht zu. Dabei war Claudia Kuhlmann ein so lebenslustiger Mensch und mit ihren 1,88 Metern eine imposante Erscheinung. Vier Zentimeter größer als ihr Mann, um genau zu sein. Das Paar hat sich daran nie gestört, eher darüber geschmunzelt.

Klaus-Dieter Kuhlmann hat sich für ein halbes Jahr von der Arbeit freistellen lassen, um seiner Frau beizustehen. „Es war schwer“, sagt er. „Aber ich wusste, dass ich ihr etwas Gutes tue, wenn ich sie pflege.“ Jetzt erledigt Kuhlmann, was getan werden muss nach dem Tod eines Familienangehörigen. Schreibkram ist nicht so sein Ding, aber egal. Mitte März fängt er wieder an zu arbeiten. Irgendwie geht es weiter.

Von Stefan Lyrath

 

Das Netzwerk in Minden und Schaumburg

Im Kreis Minden-Lübbecke hat das ambulante Palliativ-Netz im vergangenen Jahr mehr als 800 Patienten versorgt. Zum Netzwerk gehören spezielle Pflegedienste, Hospizdienste sowie 17 Palliativmediziner, die mit Haus- und Fachärzten zusammenarbeiten. Vier Koordinatorinnen, allesamt Krankenpflegerinnen mit Zusatzausbildung, informieren, beraten, unterstützen. Sie vermitteln Kontakte zu Pflegediensten, tauschen sich mit Ärzten aus, regeln den Papierkram. Ziel ist ein passgenaues Versorgungskonzept. Palliativärzte stellen Symptomkontrolle und Schmerzbehandlung sicher. Wer Dienst hat, ist rund um die Uhr erreichbar. Somit ist auch die Versorgung am Wochenende gesichert. Die Anmeldung läuft über den Hausarzt. Internet: www.pan-im-muehlenkreis.de

Im Landkreis Schaumburg gibt es seit 2009 dasgibt es seit 2009 das Hospiz- und Palliativnetzwerk. Ziel des Vereins ist, in der ländlichen Region eine möglichst breit gefächerte Versorgung und Vernetzung anzubieten, um die letzten Tage im Leben zu erleichtern. Seit Herbst 2010 hat das Netzwerk sein Büro in der Marktstraße 1 in Stadthagen, mit Sprechstunden jeweils dienstags und donnerstags zwischen 10 und 12 Uhr. Das Hospiz- und Palliativnetzwerk ist zu erreichen unter Telefon (0 57 21) 8 90 99 40.
Internet: www.palliativ-schaumburg.de

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