Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Ostersonne auf dem Ei

Ungewöhnliches Hobby Ostersonne auf dem Ei

Der 6. Januar ist für Lieselotte Kahle ein besonderes Datum. Weil dann der Weihnachtsbaum aus dem Haus kommt. Und weil damit ihre eigene Osterzeit beginnt. Schon seit Jahrzehnten hält die Loccumerin es so - und das aus gutem Grund. Denn einige Wochen vor Ostern eröffnet sie eine Ostereier-Ausstellung auf der Diele ihres Bauernhofes. Den überwiegenden Teil aller Exponate stellt sie vom 6. Januar bis zum Tag der Eröffnung selbst her.

Voriger Artikel
Ein Hauch von Abenteuer
Nächster Artikel
Rotkäppchen kann aufatmen

Das dauere eben seine Zeit, sagt Kahle, während sie ein Hühner-Ei mit einem Holzlöffel in einem Eimer mit gefärbtem Wasser versenkt. Vorsichtig drückt sie es nach unten und wartet geduldig, bis durch die winzigen Löcher, die oben und unten in dem Ei sind, Flüssigkeit eingedrungen ist. Bläschen bilden sich an der Oberfläche, während das geschieht, leises Blubbern im Eimer. Dann schwimmt nichts mehr oben, nun kann das Ei die Farbe annehmen.

 300, 400 Mal wohl – so oft wiederhole sie diesen Vorgang in jedem Jahr, sagt Kahle. Und so viele Eier seien es dann schließlich, die neu in ihre Ostereier-Ausstellung kämen. Vor dem Versenken in roter, gelber, blauer, violetter, grüner oder brauner Farbe durchlebt jedes einzelne Ei bereits viele Arbeitsschritte – und auch danach gibt es noch einiges zu tun.

 Ostereier haben es Kahle schon als Kind angetan. Damals fuhr sie oft ins benachbarte Rehburg zur befreundeten Förstersfamilie. Die Försterfrau zeigte ihr bei jedem Besuch, wie Eier schön gestaltet werden können.

 Im Mittelpunkt des Vorgangs steht das Wachs. Einen winzigen Puppenherd hat Lieselotte Kahle auf einen Tisch gestellt, darauf ein kleiner Topf mit Bienenwachs. Federn mit zu kleinen Dreiecken zugeschnittenen Spitzen hat sie daneben liegen, auch etliche Holzstäbchen, aus deren Enden Stecknadelköpfe unterschiedlicher Größe ragen. Das ist ihr Arbeitsgerät, um Strich für Strich traditionelle Ostermuster entstehen zu lassen.

 Geschickt taucht sie einen Stecknadelkopf in das Wachs, zieht einen kleinen wächsernen Bogen auf das Ei und wiederholt diesen Vorgang ein ums andere Mal. Im Kreis gesetzt werden die Wachsstriche zum Symbol der Ostersonne – die wiederum für das Licht des Herrn für alle Menschen, für die Mitte des Himmels, für Wachstum, Wärme und Lebensglück stehe, wie Kahle erklärt. Andere Muster stellen die aufgehende Ostersonne, das Kreuz, die Dornenkrone oder auch die Tränen Marias unter dem Kreuz dar.

 Was diese schönen Muster zu bedeuten haben, das erklärt Kahle immer dann, wenn sie Besucher in ihrer Ausstellung hat. Auf ihrer Diele kann sich dort jeder nach Belieben umsehen. Wer aber mehr wissen will, kann auch um eine kleine Führung bitten. Anschaulich erzählt sie dann nicht nur davon, wie die Ostereier entstehen, sondern auch von den Hintergründen der Symbole und davon, welche Bedeutungen die unterschiedlichen Farben haben: Grün für die Wiedergeburt der Natur und den Sieg über den Tod, Violett für die Passionszeit, Rot für Christi vergossenes Blut. Anschaulich sind die Erzählungen und detailreich. Mit Führungen, insbesondere auch im christlichen Kontext, kennt die 73-Jährige sich aus. Schließlich hat sie bis zu ihrer Pensionierung im Kloster Loccum als Küsterin gearbeitet und als solche so manche Gruppe durch Kirche und Kapellen geführt.

 Während sie das Wachs auf die Eier aufträgt, ist noch nicht viel zu erkennen. Kaum mehr als ein wenig Glanz zeigt an, wo bereits Striche gesetzt wurden. Rundum wird jedes Ei so verziert - geduldig und mit einem eigenen Rhythmus. Kein Ei wird später wie das andere aussehen, auch wenn sie sich ähneln, ist jedes doch ein Unikat.

 Ist der letzte Strich gesetzt, kommt der Farbeimer zum Einsatz. Die abgetropften Eier setzt Kahle dann auf ein Nagelbrett, das sie sich gebastelt hat. So manches Ei bekommt den gesamten Vorgang noch ein zweites Mal zu spüren - weitere Wachsstriche, die aufgetragen werden, noch einmal ab ins Färbebad. Das Ergebnis sind dann drei Farben auf dem Ei.

 Wunderschön sehen die Eier bereits aus, wenn sie trocknend nahe der Fensterbank stehen. Was allerdings noch fehlt, das ist der Glanz. Der Kachelofen in der Küche wird dafür genutzt. Für die notwendige Temperatur, die die Eier nun bekommen müssen, damit die Wachsstriche abgerieben werden können, hat Kahle ein Gespür entwickelt. Einer kleinen warmen Stube gleicht das Fach über der Feuerstelle, in das die Loccumerin die Eier schiebt. Das weiche Wachs der erwärmten Eier kann sie verreiben, denn eine dünne Schicht wird auf dem gesamten Ei verteilt. So kommt der Glanz zustande.

 Rund drei Stunden Arbeit stecken in jedem einzelnen dieser Eier. „Auch wenn ich es schon so lange mache“, sagt sie, „wird die Zeit nicht weniger.“ Es dauert nun einmal so lange, wie es dauert. Geduld ist notwendig. Aber die hat Kahle auch nach Jahrzehnten noch und freut sich Jahr für Jahr auf die Zeit vor Ostern.

 Ist ein großer Teil der Eier eingefärbt, so beginnt sie damit, ihre Diele herzurichten. Alte Truhen, Schränke und Tische hat sie dort stehen. Tischdecken und -läufer mit österlichen Motiven werden darauf ausgelegt, Schachteln, Kisten, Schalen, Mollen und Körbe im Raum verteilt. Um die Ostereier schön zur Geltung zu bringen, füllt sie diese Behälter mit ganz unterschiedlichem Material: Nichts lässt die blauen Eier schöner leuchten, als ein Bett aus zarten weißen Federn. Dunkelgrün kommt auf einem Nest aus Heu besonders gut zur Geltung. Andere Farben liegen auf Getreide oder Moos.

 Backen steht dann auch auf dem Plan: kleine Osterlämmer-Formen werden mit Teig gefüllt und ergänzen die Dekoration. Und hat der Osterhase mit dem christlichen Osterfest auch eigentlich nichts zu tun, so verteilt sie doch Häschen aus Porzellan zwischen den Eiern. Sanfter Kerzenschimmer beleuchtet die Szenerie.

 1987 hat sie die erste Ausstellung auf ihrer Diele aufgebaut. Jahr für Jahr hat sich etwas verändert, ist Neues hinzugekommen, aber auch Altes wieder aufgestellt worden. Manches Mal stehen ganze Busladungen mit Besuchern auf ihrer Diele. Selbst aus dem Mindener Raum würden Menschen zu ihr kommen, sagt Kahle. Dass sich ein Besuch lohnt, hat sich eben herumgesprochen.

 Die Eier-Ausstellung von Lieselotte Kahle ist noch bis zum 22. März zu sehen. An sieben Tagen in der Woche können Besucher dann von 14 bis 18 Uhr zu ihr nach Loccum in die Rehburger Straße 17 kommen. Zu weiteren Zeiten öffnet sie außerdem nach Absprache unter Telefon (05766) 201. ade

 Geduld ist nötig - unter anderem auch dann, wenn die gefärbten Eier auf einem Nagelbrett trocknen (links). Osterhasen aus Porzellan ergänzen die Ausstellung in der Diele von Kahles Bauernhof. Damit die blau gefärbten Eier besonders gut zur Geltung kommen, bereitet Kahle ihnen ein weiches Bett aus weißen Federn.ade (4)

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Der Media Store ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg in die digitale Welt. Das Angebot reicht von mobilen Endgeräten und Zubehör bis zur passenden Schulung für iPad und Co. mehr

Die SN-Apps gibt es für iPhone, iPad und Android-Geräte. Hier erfahren Sie, was sie bieten und wie Sie sich die Apps installieren können. mehr

Sport, Jugendthemen oder aktuelle Schlagzeilen? Mit acht Facebook-Kanälen bedienen die SN die unterschiedlichen Interessen der Nutzer und treten mit den Lesern direkt in den Kontakt. mehr