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Pforten dicht? Von wegen!

Thema des Tages Pforten dicht? Von wegen!

Es scheint, als kommt nicht so schnell jemand zurück, als seien die letzten Äpfel am Baum den Vögeln überlassen und der letzte Grünkohl auf dem Beet zur Zierde für Vorübergehende geblieben. Liegen in der Winterzeit alle Kleingärten so still da wie am Steinanger in Rinteln oder in den Hamelner Anlagen? Nein!

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Von Cornelia Kurth

Alles so schön aufgeräumt hier! Wie in bürgerlichen Wohnungen, die noch einmal gründlich sauber gemacht werden, bevor die Besitzer auf eine lange Reise gehen. Nicht bei Mulija Alic an der Rintelner Süd-Contrescarpe. „Kommen Sie, kommen Sie nur rein!“, ruft sie, als wir staunend am Zaun ihres Kleingartengrundstücks stehen bleiben. Ist das da tatsächlich ein Schäferhund mit Weihnachtsmütze mitten auf ihrem Rasen?

„Die meisten gucken jetzt nur noch ab und zu mal in ihren Gärten vorbei, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist“, sagt Wolfgang Schünemann über die Hamelner Kleingärtner. Er ist der Erste Vorsitzende des Bezirksverbandes „Hamelner Kleingärtner“ und behütet schon seit 35 Jahren ein eigenes Grundstück. „Im Winter wird ja das Wasser abgestellt und einen Gasofen besitzen nur die Wenigsten, da ist es natürlich schwer, es sich direkt im Häuschen gemütlich zu machen.“ Was er wohl zu Alics bunt geschmücktem Grundstück sagen würde und zu ihrem Gartenhaus, in dem es so warm ist wie neben einem Ofen? „Kommen Sie doch. Ich lade Sie zum Kaffee ein!“, ruft sie. Und öffnet uns die hohe Holztür zu ihrem Wintergarten-Paradies.

Der Schäferhund in der Gartenmitte ist eine lebensecht wirkende Figur. Den hat sie gekauft, als ihr eigener, geliebter Hund starb, und es scheint seine Würde keineswegs zu beeinträchtigen, dass sie ihm diese rote Mütze auf den Kopf setzte. Lichter leuchten an Häuschen und Geräteschuppen, überall glänzt weihnachtlicher Schmuck und am Zaun entlang wachsen winterfeste Pflanzen. „Wir sind fast immer hier“, sagt sie und schenkt den Kaffee ein. „Von mir aus kann es auch richtig kalt werden.“

Es gab Zeiten, da wurden Kleingärten tatsächlich rund ums Jahr benutzt, nach dem Krieg nämlich, als Wohnraum knapp war und man darüber hinwegsah, dass die Gesetzeslage ein dauerhaftes Wohnen in Kleingartenanlagen nicht vorsah. Schünemann kannte noch den letzten Hamelner, der in einem Gartenhaus lebte und leben durfte. Der ist aber vor zehn Jahren gestorben und das ihm persönlich zugestandene Dauerwohnrecht damit erloschen. Er weiß auch von einem Haus, das sogar unterkellert war. Die Nachfolger dieses Grundstücks allerdings mussten zurückbauen. Keller und mehr als 24 Quadratmeter Grundfläche werden nicht geduldet, auch dann nicht, wenn Anbauten in der Nachkriegszeit entstanden.

Alic besitzt ihr auch im Sommer wunderschön hergerichtetes Grundstück erst seit anderthalb Jahren und hat zusammen mit ihrem Lebensgefährten bisher dreimal im Häuschen übernachtet. So etwas ist auch erlaubt und zur Sommerzeit gang und gäbe, vielleicht nicht gerade in Rinteln, wo es nur ein paar eher verstreute Anlagen gibt, wohl aber in den insgesamt fünfzehn Kleingartenanlagen von Hameln.

„Eine oder zwei Nächte bleiben, da sagt niemand was“, meint Schünemann. Das gilt natürlich nicht für obdachlose Menschen, die sich winters vielleicht heimlich einschleichen könnten, um der Kälte zu entkommen. „Man guckt schon immer mal wieder nach, ob nichts Ungesetzliches passiert“, sagt er. „Aber Obdachlose sind hier kein Problem, eher mal jemand, der einsteigt, um was zu klauen.“

Er lacht: „Doch was Diebe schon mitnehmen? In den allermeisten Häuschen ist ja nichts.“ Bei ihm stehen nur ein altes Radio und ein Kassettenrekorder. „Das lohnt sich wohl kaum!“ Einmal, vor zehn Jahren wurde ihm ein Fünf-Liter-Eimer Vogelfutter entwendet, na ja. Er glaubt, dass es in erster Linie Jugendliche auf der Suche nach alkoholischen Getränken sind, die ab und zu mal einen Einbruch machen und dabei Scheiben oder ein Türschloss zerstören.

Bei Alic könnte man es sich auch im Winter so richtig gemütlich machen. Obwohl wir doch nur zufällig mit der gastfreundlichen Frau ins Gespräch kamen, dürfen wir in ihr Gartenhaus eintreten, nicht ohne vorher allerdings die Schuhe auszuziehen. Die wohlige Wärme, die der dicke Gasofen ausstrahlt, würde auch einen sibirischen Winter erträglich machen (Mulija Alic stammt aber nicht aus Russland, sondern kommt ursprünglich aus Sarajewo). Doch Alic drängt es erst mal nicht in diese Gemütlichkeit hinein. Wenn sie nicht gerade, wie heute und oftmals, mit ihrer guten Freundin unter Zeltdach und Decke zusammensitzt und plaudert, dann findet sie immer etwas in ihrem Garten zu tun, Winterzeit hin oder her.

Wie es Schünemann auch von den Hamelern berichtet, nutzten sie und ihr Lebensgefährte die Ruhephase des Gartens dazu, um zu fegen und zu putzen, die Geräte zu säubern, die Büsche und Bäume zu beschneiden, die Beete von allen Ernteüberbleibseln zu befreien und also insgesamt für Flaneure diesen Eindruck von Aufgeräumtheit zu erzeugen, der die meisten winterlichen Kleingärten auszeichnet.

„Bei uns ist aber trotzdem durchaus was los“, sagt Schünemann. In seiner Kleingartenkolonie „Heideweg“ etwa werden Nikolaus- und Weihnachtsfeiern abgehalten, die Mitgliederversammlungen finden statt und dazu die Vorstandswahlen. Man kennt sich ja über viele Jahre, und es würde schwer fallen, bis zum März und der neuen Saison auf ein Wiedersehen zu warten. Das ist in Hameln mit dem Verein, zu dem sich alle Kleingärtner zusammengeschlossen haben, anders als in Rinteln. Da gibt es keinen Kleingartenverein. Die Grundstücke werden teils von der Stadt, teils von der Kirche und auch von privat vermietet, was nicht heißt, dass in Gegenden ohne Kleingartenverein das Bundeskleingartengesetz nicht gälte.

Wer in den Genuss von günstiger Pacht und der Erlaubnis, ein Häuschen zu bauen kommen will, muss (eigentlich) auch wirklich „kleingärtnern“. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das der Zweck der Gründung von sogenannten „Armengärten“, die es, mithilfe von Begüterten, der wachsenden Bevölkerung in den Städten erlauben sollte, eigenes Obst und Gemüse anzubauen. Später trat der Gedanke von „Familiengärten“ für die von der Natur eher abgeschnittenen Städter hinzu, und so gilt auch heute alles in allem noch, dass die Anlagen zu einem Drittel dem Gärtnerischen dienen sollen, zum zweiten Drittel der Freizeitgestaltung und zum dritten Teil dem Häuschen samt Gartenwegen.

Schünemann erinnert sich noch an einen Kleingarten-Nachbarn, der für seine geernteten Möhren und Schwarzwurzeln regelrechte „Mieten“ baute, sie also über den Winter in Erdmulden legte und mit Erde und Kastanienlaub („Das modert sehr langsam“) bedeckte. „Früher spielte der Gemüseanbau eine sehr große Rolle“, sagt er. „Heute dagegen sehen manche Grundstücke mit ihren Sportgeräten und Swimmingpools ja glatt aus wie ein Freizeitpark.“

Zum Glück halten sich die meisten Leute aber an die Grundregel der „Drittelteilung“ bei der Nutzung. „Das ist zu unserem eigenen Schutz“, meint Schünemann. „Damit wir weiterhin unsere günstigen Pachtverträge von 20 Cent pro Quadratmeter abschließen können.“ Bei bloßer Freizeitnutzung wären es nämlich 40 Cent pro Quadratmeter.

Der Kaffee bei Mulija Alic ist ausgetrunken. Es hat großen Spaß gemacht, bei der lebhaften Frau zu sitzen, Geschichten zu hören und diesen liebevoll gestalteten Garten zu besichtigen. Man könnte glatt Lust bekommen, selbst so ein Grundstück zu erwerben. „Das dürfte allerdings sehr schwierig sein“, heißt es aus der Rintelner Stadtverwaltung.

Die Grundstücke seien sehr begehrt und gingen, wenn überhaupt, meistens unter der Hand weg. Aber wir haben ja noch Mulija Alic. „Kommen Sie wieder vorbei, egal ob im Winter oder Sommer“, sagt sie. „Einen Kaffee habe ich immer für Sie.“

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