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Plötzlich allein

Verlust des Partners Plötzlich allein

Der Gedanke an den Verlust des Partners ist gerade bei jungen Paaren weit weg. Umso härter trifft der Schlag, wenn der wichtigste Mensch im Leben abrupt aus dem Leben scheidet. Maria (Name von der Redaktion geändert) erzählt, wie der Verlust ihres Lebensgefährten ihr Leben verändert hat.

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Von Jan Schaumburg

Die junge Frau wirkt gefasst, ihr Rücken ist gerade und ihre Hände liegen zusammengefaltet auf den Schenkeln. Im Hintergrund des aufgeräumten Zimmers ist Rockmusik zu hören, die von ihrer klaren Aussprache jedoch übertönt wird. „Ohne das kann ich nicht darüber sprechen“, sagt Maria (Name von der Redaktion geändert). Die Mittdreißigerin entspannt sich ein wenig und macht es sich auf der Couch etwas bequemer. Sie sitzt genau auf dem Möbelstück, auf dem das Herz ihres Partners im November 2014 aufgehört hat, zu schlagen.

16 Jahre war sie mit Michael (Name ebenfalls geändert) zusammen, der völlig überraschend aus ihrem Leben gerissen wurde. „Er war einfach tot“, sagt sie. Diagnose: Herzstillstand. Mit Anfang 40. Am Abend waren sie noch feiern gewesen, nichts deutete auf Probleme hin. In der Nacht war Maria plötzlich allein im Bett und sah, dass Licht im Wohnzimmer brennt. Dort saß Michael. Er bewegte sich nicht mehr.

Die Stunden danach lassen sich nur mühsam rekapitulieren. Polizei, Rettungswagen – „alles ist an mir vorbei gegangen“, sagt die junge Frau. Marias Mutter machte sich sofort auf den Weg zu ihr. Den Anruf bei Michaels Eltern übernahm der Notarzt, Maria fehlte die Kraft. „Es klingt blöd, weil es so oft gesagt wird. Aber es hat mir wirklich den Boden unter den Füßen weggerissen.“ Und der Fall war tief. Es dauerte eine Weile, bis Maria den Boden erreicht hatte, um wieder aufstehen zu können.

Die Tage nach Michaels Tod haben sich Freunde und Bekannte von Maria „die Klinke in die Hand gegeben“. „Natürlich, das war alles nett gemeint, aber ich brauchte Ruhe, um realisieren zu können, was passiert ist.“ Nur ihre Familie und die engsten Freunde haben Maria zu Gesicht bekommen. Sie stellte die Türklingel ab, saß oft regungslos in der Küche und rauchte – wenn sie nicht gerade schlief. „Könnte an den vielen Beruhigungsmitteln gelegen haben“ erinnert sie sich mit einem traurigen Lächeln.

Doch schon bald konnte Maria nicht mehr ruhig sitzen. Sie spürte in sich eine unbändige Wut aufkommen, die sie bereitwillig zuließ. „Ich habe durch die Wohnung geschrien, war wütend.“ Gegenstände flogen durch die Zimmer. Ihre Wut richtete sich auf die Welt und das Schicksal. Und auf Michael, der sie im Hier und Jetzt alleine zurückgelassen hatte. „Ich war so sauer, das kann man sich gar nicht vorstellen.“

„Irgendwann machte es aber Klick“, sagt Maria. „Ich habe an die schönen Sachen gedacht.“ Sie habe sich die Frage gestellt, was Michael durch seinen Tod womöglich erspart geblieben ist. „Ich bin heute so dankbar für die Zeit, die ich mit ihm hatte“, sagt sie mit glasigem Blick.
Das sind immerhin 16 Jahre gewesen. Eine halbe Ewigkeit. Genug Zeit, um zusammenzuwachsen, um herauszufinden, wohin man will. Kinder standen nie zur Debatte. „Das war irgendwie nie ein Thema bei uns“, sagt Maria. Heiraten ebenso wenig. Stattdessen hat das Paar viel unternommen, war oft abends unterwegs und hat viele Freundschaften geschlossen. „Ohne die und meine Familie wäre ich verloren gewesen“, ist sich Maria sicher.

Jene Menschen halfen ihr auch beim Umzug aus der gemeinsamen Wohnung. „Ich musste so schnell wie möglich dort weg“, erinnert sich Maria. Ins Wohnzimmer, dem Ort, wo Michaels Herz aufgehört hat zu schlagen, sei sie gar nicht mehr gegangen. „Oft hatte ich dort das Gefühl, dass Michael hinter mir steht, mir einen Tritt in den Allerwertesten verpassen und mir sagen will: ’Raus hier!‘“ So schnell es ging erfolgte der Umzug, auch wenn sich Maria dabei von gewissen Möbelstücken sowie einigen Habseligkeiten von Michael nicht trennen konnte.
In der neuen Unterkunft traf sie sich mit ihren Freunden, besuchte Konzerte, ging abends weg. Außerdem waren beziehungsweise sind Maria und Michael Anhänger eines Fußball-Bundesligisten, inklusive regelmäßiger Stadionbesuche. „Als ich das erste Mal wieder mit Freunden in der Arena war, hab ich auch für ihn gebrüllt“, erinnert sich Maria.

Der Versuch, wieder aktiv am Leben teilzunehmen, sei für manche Personen aus ihrem Umfeld „unverständlich“ gewesen. „Viele haben noch das Trauerjahr im Kopf. Aber das hilft doch niemanden“, ist sie sicher. „Die Mitmenschen haben immer gewisse Erwartungen“, erklärt Maria. Auch auf die Frage, wie es ihr geht, habe sie oft mit „gut“ geantwortet, auch wenn sie sich in Wahrheit nicht im Ansatz wohl fühlte. „Damit kann dein Gegenüber zwar nichts anfangen, aber ich gerate in keine Erklärungsnot und muss nicht zum hundertsten Mal dasselbe erzählen.“
Die junge Frau konnte sogar so viel Energie sammeln, wieder arbeiten zu gehen. „Ich habe einen tollen Arbeitgeber, der mir viel Zeit gelassen hat“, sagt sie.

Doch gerade dort ist Maria täglich mit dem Tod konfrontiert. Als Sterbebegleiterin im Altenheim hilft sie älteren Menschen, einen würdevollen Weg aus dem irdischen Leben zu finden. „Das tat sogar irgendwie gut“, sagt Maria. Für sie sei es Arbeit gewesen, „es hat mich abgelenkt“, erinnert sie sich. Als die Bewohner des Heims von dem Schicksal Marias erfuhren, hätten ihre Reaktionen die Mittdreißigerin sehr gerührt. „Sie sagten: ‚Wir wären doch an der Reihe gewesen‘“, erinnert sie sich.

Die Arbeit in der christlichen Einrichtung möchte sie fortsetzen, an ihrem Glauben regten sich allerdings beträchtliche Zweifel. „Natürlich stellt man sich die Frage, warum gerade ich?“ Ihr Glaube hat sich auf die Vorstellung reduziert, dass irgendwas zwischen Himmel und Erde ist. Früher habe sie geglaubt, dass alles im Leben einen Sinn hat, den man nicht gleich erkennt. „Ob ich den aber jetzt noch zu Lebzeiten finde, sei mal dahingestellt.“

Ihr Verhältnis zum Tod hat sich durch den Verlust von Michael dagegen nicht geändert: „Sterben müssen wir alle“, sagt sie. „Nur können sich die Menschen von einer 95-Jährigen verabschieden“, so Maria weiter. Es schmerze am meisten, dass ihr diese Möglichkeit bei Michael verwehrt blieb.

Aber es musste irgendwie weiter gehen. Maria hat auf ihre Art Konsequenzen aus dem Verlust gezogen. „Man gewöhnt sich ab, Dinge zu tun, die man eigentlich nicht will und lebt bewusster“, sagt sie. Schließlich wisse man nicht, was morgen kommt. „’Ach hätte ich doch mal‘ will ich später nicht sagen.“ Sie habe nicht vor, ihr Leben einfach aufzugeben. Und egal, was sich Maria auch vornimmt, „Michael wird mich immer begleiten“.

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