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Radweg-Revolution

Thema des Tages Radweg-Revolution

Runter vom Radweg! So lautet die Devise der Fahrradlobby. Und so heißt es seit fast 20 Jahren in der Straßenverkehrsordnung. Seit 1998 steht es Radlern frei, auf der Straße zu fahren. Nur wo die typischen blauen Schilder stehen, müssen sie zwingend den Radweg benutzen. Das wissen allerdings nur die wenigsten Rad- und Autofahrer. Konflikte sind vorprogrammiert. Ein Radausflug.

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Radfahrer sollen nach Wunsch der Fahrrad-Lobby dazu ermutigt werden, auf der Straße zu fahren.

Quelle: dpa

Thema des Tages. Eigentlich ist es ganz einfach: Radfahrer dürfen grundsätzlich auf der Straße fahren. Und ein Radweg muss nur dann zwingend benutzt werden, wenn er mit einem der folgenden Verkehrszeichen beschildert ist: Ein weißes Fahrrad auf blauem Grund zeichnet ihn als reinen Fahrradweg aus, die Schilder mit Fußgängern und einem Fahrrad neben- und übereinander kennzeichnen ihn als kombinierten Geh- und Radweg. Ganz so einfach, wie es die Straßenverkehrsordnung seit einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts im Jahr 2010 regelt, ist es dann aber doch nicht. Denn die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer – Auto- wie Radfahrer – weiß nichts von der Aufhebung der sogenannten Radwegebenutzungspflicht.

Aggressive Überholmanöver und wütendes Hupen

Bestätigt wird das durch eine Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) aus dem Jahr 2013. 85 Prozent der Befragten antworteten auf die Frage, ob ein vorhandener Radweg auch tatsächlich zwingend benutzt werden muss, mit Ja. Diese Ahnungslosigkeit spiegelt sich jeden Tag auf den Straßen wider: Autofahrer reagieren mit aggressiven Überholmanövern und wütendem Hupen auf Radler, die vor ihnen auf der Fahrbahn unterwegs sind. Zahlreiche Radfahrer wiederum befahren weiterhin die oftmals durch Bordsteine abgegrenzten Seitenstreifen – selbst dann, wenn sie als reine Gehwege nicht für den Radverkehr zulässig sind.

Nicht zu unterschätzende Gefahr

„Die Macht der Gewohnheit“, kommentiert Joachim Toemmler die Situation und berichtet von einem Beispiel vor seiner Haustür im Haster Ortsteil Wilhelmsdorf. Weil der kombinierte Rad- und Gehweg durchs Dorf weder der aktuellen Rechtslage noch den Anforderungen entsprach, hat der Landkreis als zuständige Straßenverkehrsbehörde Anfang 2015 die Benutzungspflicht für Radler aufgehoben. Seitdem ist der baulich durch einen Bordstein und farbiges Pflaster gekennzeichnete Seitenstreifen der L 449 nur noch für Fußgänger zugelassen, und als reiner Gehweg beschildert. Eigentlich erfreulich, findet der passionierte Radfahrer und Leiter der Haster Radtouren-Gruppe MBPE. Wäre da nicht die Tatsache, dass nach wie vor zahlreiche Radfahrer in beide Fahrtrichtungen auf dem Gehweg unterwegs sind – und sich dadurch einer nicht zu unterschätzenden Gefahr aussetzen.

Das Problem: Der ehemalige Radweg ist für Autofahrer, die aus dem Kurzen Weg und aus dem Asternweg auf die Waldstraße einbiegen wollen, nur schwer einsehbar, schnelle Radler können leicht übersehen werden. Es habe schon mehrere Beinahe-Unfälle gegeben, betont Toemmler. Vor der Umwandlung in einen Gehweg warnten an beiden Einbiegungen Schilder vor kreuzenden Radfahrern. Diese wurden aber abmontiert.

"Die Leute sind es gewohnt"

Der 66-Jährige kann nachvollziehen, wieso die Radfahrer in großer Zahl auf dem Gehweg bleiben. Das subjektive Sicherheitsgefühl sei größer, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen immer wieder belegen, dass Radfahrer in Sachen Sicherheit auf der Straße besser aufgehoben sind als auf dem Radweg. Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) erklärt, dass es beim Radfahren auf der Straße zu weniger schweren Unfällen an Kreuzungen und Einmündungen kommt, weil Radler besser von anderen Verkehrsteilnehmern gesehen werden. „Aber die Leute sind es einfach gewöhnt, auf dem Gehweg zu fahren, der ja auch wegen der roten Pflasterung weiter als Radweg wahrgenommen wird“, sagt Toemmler.

Fahrradpiktogramm auf der Straße

Der Wilhelmsdorfer wünscht sich mehr Engagement von den Behörden, Radfahrern im Dorf auf die Veränderung der Rechtslage hinzuweisen und sie zu motivieren, die Fahrbahn zu nutzen. „Es kann nicht die Lösung sein, wenn der Landkreis pauschal sagt, hier gehört der Radfahrer auf die Straße, und dann den Radverkehr sich selbst überlässt.“ Vorstellbar wäre für ihn zum Beispiel ein Fahrradpiktogramm auf der Straße, das Radlern kurz vor dem Gehweg klar macht, dass sie auf die Fahrbahn lenken sollen. Dieses ist nach Auskunft von Andrea Stüdemann, im Landkreis zuständig für das Straßenverkehrsamt, allerdings nicht möglich. Der Grund: Ein Piktogramm widerspreche an dieser Stelle der Straßenverkehrsordnung.

Für den leidenschaftlichen Radfahrer Toemmler verweist das Beispiel Wilhelmsdorf auf ein generelles Problem. Die zuständigen Verkehrsbehörden auf Kreis- und Gemeindeebene nehmen den Radverkehr nicht ernst und reagieren nicht schnell genug auf die veränderte Straßenverkehrsordnung. Schließlich gebe es in Schaumburg noch zahlreiche benutzungspflichtige Radwege, die nicht der aktuellen Rechtslage entsprechen.

Radweg Horsten

In Schaumburg gibt es immer noch benutzungspflichtige Radwege, die nicht der aktuellen Rechtslage entsprechen. Ein Beispiel ist der Radweg in Horsten. Während der Landkreis die Benutzungspflicht des Radweges entlang der Straße Im Dorfe im Januar 2015 aufgehoben hat, muss an der Straße Ostende noch auf dem kombinierten Geh-/Radweg gefahren werden. Das ist laut Straßenverkehrsordnung nicht zulässig, weil es eine Tempo-30-Zone ist. Zuständig ist die Samtgemeinde Nenndorf.  Foto: kcg

Felix Wells, verkehrspolitischer Sprecher des ADFC Schaumburg, kommentiert die Situation weniger kritisch. „Wir sind in einer Übergangsphase“, sagt der Bückeburger. Für die Verkehrsbehörden ist die Aufhebung der Benutzungspflicht für Radwege eine riesige Herausforderung. Landkreis, Städte und Gemeinden müssen alle Radwege in ihrem Zuständigkeitsbereich dahingehend beurteilen, ob er zwingend befahren werden muss, oder nicht. Dabei gilt, dass Radfahrer nur dann auf einen Radweg geschickt werden können, wenn das Fahren auf der Straße zu gefährlich ist. Außerdem muss die Qualität des Radweges stimmen, was Oberfläche, Breite und Linienführung angeht. „Es hat sich schon viel getan“, betont Wells.

Von der Mehrheit nicht angewendet

Das Problem sei viel mehr, dass sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt habe, was viele Jahre Leitlinie der Verkehrsplaner war. Nämlich Radfahrer vom Verkehr auf den Straßen zu trennen. „Das ist nicht einfach so durch eine Novelle der Straßenverkehrsordnung abzustellen“, meint Wells. Radler würden sich nach wie vor auf Radwegen sicherer fühlen. Die Behörden hätten nun die schwierige Aufgabe, „etwas rechtskonform zu machen, was von der Mehrheit nicht akzeptiert und angewendet wird.“

Wells setzt vor allem auf eines: Aufklärung. So informiere der ADFC seine Mitglieder immer wieder über Neuregelungen in der Straßenverkehrsordnung. Wells selbst hat in Bückeburg die Initiative „Critical Mass“ ins Leben gerufen, die für mehr Verständnis und Akzeptanz von Radfahrern auf der Straße wirbt. Sein Ziel: Vor allem Autofahrer dafür sensibilisieren, dass Radfahrer auf der Straße zur Normalität gehören und nicht als Verkehrshindernis an den Straßenrand gekehrt werden wollen. „Je mehr Radverkehr auf der Straße stattfindet, desto alltäglicher wird es für Autofahrer“, betont der 43-Jährige.

Das ist auch im Sinne von Joachim Toemmler. „Nehmen die Autofahrer Rücksicht, müsste kein Radfahrer mehr Angst haben, auf der Straße zu fahren.“ kcg

Hintergrund

Seit 1998 ist die Radwegebenutzungspflicht an enge Bedingungen geknüpft: Fehlt ein blaues Schild mit weißem Fahrradsymbol am Radweg, können Radler wählen, ob sie auf der Straße fahren wollen. 2010 konkretisierte das Bundesverwaltungsgericht diese Fahrrad-Novelle der Straßenverkehrsordnung. Radfahrer dürften nur noch dort zur Benutzung gezwungen werden, wo das Fahren auf der Straße eine konkrete Gefahr bedeute, urteilten die Richter.

Der Regelfall ist seitdem das Radfahren auf der Fahrbahn. Für die einzelnen Straßenverkehrsbehörden bedeutet das Urteil eine Menge Arbeit. Sie müssen jeden Radweg überprüfen und gegebenenfalls die Benutzungspflicht aufheben – immer in enger Abstimmung mit Polizei und Straßenbaulastträger. „Wir begutachten sukzessive jeden Radweg an klassifizierten Straßen, können aber nicht alle auf einmal bearbeiten“, erklärt Andrea Stüdemann, Mitarbeiterin des Landkreises. Einmal im Monat findet dafür eine Verkehrsbesprechung statt, dazu kommen die jährlichen Verkehrsschauen, die sich in regelmäßigen Abständen auch den Radwegen im Landkreis widmen. Bei Letztgenannten werden auch ADFC, ADAC und die Vertreter der Gemeinden einbezogen.  kcg

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