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Das Mittelalterspektakel MPS in Bückeburg ist seit ein paar Tagen vorbei, doch für viele Mittelalterfans ist die Großveranstaltung im Schlosspark längst nicht das einzige Treffen dieser Art im Jahr. Die Leidenschaft für das Zeitalter prägt für viele eine Lebenseinstellung. Genährt wird sie fast immer von der Sehnsucht, aus dem Alltag auszusteigen, zu entschleunigen, in Kostüme und Rollen zu schlüpfen oder spirituellen Widerhall zu finden.

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Wenzels Ritterturnier ist immer ein großer Publikumsmagnet.

Landkreis (Von Gabriele Laube). Bauern, Piraten, Ritter und Larps, Pilger, Templer und Steampunks belagerten die Wiesen und Wälder vor dem Mausoleum in Bückeburg beim Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (MPS).

Mehr als 200 Händler bauten ihre Stände auf. Phantasievoll gewandete Besucher zogen die Blicke auf sich und Elfen, Orks, sogar der Tod suchten das Gelände heim. Das Mittelalter war wieder mal zu Gast in Bückeburg – gebracht hat es die Phantasie. Was aber treibt die Menschen eigentlich dazu, Jahr für Jahr ins düstere Mittelalter abzutauchen?

Die Anziehungskraft der Epoche liegt für viele wohl in der Vorstellung, dass Werte damals noch etwas zählten, die Menschen fest zusammenhielten und sich gegenseitig halfen. Statt Politikern trugen Könige und Ritter die Verantwortung für ihre Untertanen, sorgten für und wachten über diese. Und jeder wusste, wo sein unveränderlicher Platz in der religiösen Gemeinschaft war; der Handwerker, der Bauer, der Ritter ebenso wie der Bettler. Solche Beständigkeit suchen viele in der modernen Welt. Wo neue Technologien rasante Veränderungen nach sich ziehen, gestaltet sich das Leben immer komplexer. Die Menschen im Mittelalter dagegen lebten einfach und versorgten sich meistens komplett selbst mit Kleidung, Werkzeug, Schuhen oder Waffen.

Weil Aufzeichnungen dieser einfachen Leute fehlen, bleibt uns heute genügend Spielraum, uns deren Leben auszumalen. Wie es gewesen sein könnte, zeigen die Handwerker und das Heerlager auf dem MPS.

Verwunschen romantisch

Der Lagerplatz im Wald wirkt verwunschen romantisch, weiße Zelte, ein überdachter Essplatz, eine wohlriechende Gemüsesuppe köchelt. An einer Feuerschale hängt ein eiserner Wasserkessel, über dem offenen Feuer räuchern Speck und Würste. Wie lange schon, weiß nur die barfüßige Frau im Gewand. Den dunkelroten Rock und die naturfarbene Kutte aus grobem Leinenstoff hat sie selbst geschneidert und gefärbt. Ein Angebot an Kinderspielen, Dosenwerfen und Kräuterspezialitäten steht bereit, um etwas Geld in die Familienkasse zu bringen.

Zwei Mädchen spielen versunken auf dem staubigen Waldboden. Ihre alleinerziehende Mutter erzählt aus dem Leben der Familie. Daheim, in Castrop-Rauxel, wo mit Hartz IV und Teilzeitjob nur wenig Geld übrig bleibt für das mittelalterliche Hobby und viele Utensilien selbst hergestellt werden.

Die Rolle der molligen Bauersfrau und Kräutersammlerin wirkt echt. Dass beim Lagerleben einfache Mahlzeit reichen müssen, um die hungrigen Mäuler zu stopfen, das kennt sie von zu Hause. Im Winter erinnert die harte Räucherwurst, eine deftige Leckerei, an das ungebundene Leben in freier Natur.

Seit sieben Jahren zieht die lebenslustige Frau mit ihren vier Kindern an verschiedenen Wochenenden im Jahr ins Heerlager. Bückeburg liegt am weitesten entfernt. Ihr ältester Sohn, Mitglied des Clans „Zur Betrunkenen Spinne“, überredete sie mitzumachen und stieß auf offene Ohren. Welche Mutter wünscht sich nicht, ihren Kindern etwas Besonderes bieten zu können? Das gemeinsame Interesse für das Mittelalterliche gibt den Ausschlag, und seither genießt die Familie diesen individuellen Campingurlaub und den Respekt einer solidarischen Gemeinschaft.

„Unterwegs im Auftrag der Pferde“

Auf der großen Wiese vorm Wald bereiten sich die Ritter auf das Turnier vor. Sir Arthur of Essex sitzt auf. Der grüne Ritter ist gefordert, sich im Wettstreit mit Lanze, Bogen und Geschicklichkeit zu messen. Es geht um den Turniergewinn, eine Schatztruhe voller Gold, die hätte der Angelsachse gern, sein Darsteller wohl auch. Das Künstlerdasein ist ein hartes Brot, meint Knut Klug. Als Teil von Wenzels Ritterturniergruppe mimt der 47-jährige Profi aus Cottbus den Ritter von Essex bei verschiedenen Aufführungen im Jahr, er ist Stuntreiter und genießt den sportlichen Aspekt seiner Arbeit. Doch das Tierwohl steht für ihn an erster Stelle: „Unterwegs im Auftrag der Pferde“ lautet sein Motto.

Wie so viele Akteure bei Mittelalterfestivals teilt auch er sein Leben saisonweise auf. Von Oktober bis April liegt seine Gewandung im Schrank – es sei denn, Film- oder Fernsehen rufen die Truppe für Aufnahmen. Der Ritter aus Leidenschaft besitzt im Nebenerwerb eine Landwirtschaft. Schon als Kind war Klug fasziniert von Pferden und spielte begeistert Indianer oder Ritter. So kam es, dass er bereits im Alter von zwölf Jahren sein Können bei Reitshows zeigen durfte.

Es ging ihm nie um Reichtum im Sinne von Geld, sondern darum, anders zu sein – damals in der DDR, heute in Bückeburg. Und dann beschreibt er seinen Höhepunkt, den Grund für sein Rittersein im 21. Jahrhundert: „Mit 30 Stundenkilometern losreiten, die Lanze ausbalancieren und den Glücksmoment genießen, wenn du den Schild triffst und das Adrenalin in den Körper schießt. Und das erlebst du jeden Tag neu, live in deinen Venen – und nicht als Zuschauer.“

Eine Wiese weiter ziehen zwei in einem Mini-Zelt umherwuselnde Frettchen die Aufmerksamkeit der Passanten auf das Lager der Nebelschwingen. Ein Druide mit geschwungenen Spitzohren hütet die possierlichen Tierchen und wacht über die Zelte seines Heerlagers. Gwenarzh lautet sein Name, unter der weißen Kutte des Wildling-Heilers steckt Christian Baar aus Pattensen. Geld verdient er als Elektriker, seine Passion aber gilt dem Live-Action-Role-Playing, kurz Larp. Der 30-Jährige wartet auf Ablösung, um am Pestumzug teilnehmen zu können, denn jede Truppe im Heerlager ist dazu verpflichtet. Doch das Lager darf nicht unbeaufsichtigt bleiben – so lauten die Regeln beim MPS. Die Larper würden von den Mittelalterleuten mit Misstrauen betrachtet, meint der rothaarige Baar, denn sie tragen keine Metallwaffen, wirken also nicht authentisch. Schlimm seien auch die Templer, die beim Anblick roter Haare stets Hexenwerk unterstellen und „Verbrennt sie!“ schreien.

Die Rattenfänger

Eines der 55 Heerlager trägt im Banner den germanischen Namen Aldiz van Hamelon, zusammen mit dem Stadtwappen von Hameln. Aldiz bedeutet „die Menschen“, oder? Thomas Röpke übersetzt: „Die Rattenfänger.“ Der gepflegt wirkende Mann in olivgrüner Kutte mit dem langen grauen Bartzopf und der Wollmütze erklärt: „Wir haben uns eine Geschichte überlegt, um unsere Gruppe zu etablieren. Es ist nicht einfach, hier in Bückeburg einen Platz zu bekommen.“ Und so ziehen sie als Rattenfänger im 12. Jahrhundert umher, auf der Suche nach den verlorenen Kindern und teilen sich als Bauern und Bogenschützen die Zelte.

Viele Stunden Planung und Handarbeit liegen hinter Aldiz van Hamelon. Jetzt können die Mittelalterliebhaber ihre Mahlzeiten am selbst gebauten Holztisch genießen. Das Lager besteht in diesem Jahr aus acht Personen aus der Umgebung von Hameln, Bad Münder, Springe und Schaumburg. Die Eheleute Röpke wohnen im Aerzener Ortsteil Grupenhagen. Die Gruppe erhaschte in ihrem dritten Jahr im Bückeburger Heerlager einen gut gelegenen Waldplatz. Die Attraktion des Lagers ist eine Bogenbahn, profimäßig betreut von einem Schaumburger Bogenbauer, der von dem angestellten Prüftechniker extra engagiert wurde. Röpkes Konzept, dem flanierenden Publikum etwas zu bieten, geht auf.

Mittelaltermärkte besuchten die Eheleute Röpke schon vor über 20 Jahren gerne, aber nur zum Schauen und Kaufen. Sie bewunderten die Handwerkskünste, genossen die gelebte Tradition und fanden Gefallen am Bogenschießen. Doch erst vor acht Jahren, als ein Arbeitskollege Röpke für die Gemeinschaft des Heerlagers gewann, wurden sie von Zuschauern zu Darstellern und der bloße Zeitvertreib zum engagiert betriebenen Hobby.

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