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Rotkäppchen kann aufatmen

Rückkehr des Wolfes Rotkäppchen kann aufatmen

Nachdem die Brüder Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts „Rotkäppchen“ veröffentlicht haben, galten Wölfe als Gefahr. Die unnachgiebige Jagd auf das Raubtier führte zur Ausrottung von Isegrim in Deutschland. Mittlerweile leben bundesweit wieder rund 30 Rudel. Doch was bedeutet die Rückkehr des Raubtiers für die Bevölkerung in Norddeutschland? Besteht die Gefahr von Angriffen auf Menschen und Haustiere? Experten meinen: Alles halb so wild.

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Quelle: dpa

Landkreis. Wird auch Schaumburg zum Wolfsrevier?

Der Wolfsbeauftragte Florian Brandes hält es für unwahrscheinlich, dass sich Wolfsrudel im dicht besiedelten Schaumburger Land ansiedeln. Beutetiere seien zwar genügend vorhanden, aber es fehle an Rückzugsgebieten für die Aufzucht der Jungen. „Wölfe brauchen ein mehrere Quadratkilometer großes Gebiet, durch das nicht täglich ein Mensch kommt.“ Denkbar sei, dass einzelne Altwölfe nach Schaumburg kommen. Die Streifgebiete der Wölfe erstrecken sich über 200 bis 300 Quadratkilometern. Nach Einschätzung von Brandes werde sich die Wolfspopulation in Norddeutschland schnell auf eine feste Größe einpendeln. „Wenn die Reviere abgesteckt sind, siedeln sich keine weiteren Rudeln an.“

 

Wie groß ist die Gefahr, einem Wolf in freier Wildbahn zu begegnen?

Sehr gering, meint Brandes. „Die Tiere haben einen ausgeprägten Geruchssinn und ein sehr empfindliches Gehör. Wenn sie Menschen wittern, suchen Wölfe das Weite.“

Was tue ich, wenn ich doch einem Wolf begegne?

Wenn man einem Wolf begegnet, sollte man sich ruhig verhalten und durch Klatschen auf sich aufmerksam machen, rät Florian Brandes. „Dann weiß der Wolf, wo man ist und was man tut.“ Normalerweise werde sich das Tier in diesem Moment bereits zurückziehen. „Sollte dies wider Erwarten nicht der Fall sein, sollte man ruhig bleiben, langsam weg gehen und dabei weiter klatschen.“ Auf keinen Fall sollte man wegrennen, auf den Wolf zugehen oder ihm Futter anbieten.

Wie verhalte ich mich nach einem Autounfall mit einem Wolf?

„Die Polizei rufen und gebührende Distanz wahren, sich auf keinen Fall dem Tier nähern“, rät Brandes.

Fressen Wölfe Menschen?

Nein. Zwar beträgt der durchschnittliche Nahrungsbedarf eines ausgewachsenen Tieres etwa vier Kilogramm Fleisch pro Tag, informiert die Landesjägerschaft auf ihrer Internetseite. Aufs Jahr gerechnet entspreche das 65 Rehen, 9 Stück Rotwild und 16 Wildschweinen. Der Mensch steht allerdings nicht auf seinem Speiseplan, betont Brandes. Laut einer Kot-Analyse in Brandenburg stellen wilde Huftiere mehr als 96 Prozent der Beutetiere. Dabei dominieren Rehe (52,2 Prozent), gefolgt von Rothirsch (24,7 Prozent) und Wildschweinen (16,3 Prozent). Einen geringen Anteil machen Hasen mit knapp drei Prozent aus. Nutztiere, wie Schafe, sind keine bevorzugten Beutetiere des Wolfs. Ihr Anteil macht insgesamt weniger als ein Prozent aus. Der überwiegende Teil der Beutetiere weißt nach Angaben der Landesjägerschaft mäßige bis schlechte Kondition auf. Wölfe tragen demnach dazu bei, den Wildbestand gesund zu halten. Brandes: „Und wenn die Nahrung knapp wird, geht der Bestand zurück. Um in Fortpflanzungsstimmung zu kommen, brauchen die Tiere gute Nahrungsreserven.“

Greift der Wolf den Menschen an?

Geschätzt 10 000 bis 20 000 Wölfe leben in Europa, 40 000 in Russland und 60 000 in Nordamerika, heißt es in einer Studie des Norwegischen Institutes für Naturforschung (NINA), in der Wolfsangriffe auf Menschen untersucht wurden. Das Ergebnis: In den vergangenen 50 Jahren wurden in Europa vier Menschen von Wölfen getötet, vier in Russland und niemand in Nordamerika. In den meisten Fällen seien die Angriffe auf Tollwut zurückzuführen. Deutschland gilt seit einigen Jahren als tollwutfrei. Vier Attacken in Spanien sind auf Fehlverhalten zurückzuführen. Dort hatten Menschen die Raubtiere angefüttert. „Dadurch entdeckt der Wolf den Menschen als Futterquelle und verliert seine natürliche Scheu“, erklärt Brandes.

Sind Haustiere in Gefahr?

Hundehalter müssen in der Regel keine Angst haben, „solange der Hund in der Nähe seines Herrchens ist“, erklärt Brandes. Jäger befürchten allerdings den Verlust von Jagdhunden, wie dies in Skandinavien regelmäßig vorkommt. Auch Brandes weiß von einem Fall, in dem ein Jagdterrier in Brandenburg seinen Trieb mit dem Leben bezahlt hat. „Der Hund ist bei einer Jagd hinter einem Wolf her. In diesen Fällen wehren sich die Wölfe, – und der Terrier zieht den Kürzeren.“

Wie können sich Nutztierhalter schützen?

145 Wolfsrisse hat der Niedersächsische Landesbetrieb für Naturschutz seit 2008 nachgewiesen. Unter den getöteten Tieren waren überwiegend Schafe und Damwild, die nicht richtig eingezäunt waren. Brandes empfiehlt daher als Schutzmaßnahmen eine Unterzäunung, Elektrozäune und Hirtenhunde. Das Land Niedersachsen erstattet Haltern von Schafen, Ziegen und Gatterwild maximal 80 Prozent der Kosten. In Ausnahmefällen werden auch Schutzmaßnahmen für Pferde und Rinder gefördert. Geld erhalten allerdings nur Antragsteller, die eine Nutztierhaltung im Haupterwerb oder genossenschaftspflichtigem Nebenerwerb betreiben und die in einem ausgewiesenen Wolfsgebiet wohnen. Der Landkreis Schaumburg zählt nicht dazu.

Wer zahlt für die Verluste?

Einen Wolfsriss muss der Halter schnellstmöglich dem Wolfsberater melden. Ist nachgewiesen, dass das Tier von einem Wolf getötet wurde, zahlt das Land Niedersachsen maximal 5000 Euro Entschädigung pro Riss – vorausgesetzt, es handelt sich bei den getöteten Tieren um Schafe, Ziegen, Gatterwild, Rinder, Pferde, Jagd- oder Hütehunde. Nach der EU-Verordnung sind die Beihilfen im Agrarsektor allerdings auf 15 000 Euro innerhalb der zurückliegenden drei Steuerjahre begrenzt. In Gebieten, die zur „Förderkulisse Herdenschutz“ zählen, müssen Halter ihre Schafe, Ziegen und ihr Gatterwild zudem angemessen schützen, ansonsten zahlt das Land keine Entschädigung. Eine weitere Einschränkung ist, dass nur Haupt- und Nebenerwerbs-Tierhalter finanziell unterstützt werden, Hobby-Halter dagegen bekommen nichts.

Wie wirkt sich die Rückkehr des Raubtiers auf die Umwelt aus?

„Der Wolf ist eine Bereicherung unserer Landschaft“, betont Wildbiologin Britta Habbe. Auch Forstwirte empfangen den Wolf meist mit offenen Armen, weil sie sich einen Rückgang der Schalenwildbestände und damit sinkende Wildschäden im Wald erhoffen. Nach Einschätzung von Brandes ist die Anzahl der Wölfe jedoch zu gering, um eine Auswirkung auf die Wildtierbestände in Deutschland zu haben. Dies sollte die Jägerschaft beruhigen, die um ihren Jagderfolg fürchtet.

Darf der Wolf gejagd werden?

Nein. Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU verbietet sowohl das Töten als auch das absichtliche Stören oder Beeinträchtigen des Wolfes. Im Naturschutzrecht wird der Wolf als streng geschützte Art geführt (§ 10 BNatSchG) und genießt damit den höchstmöglichen Schutzstatus. Allerdings gibt es auch Stimmen, die fordern, den Wolf zum Abschuss freizugeben. Die Bejagung dürfe bei höheren Beständen langfristig kein Tabu sein, hatte Frank Faß gegenüber der dpa erklärt. Der Leiter des Wolfscenters Dörverden ist Vorsitzender des Arbeitskreises Wolf, der das Niedersächsische Umweltministerium berät. „In Deutschland ist es ohne eine Regulierung der Wolfsbestände nicht realistisch, eine dauerhafte Akzeptanz der Tiere bei allen Bevölkerungsgruppen zu schaffen“, meint Faß. Schaumburgs Wolfsberater Florian Brandes hält dies nicht für sinnvoll. „Es gibt in Deutschland nur sehr wenige Rudel, man kann nicht von einem stabilen Bestand sprechen. Wenn ein Tier erstmal im Jagdrecht ist, ist es schwierig, die Abschüsse zu kontrollieren.“ Nach Einschätzung von Brandes wäre der Wolf in Deutschland schnell wieder ausgerottet.

Paaren sich Wölfe mit Hunden?

Ja, das sei schon vorgekommen, berichtet Florian Brandes. „In Ausnahmefällen pflanzen sich paarungswillige Männchen in Ermangelung weiblicher Artgenossen mit Hunden fort.“ Die als Hybride bezeichneten Nachkommen gelten als gefährlich. Ihnen fehlen laut Brandes die natürliche Scheu und die Instinkte, die es Wölfen ermöglicht, in freier Wildbahn Beute zu fangen. Sie neigen daher dazu, sich Nahrung in besiedelten Gebieten zu suchen. Wenn Hybride gesichtet werden, sei es ratsam, sie zu töten, so Brandes. Denn wenn die Tiere, die in freier Wildbahn aufgewachsen sind, in ein Gehege gesperrt werden, drehen sie laut Brandes förmlich durch. „Das ist in meinen Augen Tierquälerei.“ ber

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