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Schaffen und fröhlich sein

Thema des Tages Schaffen und fröhlich sein

Wenn im Ratskeller geschlemmt, gelacht und gesungen wird, wenn der Kohl-König überrascht den Strunk des edlen Gemüses entgegennimmt – dann ist Schaffermahl. Neben dem Historischen Schützenfest ist die Zusammenkunft bei Braunkohl und Brägenwurst, die am Sonnabend im Ratskeller zum 47. Mal zelebriert wird, die traditionsreichste Veranstaltung in Stadthagen. Doch was wird da überhaupt gefeiert? Ein Blick hinter die Kulissen.

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Deftiger Braunkohl, gut gewürzte Reden und gehaltvolle Musik sind die Hauptzutaten des Stadthäger Schaffermahls. rg

Von Katharina Grimpe. Fritz Wehling legt behutsam seine Hand auf den Deckel des großen schwarzen Buches. „Hier steht alles drin“, sagt das Vorstandsmitglied des Stadthäger Verkehrsvereins und blättert stolz im liebevoll gestalteten Gästebuch. Seit 1968 richtet der Verein gemeinsam mit den Straßenvorstehern der Stadthäger Altstadt immer am Sonnabend vor dem 1. Advent das Schaffermahl aus. Seit 1974 wird über Gäste und den Verlauf des Abends mit vielen Zeichnungen und Fotos Buch geführt. Die Geschichte der Traditionsveranstaltung aber, die ist viel älter.

Viehzucht und Ackerbau spielten in Stadthagen nach der Rodung des Dülwaldes eine große Rolle. Die Landwirte organisierten sich dabei entsprechend ihrer Wohnorte in vier Bauernschaften: die sogenannten Straßenkorporationen der Obern-, Niedern-, Kloster- und Echternstraße. Diese Zusammenschlüsse trafen sich alljährlich nach Ende der Saatzeit zum Schnatgang, um die Grenzen und Wege in Feld und Flur zu begutachten. Anschließend wurde auf Einladung der Straßenvorsteher ein großes Festessen serviert. „Nicht nur bei diesen Schnatgängen, sondern vor allem bei dem gemeinsamen Mahl aller vier Straßenkorporationen, das zusammen mit Neubürgern und Gästen bei einer Schaffermahlzeit begangen wurde, herrschte frohes und geselliges Leben“, steht im Gästebuch über die Entstehung des Brauches geschrieben.

Die Bremer Schaffermahlzeit

Das Stadthäger Schaffermahl hat ein berühmtes Pendant: die Schaffermahlzeit in Bremen. Seit 1545 richtet das Haus Seefahrt die Traditionsveranstaltung im Rathaus der Hansestadt aus. Und wie in Stadthagen gilt auch in Bremen ein strenges Zeremoniell: Die Mahlzeit findet immer am zweiten Freitag im Februar statt. Eingeladen werden 100 kaufmännische und 100 seemännische Mitglieder des Hauses Seefahrt, dazu kommen 100 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Alle Gäste tragen Frack oder Uniform.
Doch anders als in der Kreisstadt nehmen sich die Bremer Schaffer sehr viel Zeit fürs Essen: Exakt fünf Stunden sind für das sechsgängige Menü vorgesehen, bei dem traditionell Hühnersuppe, Stockfisch, Seefahrtsbier, Braunkohl, Kalbsbraten, Butt und Zunge serviert wird.

Die Schaffermahlzeit in Bremen ist das älteste fortbestehende, sich alljährlich wiederholende Brudermahl der Welt. Ursprünglich war die Mahlzeit ein Abschiedsessen, bei dem die Kaufleute und Reeder am Ende des Winters ihre Kapitäne auf große Fahrt entließen. Heute dient die Veranstaltung vor allem, um Kontakte zu knüpfen und Geschäfte anzubahnen. Außerdem werden Spenden für Nautikstudenten und in Not geratene Seeleute gesammelt.

Die Idee, das alte Brauchtum wieder aufzunehmen und zu pflegen, wurde erstmals 1956 realisiert, aber erst ab 1968 regelmäßig in die Tat umgesetzt. In diesem Jahr initiierte Hermann Hippe, zu der Zeit Stadtdirektor und Vorsitzender des Verkehrsvereins, das erste Festessen nach mehrjähriger Pause, um die Bürgerschaft der Stadt enger zusammenzuschließen.

„Unser Schaffermahl ist seit mehr als 40 Jahren Tradition und ein Bekenntnis zu unserer schönen Heimatstadt“, betont Günther Bartels nachdrücklich. Der Ehrenvorsitzende des Verkehrsvereins blickt selbst auf eine lange Geschichte als Schaffer zurück. Seit 1980 hat der Stadthäger keine Veranstaltung verpasst, seit 21 Jahren trägt er als Moderator maßgeblich zur launigen Gestaltung der Herrenabende bei.

Diese folgen stets einem festen Ritual, das in seinem Ablauf nicht verändert worden ist. Gefeiert wird im Ratskeller, zu Gast sind mehr als 300 Stadthäger, die sich dem Anlass entsprechend kleiden: Dunkler Anzug ist Pflicht. Nach Grußworten des Verkehrsvereins-Chefs und des amtierenden Bürgermeisters folgt der Festvortrag eines zuvor ausgewählten Redners. Dann werden Braunkohl, Brägenwurst und Bauchfleisch auf den Tisch gebracht, bevor der im Jahr zuvor gekürte Kohlkönig aus seinem Amt verabschiedet wird. Höhepunkt ist schließlich die Krönung des neuen Kohlkönigs – ein Geheimnis, das erst in letzter Minute gelüftet wird, sagt Bartels.

In kleiner Runde entscheiden die Organisatoren, wer für die Königswürde infrage kommt. „Es ist jemand, der sich um die Stadt verdient gemacht hat.“ Als Lohn bekommt er beim Schaffermahl nicht nur den obligatorischen Grünkohl-Strunk, sondern auch die Königskette, die er ein Jahr lang als Repräsentant der Stadt bei offiziellen Anlässen wie dem Schützenfest oder der Wohltätigkeitsveranstaltung „Matjes mit Musik“ tragen darf.

„Wenn man erfährt, dass man Kohlkönig wird, schlägt das Herz höher“, beschreibt Wehling, der 2001 ausgezeichnet wurde. „Ich war wie vom Donner gerührt“, erinnert sich Bartels, der 1984 gekrönt wurde. Amtierender König ist übrigens der EU-Parlamentarier Burkhard Balz, der bei einem Besuch im Kanzleramt die Chance ergriff, Parteifreundin Angela Merkel mit umgehängter Königskette von der Traditionsverbundenheit seiner Heimatstadt zu berichten.

Hauptzutaten des geselligen Männerfestes aber sind die Musik und die Festrede. Politische Debatten werden nicht geführt, aktuelle Themen aus Stadthagen dürfen und sollen aber humoristisch und mit einem Augenzwinkern kommentiert werden. Was eine gute Festrede kennzeichnet? „Sie ist möglichst heimatbezogen und mit Humor gespickt“, fasst Bartels zusammen.

In Sachen Musik geht die ansonsten dem festen Ritual verpflichtete Veranstaltung heute Abend erstmals neue Wege: Nach 40 Jahren sorgen nicht mehr die Deistertaler Musikanten unter der Leitung von Günter Deseniß für Stimmung. Stattdessen laden Ralf Jordan und seine Schaumburger Musikanten zum Mitsingen und Schunkeln ein. Mit Jordan übernimmt allerdings kein Schaffermahl-Neuling das Zepter auf der Bühne: Der Stadthäger ist seit rund 30 Jahren als Gast beim Herrenabend dabei.

Bleibt nur noch eine Frage offen: Was ist ein Schaffer? Laut Duden steht der Begriff für einen tüchtigen Arbeiter. In Stadthagen sind die Bürger der Stadt die Schaffer, sagt Wehling und erklärt: „Alle, die stolz sind auf das, was sie gemeinsam geschaffen haben.“

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